Nach dem erfolglosen G7-Gipfel mit demonstrativer Blockade-Haltung von US-Präsident Donald Trump hat Angela Merkel Europa dazu aufgerufen, sich auf die eigenen Kräfte zu besinnen. Der Satz der deutschen Kanzlerin löste in den USA ein mediales Beben aus.

"Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen. Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei."

Diese beiden Sätze von Bundeskanzlerin Angela Merkel, ausgesprochen am Sonntag bei einer Wahlkampfveranstaltung in München, haben nicht nur in Deutschland für Aufsehen gesorgt.

Angela Merkel meint Donald Trump

Ohne namentlich genannt zu werden, war der Adressat der Botschaft nicht schwer auszumachen: US-Präsident Donald Trump.

Trump hatte die Gruppe der sieben großen Industrienationen (G7) mit seinem Konfrontationskurs in eine schwere Krise gestürzt.

Nur in letzter Minute konnte auf dem zweitägigen Gipfel in Taormina auf Sizilien ein Fiasko abgewendet werden. Massive Differenzen gab es im Klimaschutz und beim Umgang mit Flüchtlingen.

Allein in der Handelspolitik näherten sich die Staats- und Regierungschefs an. Die mageren Ergebnisse des Gipfels stießen auf scharfe Kritik.

In diesem Kontext sprach Merkel ihre beiden Sätze, die als Zäsur in der transatlantischen Nachkriegsgeschichte verstanden werden.

Zwar gibt es auch Stimmen, die Merkels Aussage als Wahlkampf-Rhetorik bezeichnen. Allerdings darf bezweifelt werden, dass die Kanzlerin mit derart gewichtigen Positionierungen nur innenpolitisch taktieren will.

Enormes Echo in den USA

Entsprechend große Bedeutung wird dem Zitat auch in den USA beigemessen.

"Merkel schlägt ein neues Kapitel der US-europäischen Beziehungen auf", erkannte die renommierte "Washington Post".

Michael Birnbaum, Leiter des Brüsseler Büros der "Washington Post", ordnet Merkels Zitat auf Rückfrage unserer Redaktion aus US-amerikanischer Perspektive ein - und erkennt die Dimension eines politischen Bebens.

"Dass Kanzlerin Angela Merkel Europa darauf einschwört, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, ist in den Vereinigten Staaten eingeschlagen wie ein Blitz", meint Birnbaum.

Trump hat Brücken nach Europa zerstört

Viele politische Beobachter und Kommentatoren würden in Merkels Aussage "das Ende einer Nachkriegs-Ära" sehen, in der die USA "die dominierende Macht in der Region" waren.

"Zugleich ist es auch ein vernichtender Rückblick auf den Europa-Besuch von Donald Trump", so Birnbaum. Merkels Zitat lege den Schluss nahe, Trump habe "in drei Tagen mehr Brücken zerstört, als er aufgebaut hat".

Merkels Kommentar bestimmte am Tag danach die Schlagzeilen in führenden US-Medien. Und die Einordnung ist klar: "Nur wenige bewerten ihre Aussage vor dem Hintergrund des deutschen Bundestagswahlkampfes", bestätigt Birnbaum gegenüber unserer Redaktion.

"Stattdessen", erklärt der "Washington Post"-Korrespondent besorgt, "beobachtet man, wie Europas wichtigster Regierungschef die Beziehungen zu einem US-Präsidenten aufkündigt, der seine Verbündeten offensichtlich nicht wertschätzt."

Ischinger: Nabelschnur nicht durchtrennen!

Als Konsequenz daraus begrüßt hierzulande auch Wolfgang Ischinger den neuen Kurs der Kanzlerin. Doch der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz warnt auch vor einer transatlantischen Eiszeit.

"Die Kanz­le­rin hat na­tür­lich recht: Eu­ro­pa muss sein Schick­sal stär­ker selbst in die Hand neh­men", meint Ischinger in der "Bild-Zeitung". Es wäre jedoch ein Fehler, "jetzt denen zu fol­gen, die die trans­at­lan­ti­sche Na­bel­schnur am liebs­ten gleich ganz durch­tren­nen möch­ten", meint Ischinger.

Europa müsse deshalb "mit stra­te­gi­scher Ge­duld wei­ter daran ar­bei­ten, dass Trump er­kennt, dass wir Eu­ro­pä­er weit und breit seine bes­ten Part­ner sind."

Sigmar Gabriel scheint zu bezweifeln, dass sich diese Geduld für Europa auszahlen wird.

Gabriel spricht USA Führungsrolle in der Welt ab

Deutschlands Außenminister spricht den USA unter Präsident Donald Trump bereits die Führungsrolle in der westlichen Wertegemeinschaft ab und beklagt den "Ausfall der Vereinigten Staaten als wichtige Nation".

Wie Merkel, so plädiert auch der Vize-Kanzler nun für eine europäische Emanzipierung. "Nur dann werden wir die Kraft haben weltpolitisch glaubwürdig ein Akteur zu sein", betont Gabriel in Berlin.

Er sei der festen Überzeugung, "dass wir als Europäer stärker werden müssen und alles daran setzen werden, die Vereinigten Staaten von Amerika eines Tages wieder zurückzuholen in diese Idee des Westens."