Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder Jens Spahn. Die Frage nach dem neuen CDU-Chef elektrisiert die Partei. Bei Sandra Maischberger tendierte eine frühere Ministerin zu Merz – und rechnete mit dem Politikstil von Kanzlerin Angela Merkel ab.

Eine Kritik
von Thomas Fritz, Freier Autor

Die CDU wählt am Freitag in Hamburg einen neuen Vorsitzenden. Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer (kurz: AKK) oder Ex-Fraktionschef Friedrich Merz dürften das Rennen machen. Gesundheitsminister Jens Spahn gilt als chancenlos.

Worum geht es?

Für die CDU ist die Abstimmung mehr als eine Richtungsentscheidung, schließlich hat der Gewinner oder die Gewinnerin große Chancen, spätestens 2021 die Nachfolge von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) anzutreten.

Kann Friedrich Merz Kanzler? Darüber wird in "Hart aber Fair" diskutiert.

Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen unter dem Thema "Der Dreikampf des Jahres: Wer übernimmt Merkels Thron?" über die Chancen der Kandidaten und was ihre Wahl für Land und Partei bedeuten würde.

Wer sind die Gäste?

Norbert Blüm: Der langjährige CDU-Bundesminister favorisiert Annegret Kramp-Karrenbauer. Blüm erwartet unter dem Neoliberalen Friedrich Merz eine Politik, die für die Schwachen der Gesellschaft nicht viel Gutes mit sich bringt. Schließlich prognostizierte er, in einer Welt "wildgewordener Männer" wie Jair Bolsonaro (Brasilien) oder Recep Tayyip Erdogan (Türkei) werden sich die Deutschen irgendwann "nach Angela Merkel und ihrem Regierungsstil zurücksehnen."

Dr. Werner Patzelt: Der Politikwissenschaftler erwartet unter einer CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer eine Stärkung der AfD, weil sie kaum Wähler von rechts zurückholen würde. Zudem wies er die These zurück, dass Merz für eine Politik der sozialen Kälte stehe. "Wir wissen das nicht. Ein Mensch kann sich ändern."

Gabor Steingart: Der Journalist und Autor gab sich klar als Fan von Friedrich Merz zu erkennen. Merz habe ein klareres Profil, besonders bei wirtschaftspolitischen Fragen als AKK. "Merz weiß, was los ist. Merz könnte Bundeskanzler sein ohne die 100-Tage-Frist. Er weiß, was in diesem Land gespielt wird." Bei AKK sei hingegen bei einigen Themen unklar, wofür sie stehe. Er erwartet von Führungspersonal, dass es mal "eine Idee platziert" und "intellektuelle Schärfe" besitzt. "Sie ist keine Führerin, weder für die Partei, noch für das Land", ätzte Steingart. Sein Fazit: AKK ist "kein Merkel-Klon, sondern Merkel minus".

Melanie Amann: Die Spiegel-Journalistin hält Kramp-Karrenbauer für die Favoritin. Merz` Lager sei das lautere, AKK`s Lager das größere. "Spahns Zeit kommt noch" prognostizierte sie. Aufgrund seiner Verflechtungen in die Wirtschaft sieht die Journalistin bei Merz Interessenkonflikte. Schließlich wies sie die These zurück, dass Merkel der CDU einen sozialdemokratisch orientierten Kurs aufgezwungen habe. "Es war ein Kurs, den die Partei wollte."

Kristina Schröder: Die frühere Bundesfamilienministerin darf auf dem CDU-Parteitag als eine von 1001 Delegierten über den Nachfolger oder die Nachfolgerin Merkels abstimmen. Sie tendiert zu Merz, weil er und auch Jens Spahn in ihren Augen dafür stehen, "die CDU klar zu positionieren". Indirekt übte Schröder scharfe Kritik am Politikstil Angela Merkels – ohne sie beim Namen zu nennen. Es habe in den vergangenen Jahren in der CDU eine Tendenz gegeben die "eigene Politik so langweilig wie möglich zu gestalten, damit der Wähler ins Koma fällt", schimpfte Schröder. "Eine Strategie, die gewissermaßen unpolitisch ist."

Was war das Rededuell des Abends?

Als Gabor Steingart die Wirtschaftskompetenz von Friedrich Merz pries, holte er zum Rundumschlag gegen das Parlament aus. In Berlin würden sich zu viele Leute mit Geld ausgeben beschäftigen.

"Der Bundestag ist zu 80 Prozent gefüllt mit Sozialpolitikern", behauptete er. Da fühlte sich Norbert Blüm direkt angesprochen. "Übertreiben Sie nicht!", rief er in Richtung des Journalisten. "Insofern hat Norbert Blüm viele Nachfolger", ergänzte Steingart.

Was war der Moment des Abends?

Ein Bild von Spiegel-Journalistin Amann. Sie verglich die Beziehung zwischen der CDU und Friedrich Merz mit einer alten Jugendliebe, mit der man um die Häuser ziehen konnte und die man dann nach vielen Jahren wieder trifft.

"Aufgewärmte Liebe funktioniert oft nicht. Man bleibt dann doch beim Ehepartner", schlussfolgerte Amann. Dafür erntete sie einige Lacher in der Runde.

Was ist das Fazit?

Sollte Annegret Kramp-Karrenbauer zur CDU-Vorsitzenden gewählt werden, wäre das für den inneren Frieden der CDU gefährlicher als eine Niederlage von AKK, glaubt Amann. Weil die Merz-Fans mit einem "Weiter so!" ein großes Problem hätten. Für Norbert Blüm wäre das ein Schreckensszenario, weil sich die Partei dann wieder vor allem mit sich selbst beschäftigen würde.

Gabor Steingart geht dagegen davon aus, dass Merkel mit einem CDU-Vorsitzenden Merz keine grundsätzlichen Probleme hätte. Das einst "sehr frostige Verhältnis" habe sich wieder gelockert". Trotzdem hält er im Falle eines Merz-Sieges ein Ende ihrer Kanzlerschaft im Jahr 2019 für denkbar. Und was wären die Folgen für die Parteienlandschaft? Schröder glaubt, dass die SPD unter Merz an der CDU-Spitze zulegen wird und die Ränder geschwächt werden.
Eine Stärkung der AfD erwartet dagegen Politikwissenschaftler Patzelt für den Fall eines AKK-Sieges. Umgedreht sei die Schwächung der AfD unter einem Vorsitzenden Merz kein Automatismus. "Wenn er die Wählerschaft der AfD halbieren will, muss er sich was anderes einfallen lassen als das Wirtschaftsthema", sagte Amann vor dem Hintergrund der kommenden Landtagswahlen in Ostdeutschland.

Schließlich warf die Journalisten die Idee in den Raum, dass Merz-Förderer Wolfgang Schäuble im Falle des vorzeitigen Rückzugs Merkels für ein oder zwei Jahre den "Übergangskanzler" geben könnte. Er habe diesen Traum noch nicht beerdigt.

Und da wären wir wieder beim Streit um den CDU-Vorsitz. Steingart wies darauf hin, dass die Delegierten indirekt auch den kommenden Kanzler bestimmen. Denn die CDU ist aktuell die einzige kanzlerfähige Partei.

Die hessische Landtagswahl hat die Unsicherheit in der Bundesregierung weiter vergrößert. Eine Zukunft hat die Große Koalition wohl nur, wenn sie ein häufig gemachtes Versprechen in die Tat umsetzt.