• Der Kanzlerkandidat der Union, Armin Laschet, hat ein Tempolimit von 130 km/h unlängst aufgrund der Zunahme an E-Autos als unlogisch bezeichnet.
  • Doch gibt es einen Zusammenhang zwischen Klimaschutz, Tempolimit und E-Autos? Und welche Auswirkungen hat ein Tempolimit allgemein?
  • Diese Fragen beantworten Annette Stolle von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und Katrin van Randenborgh vom Allgemeinen Deutschen Automobilclub (ADAC).

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Der Kanzlerkandidat der Union, Armin Laschet, hat sich im Gespräch mit dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" gegen ein allgemeines Tempolimit ausgesprochen. Es gehe darum, Technologien zu verbessern: "Warum soll ein Elektrofahrzeug, das keine CO2-Emissionen verursacht, nicht schneller als 130 fahren dürfen? Das ist unlogisch", sagte der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens.

Dem Klima sei damit nicht geholfen. "Im Übrigen liegt auch heute schon die durchschnittliche Geschwindigkeit auf Autobahnen bei Tempo 117", erklärte Laschet. Eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) von 2010 bis 2014 kommt zu ähnlichen Werten. Auf Strecken ohne Tempolimit lag die Durchschnittsgeschwindigkeit bei 124,7 km/h. Was also bringt ein Tempolimit?

Steigende Verkehrssicherheit? Was ein Tempolimit auf Autobahnen nutzt

Annette Stolle von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) erklärt dazu gegenüber unserer Redaktion: "Ein Tempolimit führt nachweislich zu einer steigenden Verkehrssicherheit. Die Zahl der Toten und Schwerverletzten sinkt." Katrin van Randenborgh vom ADAC schränkt dazu ein: "Die Autobahnen sind bei weitem die sichersten Straßen in Deutschland." Rund ein Drittel aller Kraftfahrzeugkilometer würden dort gefahren, der Anteil der Verkehrstoten sei mit 12 Prozent aber weit unterdurchschnittlich.

Wohl auch deshalb fordert ein neues Bündnis aus DUH, der Gewerkschaft der Polizei NRW, des ökologischen Verkehrsclubs VCD, des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland und der Nichtregierungsorganisation "Changing Cities" die Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit außerorts auf 80 km/h. Die meisten Unfälle mit Todesfolge geschahen 2020 laut Statistischem Bundesamt in Deutschland nämlich auf Landstraßen (58,6 Prozent). Das Bündnis fordert aber auch ein Tempolimit für die Autobahn.

Tempolimit auf Autobahnen: Deutschland im europäischen Vergleich

Die theoretischen Gründe für eine höhere Verkehrssicherheit mit Tempolimit auf Autobahnen sind dabei vielfältig: Ein gleichmäßiger Verkehrsfluss, weniger hohe Geschwindigkeitsunterschiede zwischen den Fahrzeugen und eine geringere Durchschnittsgeschwindigkeit können angeführt werden.

Nach Daten der "European Road Safety Observatory" von 2018 liegt Deutschland bei der Todesrate je 1.000 Kilometer Autobahn in Europa im Mittelfeld. Höhere Todesraten weisen also auch Länder mit Tempolimit auf. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass ein Tempolimit nicht der alleinige Faktor für die Höhe der Todesrate ist. Weitere Faktoren sind beispielsweise der Konsum von Alkohol, die Verkehrsdichte und auch der Zustand der Straßen.

DUH-Sprecherin Stolle weist darauf hin, dass eine Datenanalyse des "Spiegel" aus dem Jahr 2017 dennoch zu dem Ergebnis kam, dass 140 Todesfälle mit Hilfe eines Tempolimits hätten verhindert werden können. "Auf Strecken mit einem Tempolimit passieren 75 Prozent weniger Todesfälle", erklärt sie.

Umweltschutz: Wie viel CO2 spart ein Tempolimit ein?

Eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes hat derweil die Auswirkungen eines Tempolimits auf die Umwelt untersucht und gibt dabei die CO2-Einsparungen mit 1,9 Millionen Tonnen bei Tempolimit 130 km/h, 2,9 Millionen Tonnen bei Tempolimit 120 km/h und 6,2 Millionen Tonnen bei Tempolimit 100 km/h an. Katrin van Randenborgh vom ADAC weist darauf hin, dass die aktuell diskutierten 130 km/h Tempolimit "einem Minus der CO2-Emissionen des Straßenverkehrs um rund 1,2 Prozent" entsprechen.

In der Studie des Umweltbundesamtes seien aber, sagt DUH-Sprecherin Stolle, "indirekte Effekte der Verlagerung auf andere Verkehrsmittel" und auch längerfristige Effekte auf den Bau von Fahrzeugen nicht einberechnet. Durch die Umsetzung der Forderungen der DUH - auf Autobahnen 100km/h tagsüber und 120 km/h nachts, außerorts 80 km/h und innerorts 30 km/h - könnten jährlich "bis zu acht Millionen Tonnen CO2" gespart werden, sagt Stolle.

