Ist Corona nur eine harmlose Grippe? Nicht bei Karoline Preisler, die bei "Maischberger" von beunruhigenden Nachwirkungen erzählt. SPD-Chefin Saskia Esken ätzt derweil gegen Altkanzler Gerhard Schröder.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

Erst Menschen retten, dann Schuldige suchen – das schrieb Juso-Chef über ein Video vom Flammeninferno in Moria, Ein Motto, das so gar nicht in die Medienlogik dieser Tage passt. Sandra Maischberger fragt schon wenige Stunden nach der Katastrophe nach den Verantwortlichen und huscht ohne große Analyse gleich weiter, nach Belarus, Moskau und Washington - zack, zack, zack durch die Themen der Woche.

Das sind die Gäste bei Sandra Maischberger

Eine "Schande für die Europäische Union" nennt "taz"-Journalistin Bettina Gaus das Flüchtlingslager in Moria. Sie könne beide Seiten verstehen: Einwohner, die Geflüchtete daran hindern wollen, in die Dörfer zu kommen. Und die verzweifelten Menschen im völlig überfüllten Lager, die Angst vor der Pandemie haben. "Es ist eine Katastrophe mit Ansage."

"Welt"-Vizechefredakteur Robin Alexander sieht die deutsche Bundesregierung in der Mitverantwortung für das Fiasko, nicht aber den Innenminister Horst Seehofer. Die Lager seien als Teil von Angela Merkels Türkei-Deals entstanden und hätten eine falsche Hoffnung geweckt: "Wer es dahin geschafft hat, kommt nach Europa – aber diese Hoffnung hat getrogen."

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken mahnt mittelfristig eine europäische Lösung an, verspricht aber auch eine Lösung für die "armen, verzweifelten Menschen, vor allem Frauen und Kinder": "Wir werden nicht allein die 13.000 Menschen aus Moria aufnehmen in Deutschland, aber wir werden einen maßgeblichen Beitrag leisten."

Zur Wirksamkeit von Sanktionen gegen Russland äußert sich Politologin Cathryn Clüver Ashbrook skeptisch. Zwar habe sich etwa der Iran "sehr wohl an den Verhandlungstisch bringen lassen", Russland stehe aber stabil da. "Man müsste sie da treffen, wo es weh tut." Ein Stopp der Gas-Pipeline Nord Stream 2 würde der EU immerhin Zeit verschaffen, ein Sanktionspaket zu schnüren.

Der Corona-Pandemie widmet sich Maischberger gleich mit zwei Gästen. Die FDP-Politikerin Karoline Preisler dachte nach ihrer Erkrankung im März, sie sei geheilt – kämpft aber seitdem mit den Nachwirkungen wie Haarausfall, Müdigkeit und Gedächtnisproblemen. "Das hat mich total überrascht."

"Weiß Gott kein Einzelfall", erklärt Jördis Frommhold, Chefärztin in der Rehaklinik Heiligendamm. Sie erzählt von Patienten mit Taubheitsgefühlen, Wortfindungsstörungen – und sogar psychischen Problemen.

Das ist das Rededuell des Abends

Robin Alexander will dringend etwas loswerden. Wie der Klassenstreber, der im Tafelbild der Lehrerin einen Fehler erspäht hat, japst er vor sich her, einen Augenblick noch muss er warten, weil Bettina Gaus sich das Wort nicht abschneiden lässt ("Halten Sie es noch eine Sekunde aus."), dann endlich darf er zu seinem Referat ansetzen, wider die Putin-Versteher, die auf die Fehler von Nato und EU im Umgang mit Russland hinweisen, dabei aber einem Missverständnis aufsitzen, das Robin Alexander jetzt höchstpersönlich und für alle Zeiten ausräumen wird: "Man hört das immer wieder in Talkshows, und es ist immer wieder falsch", doziert er, die Georgier hätten ja nur gefragt, ob sie in die Nato dürfen, und die Ukraine wollte nicht der EU beitreten, sondern nur ein Handelsabkommen verhandeln. "Die Idee, dass Putin nur auf böse Mächte im Westen reagiert, sollten wir vergessen."

Gaus reagiert pikiert: "Das habe ich auch nicht gesagt, schon gar nicht was Belarus angeht. Ich habe nur gesagt, dass der russische Cordon Sanitaire nicht respektiert wurde." Den aber verorte Putin überall dort, wo ein Russe ist, also im Prinzip "auch Berlin-Charlottenburg", kontert Alexander. Putins Handeln erkläre sich nur "aus den Dynamiken des russischen Machtapparats", die Politiklexikon Alexander sicher liebend gern im nächsten Spontanvortrag erläutern würde, wenn es nicht - zack, zack, zack -, weiter gehen müsste zum nächsten Thema.

