Wann ist es endlich vorbei? Bei "Maybrit Illner" macht TV-Erklärbär Ranga Yogeshwar mit Blick auf mögliche Mutationen wenig Hoffnung auf ein schnelles Ende der Pandemie – und kritisiert Jens Spahn für dessen jüngsten Vorstoß.

Alles hat ein Ende, nur die Pandemie hat zwei: Entweder das "medizinische Ende", wenn die Krankheit tatsächlich besiegt ist, oder das "soziale Ende", wenn die Menschen gelernt haben, mit ihr zu leben.

Wo stehen wir mit COVID-19, fragt Maybrit Illner am Donnerstagabend unter dem Titel "Geimpft, getestet, genesen – wann ist die Pandemie vorbei?" TV-Erklärbär Ranga Yogeshwar wähnt Deutschland in einer Untervariante des "sozialen Endes", in der "Verdrängungsphase": "Dann ist man nicht mehr bereit, den Ausnahmezustand fortsetzen. (…) Ein natürlicher Prozess, aber nicht sehr klug."

Apropos nicht klug: Gesundheitsminister Jens Spahn muss sich mal mehr, mal weniger versteckte Kritik für sein Vorpreschen in Sachen Impfung für Kinder und Jugendliche gefallen lassen.

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"Maybrit Illner": Das sind die Gäste

Virologin Helga Rübsamen-Schaeff kann der Impfung von Kindern und Jugendlichen etwas abgewinnen: "Sie geben die Krankheit weiter wie Erwachsene und sind sehr mobil – das macht sie für die Beherrschung der Pandemie interessant."

Jugendliche seien weniger gefährdet und gefährden mit steigenden Impfzahlen immer weniger Ältere, sagt Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Das mache die Risiko-Nutzen-Abwägung schwierig: "Ich bin skeptisch, Jugendliche zu nutzen, um Herdenimmunität zu erlangen."

"Wir müssen ehrlich sein: Wenn wir die Kinder und Jugendlichen außen vor lassen, sprechen wir von Durchseuchung", sagt YouTuber Mirko Drotschmann aka "MrWissen2go". Zwar seien die Verläufe meist mild, aber er kenne fünf unter Zwanzigjährige, "die können seit Monaten nicht die Treppe hochlaufen."

Skeptisch ist Hausärztin Sibylle Katzenstein aus Berlin-Neukölln. Zum Einen müsse man die Eltern mit ins Boot holen, zum Zweiten seien noch lange nicht genug Risikopatienten geimpft: "Jetzt die Impfung für Kinder zu diskutieren, ist verfrüht."

"Wir werden ja von Woche zu Woche mehr Impfstoffe haben", meint
Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin. Deswegen sei es "überfällig", jetzt auch größere Gruppen anzusprechen.

Das ist der Moment des Abends

Woran wir merken, dass die Pandemie vorbei ist? Vielleicht daran, dass wir irgendwann nicht mehr alle paar Tage einen neuen Fachbegriff aus dem COVID-Alphabet von Aerosol bis Zoonose lernen müssen.

Ranga Yogeshwar greift an diesem Abend eine derzeit recht prominente Vokabel auf: "Variant of Concern" nennen Mediziner die Mutationen, die Potenzial für mehr Ansteckungen und heftigere Verläufe bergen – oder sich sogar zu einer Fluchtvariante entwickeln könnten, die quasi gegen Impfungen immun sind.

"Dann geht das Spiel von vorne los", warnt Yogeshwar. Deswegen sei die Pandemie erst überstanden, wenn weltweit Entwarnung gegeben werden kann – aktuell kein denkbares Szenario bei täglich 200.000 Neuinfektionen allein in Indien.

"Das ist ein Nährboden für neue Varianten und 'Variants of Concern'". Zur Einordnung der weltweiten Lage hat Illner auch noch ein paar Daten parat: In Kamerun sind 0,2 Prozent der Menschen geimpft, in Jemen 0,06 Prozent. Diesen Ländern muss geholfen werden, fordert Yogeshwar, und wenn nur aus Egoismus: "Das ist kluger Egoismus."

Das ist das Rede-Duell des Abends

Jens Spahn hat Glück, dass Michael Müller bei "Maybrit Illner" eher in seiner Rolle als Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz auftritt, und nicht als Wahlkämpfer für die SPD.

So berichtet der Berliner Bürgermeister nur vage von "großer Verärgerung" in der MPK, weil "zuletzt der Eindruck erweckt worden sei", dass mit zusätzlichem Impfstoff eine Extrakampagne für Kinder und Jugendliche gestartet würde. Wer diesen Eindruck erweckt hat, drückt er umständlicher aus, als nötig: "Das Bundesgesundheitsministerium hat zu viel versprochen". Im Klartext: Jens Spahn hat zu viel versprochen.

Sogar Unions-Länderchefs rügten Spahn laut "Süddeutsche Zeitung" in der MPK für die "sinnlose Debatte", Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident, der am 6. Juni zur Wahl steht, habe sich "möglichst wenige Pressekonferenzen auf Bundesebene" gewünscht, damit die Bürger "nicht weiter irritiert" würden.

Bei "Maybrit Illner" wird YouTuber Mirko Drotschmann deutlicher als Michael Müller. Es sei "Augenwischerei" und "unrealistisch", dass ein junger Mensch einen Termin bekommt. Die Politik schüre einen Generationenkonflikt, wenn sich nun 18-Jährige mit 80-Jährigen um Impftermine streiten müssten. "Das ist ein weiterer Nackenschlag für junge Menschen."

Warum der Vorstoß? Ranga Yogeshwar hat eine Theorie: Schon öfter sei eine Erwartungshaltung geweckt worden in der Pandemie, die nicht erfüllt werden konnte. "Jetzt junge Menschen zu mobilisieren, obwohl es nicht genug Impfstoff gibt, ist nicht sehr klug – aber wir haben ein Wahljahr."

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

Hat sie das wirklich gesagt? Als Michael Müller von den im Vergleich zum Durchschnitt höheren Inzidenzen an den Schulen berichtet, wirft Illner ein: "Vielleicht wird da mehr getestet, deswegen ist die Inzidenz so hoch." Ein Satz, die man so oder so ähnlich aus Corona-Leugner-Kreisen kennt: Die Pandemie sei bloß "herbeigetestet" worden. Was nebenbei bemerkt natürlich von bestechender Logik ist, Raser gibt es ja auch nur, weil geblitzt wird.

Müller, sichtlich irritiert, korrigiert die Gastgeberin: "Nein, deswegen wird die Inzidenz entdeckt." Da hat Illner ihren Versprecher aber schon bemerkt und verbessert sich: "Ich wollte sagen: Nirgendwo wird so viel getestet, wie in Schulen." Kann passieren, weitermachen.

Das ist das Ergebnis

In einzelnen Länder scheint die Lage unter Kontrolle zu sein. Virologin und Pharma-Managerin Helga Rübsamen-Schaeff weist etwa auf die Situation in Israel hin, wo sich die 60 Prozent Durchimpfungsquote als eine Art magische Grenze zum Guten erwiesen hat. Wer mit einer geringeren Quote öffne, wie etwa Großbritannien, gehe damit ein Risiko ein, warnt sie – gerade im Hinblick auf die indische Variante.

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