Schnelltest, Shoppen, Schlemmen – das ist Boris Palmers Vision für die nächsten Wochen. Bei "Maybrit Illner" hält Karl Lauterbach dagegen und bittet um einige Wochen Geduld. Harald Lesch bricht eine Lanze für Astrazeneca.

Christian Bartlau
Eine Kritik
von Christian Bartlau

Pandemie ist, wenn so ein Satz plötzlich Sinn ergibt: "Auf eine Genehmigung zum Nasebohren warten wir nicht", sagt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer mit heiligem Ernst in der Stimme am Donnerstagabend bei "Maybrit Illner".

Der Grüne und seine Stadt fahren eine ganz eigene Strategie gegen Corona, und die "Nasenbohrer-Tests" gehören dazu - Karl Lauterbach gefällt das nur mäßig. Der SPD-Mann und TV-Erklärbär Professor Doktor Harald Lesch legen sich mächtig für Impfstoff-Aschenputtel Astrazeneca ins Zeug.

Das ist das Thema bei "Maybrit Illner"

Die Inzidenz steigt, die Laune sinkt – in dieser diffizilen Lage diskutiert Deutschland mal wieder über Lockerungen, einige Bundesländer ziehen sie auf eigene Rechnung einfach durch. "Lockern, aber sicher – geht das?", fragt Maybrit Illner deshalb ihre Runde.

Das sind die Gäste

  • "Wir können nicht mehr", sagt Boris Palmer. Viele Innenstädte würden einen längeren Lockdown nicht überleben. Er plädiert für Öffnungen "mit guten Konzepten", basierend auf Schnelltests, die sechs Stunden gültig sind - dann dürfe man in Tübingen "shoppen und schlemmen".
  • Susanne Schreiber, Vize-Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, kann der Teststrategie à la Palmer durchaus etwas abgewinnen, allerdings nur in wichtigen Bereichen wie Schulen. Und sie hat Bedenken: "Wir müssen gut aufklären, sonst denken die Leute nach einem Test, sie sind eine Woche lang sicher."
  • Chef-Mahner Karl Lauterbach (SPD) würde lieber noch ein paar Wochen abwarten. Die Schnelltests hält er nicht für ein Allheilmittel, weil es an Qualität mangele: "Viele Tests werden Schrott sein."
  • Amtsärztin Isabelle Oberbeck aus Weimar übt Kritik an der Kommunikation der Regierung – sie muss ad hoc Teststrecken organisieren. "Wir fänden es schön, wenn wir nicht über die Zeitungen von solchen Plänen erfahren würden."
  • Harald Lesch, Physik-Lehrer der Nation beim ZDF, hält den deutschen "Perfektionismus" für hinderlich im Kampf gegen Corona. Siehe Schnelltests: "Es ist unglaublich, wie lange das gedauert hat."
  • Hauptstadtjournalistin Shakuntala Banerjee ordnet die Spannungen zwischen Bundeskanzlerin und Gesundheitsminister ein: "Angela Merkel beschädigt Jens Spahn. Im Normalzustand würden jetzt Rufe nach seinem Rücktritt laut."

Das ist der Moment des Abends

Wenn es noch ein Beispiel für das deutsche Impfdesaster braucht: Nur rund vier Prozent der Deutschen sind geimpft, große Teile der Risikogruppen warten auf ihre Immunisierung – und irgendwo liegen über eine Million Dosen von Astrazenecas Impfstoff auf Halde.

Das liegt an schlechter Organisation – und dem schlechten Image des Impfstoffes. Eine "hysterische Reaktion" der Bevölkerung beobachtet Harald Lesch. "Oder es wurde falsch kommuniziert, wie er wirkt." Ob er sich mit Astrazeneca impfen würde? "Selbstverständlich. (…) Er schützt vor schweren Verläufen. Besser so geimpft, als gar nicht."

Schützenhilfe bekommt Astrazeneca auch von Karl Lauterbach, der anmerkt, der Impfstoff wirke bei über 80-Jährigen noch besser als Biontech. "Ich würde mich auch damit impfen lassen."

Das ist das Rede-Duell des Abends

Blöd nur, dass der Impfstoff derzeit nicht für über-65-Jährige zugelassen ist. "Ein schwerer strategischer Fehler", sagt Boris Palmer, der sich dabei ausnahmsweise mit Karl Lauterbach einig weiß.

Bei der Frage der Öffnungen sieht das ganz anders aus. "Sechs bis acht Wochen" brauche man noch, um alle Menschen ab 70 Jahren zu impfen, vermutet Lauterbach. Ein Frühstart würde bedeuten, "dass wir direkt in die dritte Welle hineinlockern".

Auch sonst skizziert der SPD-Mann wie gewohnt Worst-Case-Szenarien: Menschen, die ihre Selbsttests falsch ausführen oder ein positives Ergebnis ignorieren; die aus den "roten Zonen" zum Shoppen in geöffnete Einkaufszentren in Nachbarbundesländern fahren und das Virus mitschleppen ...

"Alles lösbare Probleme", wirft Boris Palmer ein, "Sie sollten nicht immer nur Bedenken vortragen." Kein neuer Vorwurf, Lauterbach reagiert entspannt: "Ja, ich bin nur dafür, dass wir es besser vorbereiten und nicht alles hopplahopp machen."

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

Unaufgeregt, aber gewohnt zackig leitet Maybrit Illner durch die gefühlt 500. Sendung zum Thema Corona. Nicht ganz so gelungen nur ihr Glückwunsch zur 1.500. Sendung des Kollegen Markus Lanz im Anschluss: "Ein Jubiläumskranz für Markus Lanz … ich versuch's lieber gar nicht erst mit dem Reimen. Schauen Sie seine Sendung, darüber freut er sich am meisten."

Das ist das Ergebnis

Die Inzidenz ist nicht alles, darauf weist Amtsärztin Isabelle Oberbeck hin. Die weiteren Faktoren für das Pandemiegeschehen seien ebenso wichtig: Contact Tracing, Schwere der Krankheiten, die Situation in den Krankenhäusern. Und trotzdem: "Uns als Gesundheitsamt hilft der Lockdown, auch wenn wir wissen, er kann nicht ewig anhalten."

Boris Palmer ist noch immer der Meinung, mit Schnelltest und einer vernünftigen Corona-App wäre der Lockdown komplett zu vermeiden gewesen: "Das Problem ist unser Sicherheitsdenken, aber in der Pandemie geht Schnelligkeit vor Gründlichkeit."

Ein Satz, der Karl Lauterbach fast körperliche Schmerzen bereitet: "Wir dürfen nicht den Fehler machen, jetzt unvorbereitet loszulegen." Nun: Am 1. März dürfen in Bayern und Sachsen-Anhalt die Baumärkte wieder öffnen, in Brandenburg und Baden-Württemberg die Gärtnereien – und nächste Woche will die Ministerpräsidentenkonferenz über eine Öffnungsstrategie beraten. Viel Zeit für die Vorbereitung bleibt nicht mehr.

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