Das ist der Moment des Abends

"Das hätte mir Angst gemacht", sagt Sandra Maischberger, sichtlich berührt von der Geschichte von Karoline Preisler, die ihre COVID-19-Erkrankung überstanden glaubte – und dann plötzlich beunruhigende Symptome entwickelte. Statt sinnvoller Sätze entweichen ihr Wörter, die sie gar nicht sagen will, drei Tage lang. Eines Morgens erwacht sie, das Kopfkissen voller Haare, die nach und nach ausfallen. "Ich hab schlechter geschlafen, langsamer gearbeitet, alles hat mehr Zeit gekostet."

"Es ist nicht schlimmer als eine harmlose Grippe", das ist einer der Sätze, die oft fallen, in den Foren, den Kommentarspalten, an den Esstischen der Republik. Preisler und die Ärztin Jördis Frommhold lassen befürchten, dass das einfach nicht stimmt, im Gegenteil. Frommhold berichtet von trainierten Patienten im besten Alter, die noch 18 Wochen nach der Krankheit nicht in Form sind, mit Atemproblemen kämpfen, mit neurologischen Schwierigkeiten, mit Ängsten.

Was nicht heißt, dass viele Menschen diese Erfahrung mit COVID-19 machen müssen. Aber der Auftritt ruft in Erinnerung: Auch ein Dreivierteljahr nach Beginn der Pandemie wissen selbst die Mediziner noch viel zu wenig über die Krankheit – und noch weniger über die Folgen.

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Falls es noch nicht deutlich genug wurde: Sandra Maischberger tut sich und der Sendung keinen Gefallen mit ihren Kurzstrecken-Sprints durch das aktuelle Weltgeschehen, die oft so gehetzt wirken, als wolle sie sich Zeit erkaufen für die längeren, ausgeruhten Interviews. Zackige 30-Sekunden-Statement ersetzen tiefgehende Analysen, kaum einmal kommt eine echte Debatte auf, ganz zu schweigen von Aha-Momenten.

Im Vier-Augen-Gespräch mit Saskia Esken entlockt Maischberger der oft spröde wirkenden SPD-Chefin dagegen einige interessante Einblicke in den untypischen Lebenslauf einer Frau, die sich als Straßenmusikerin probiert, später als Informatikerin arbeitet, um sich dann der Mutterrolle zu verschreiben – und danach plötzlich in der Politik Karriere macht.

Die rhetorischen Tricks einer Berufspolitikerin hat sich Esken mittlerweile aber draufgepackt, Anspielungen auf ihr kniffliges Verhältnis zu Olaf Scholz pariert sie souverän – für ihre Bemerkung, Scholz sei "kein standhafter Sozialdemokrat", habe sie sich sofort bei ihm entschuldigt. Nur für Gerhard Schröder ("Muss er sich entscheiden zwischen SPD und Gazprom?") hat sie eine kaum verhüllte Spitze parat: "Es muss jeder selbst entscheiden, ob er noch in den Spiegel schauen kann."

Das ist das Ergebnis

Welchen Kanzlerkandidaten sie sich wünscht, will Esken natürlich auch nicht beantworten, für solcherlei Fragen steht aber glücklicherweise immer Robin Alexander parat, der Markus Söder schwächeln sieht: "Er kommt einfach nicht runter von seiner extremen Rhetorik." Norbert Röttgen gewinne mit seiner klaren Kante gegen Russland zwar gerade Profil, werde die Vorsitz- und Kanzlerkandidatenkür aber trotzdem verlieren, unkt Alexander, und legt gleich noch einen drauf: "Er muss ja nicht gleich Chef werden, sondern kann eine gute Rolle in der schwarz-grünen Bundesregierung spielen." Schwarz-Grün wird es also 2021, wäre das auch geklärt.

In Richtung 2021 bewegt sich auch der Blick von Sandra Maischberger, die von Lungenärztin Frommhold wissen will, ob in einem Jahr die Pandemie vorbei und alles "wieder normal" ist. Frommhold bewegt sich aber lieber in der Gegenwart und liefert ein perfektes Schlusswort, nicht nur für die Sendung: Viele Menschen würden glauben, es würde alles wie früher, aber so werde es auch mit Impfung nicht mehr. "Das normale Leben ist immer jetzt."

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