An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fließen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäß dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Informationen zur Methode finden Sie hier, mehr zum Datenschutz hier.
Umweltschutz: Der Zusammenhang zwischen Tempolimit und Stickoxiden

Die DUH-Sprecherin ergänzt noch einen weiteren Umweltaspekt: "Das Tempolimit ist eine Maßnahme zur Senkung der Stickoxide, die empfindliche Ökosysteme gefährden." Aus diesem Grund sei in den Niederlanden ein Tempolimit von 100 km/h tagsüber gegen die hohe Belastung von "Natura 2000-Gebieten" eingeführt worden.

"Natura 2000-Gebiete" sind verschiedene spezielle Naturschutzgebiete innerhalb der Europäischen Union, die von den Mitgliedsstaaten selbst festgelegt wurden. Der grenzüberschreitende Schutzraum soll vor allem bedrohte Tiere und Pflanzen schützen. In Deutschland seien laut Stolle "zwei Drittel der Fläche empfindlicher Ökosysteme 2015 durch zu hohe Stickstoffeinträge bedroht. Das Tempolimit ist auch hierbei eine notwendige Maßnahme."

Machen E-Autos ein Tempolimit überflüssig?

Doch wie steht es um den von Armin Laschet skizzierten Zusammenhang zwischen E-Autos und dem Tempolimit im Hinblick auf CO2? ADAC-Sprecherin van Randenborgh kommentiert: "Je höher der Anteil von E-Autos, desto geringer die Auswirkungen eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen im Hinblick auf die Reduzierung der CO2-Emissionen. E-Autos fahren tatsächlich CO2-frei, sofern sie mit Strom aus erneuerbaren Quellen unterwegs sind."

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Die DUH meint dagegen, Tempolimit und E-Mobilität bedingten einander. Ein Tempolimit sei die beste Werbung für E-Mobilität: "Ein Tempolimit erhöht die Reichweite von E-Autos", erklärt Stolle. Und es fördere nachhaltige und zukunftsfähige E-Autos: "Denn ein Tempolimit macht kleine Akkus möglich und leichte Autos mit kleinen Akkus verschwenden weniger Energie und Ressourcen."

Nebeneffekte des Tempolimits: Weniger Stau, weniger Stress, weniger Lärm

Die DUH führt noch einige weitere Gründe für ein Tempolimit an. Dazu gehören eine Lärmreduzierung und ein besserer Verkehrsfluss, auch durch weniger unfallbedingte Staus. Das hänge mit der Aufnahmekapazität der Autobahnen zusammen, die bei Tempo 80 bis 100 am größten sei, erklärt Stolle. Darüber hinaus führe ein Tempolimit zu einem sinkenden Kraftstoffverbrauch und damit zu einem finanziellen Vorteil für die Fahrer, und darüber hinaus zu weniger Stress im Straßenverkehr.

Der ADAC stimmt letzterem zu: "Unabhängig von der Geschwindigkeit erfordert das Führen eines Autos grundsätzlich höchste Konzentration und Aufmerksamkeit. Für Verkehrsteilnehmer kann jedoch ein Tempolimit weniger Stress beim Fahren bedeuten", sagt van Randenborgh.

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Tempolimit - ja oder nein? Das sagen die Bürgerinnen und Bürger

Doch was sagt eigentlich die Bevölkerung? In einer Umfrage unter ADAC-Mitgliedern sprachen sich 50 Prozent für und 45 Prozent gegen ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen aus. Und einer Studie des Bundesumweltamtes zufolge sprach sich eine Mehrheit von 64 Prozent der Bürgerinnen und Bürger für ein Tempolimit aus, wobei 21 Prozent deutlich gegen eine Umsetzung Stellung bezogen.

Ob ein Tempolimit in nächster Zeit eingeführt wird, hängt nun vor allem von einem Ereignis im September ab: der Bundestagswahl. Die Grünen und die SPD treten für ein Tempolimit von 130 km/h ein, die Linke fordert 120 km/h. Union und FDP lehnen pauschale Höchstgrenzen ab. Je nach Regierungskoalition könnte eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen also zu erwarten sein.

Über die Expertinnen: Katrin van Randenborgh ist ADAC-Unternehmenssprecherin und leitet den Bereich Media Relations beim ADAC. Der Mobilitätsclub ist mit mehr als 21 Millionen Mitgliedern Europas größter Verein.
Annette Stolle ist stellvertretende Leiterin für Verkehr und Luftreinhaltung bei der Deutschen Umwelthilfe. Der eingetragene Verein setzt sich seit 1975 für Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutz ein.

Verwendete Quellen:

  • adac.de: Tempolimit auf Autobahnen
  • bast.de: Geschwindigkeiten auf Bundesautobahnen in den Jahren 2010 bis 2014
  • destatis.de: Pressemitteilung Nr. 321 vom 7. Juli 2021
  • ec.europa.eu: Traffic Safety Basic Facts 2018
  • rnd.de: Kanzlerkandidat Laschet: Tempo 130 ist unlogisch
  • Schriftliches Interview mit Annette Stolle
  • Schriftliches Interview mit Katrin van Randenborgh
  • spiegel.de: Tempolimit könnte bis zu 140 Todesfälle im Jahr verhindern
  • umweltbundesamt.de: Klimaschutz durch Tempolimit
  • umweltbundesamt.de: Umweltbewusstsein in Deutschland 2020
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