Nach Caterham meldet mit Marussia der nächste Formel-1-Rennstall Insolvenz an. Wie von vielen Verantwortlichen befürchtet, sorgt der immense finanzielle Aufwand in der Eliteklasse für einen immer größer werdenden Existenzkampf der Rennställe. Während die Kosten steigen, schwinden die Einnahmen – dies könnte dafür sorgen, dass die Formel 1 sich bald selbst verschlingt.

"Die größte Baustelle in der Formel 1 sind die hohen Kosten. Wir müssen sie reduzieren", hatte Weltverbandschef Jean Todt noch im April dem Fachmagazin "Auto, Motor und Sport" erklärt. Ein knappes halbes Jahr später haben diese Kosten zwei Rennställe in die Insolvenz getrieben, denn hinter dem Fahrer und seinem Auto stehen Hundertschaften an Beschäftigten und Materialkosten, die jede Saison Unmengen an Geld verschlingen.

Massives Gefälle bei den Budgets

Das Jahresbudget der Formel-1-Teams besteht zum größten Teil aus Sponsorengeldern und der Beteiligung an den Gesamteinnahmen der Formel 1. Und die sind gigantisch: Aus TV-Einnahmen, Zahlungen der Rennstrecken und Sponsoring- und Merchandise-Einnahmen kamen im vergangenen Jahr geschätzt 1,3 Milliarden Euro Gewinn zustande. Dieser wird zu jeweils 50 Prozent an den Inhaber der kommerziellen Rechte mit Bernie Ecclestone als Geschäftsführer und die Teams verteilt.

Da beide Parteien noch einmal jeweils 2,5 Prozent an Ferrari als langjährigsten Teilnehmer zahlen müssen (insgesamt 5 Prozent), gehen nur 47,5 Prozent des Gewinnanteils an die Teams. Die Hälfte davon wird zu gleichen Teilen an alle verteilt. Demnach erhielt jedes Team 2013 einen Anteil von umgerechnet zirka 26 Millionen Euro. Die andere Hälfte wird nach Platzierung an die besten zehn Teams verteilt. Der Elftplatzierte Caterham ging demnach leer aus. Dagegen erhielt Weltmeister Red Bull zusätzlich rund 50 Millionen Euro, während der zehntplatzierte Marussia nur knapp zehn Millionen Prämie erhielt.

Darüber hinaus erhalten die großen Rennställe Red Bull, Ferrari und McLaren noch einmal Sonderzahlungen aus dem Anteil von Bernie Ecclestone, der als "Constructors-Championship-Bonus" bezeichnet wird. Dieses Extrageld an die drei großen Teams beträgt: etwa 55 Millionen Euro für Red Bull, 47 Millionen für McLaren und 31 Millionen für Ferrari.

Da die großen Teams zudem weit weniger Probleme haben, potente Sponsoren zu finden, ergab sich letzte Saison ein massives Gefälle im Budget der Formel-1-Teams. Während Krösus Red Bull mit einem Budget von 230 Millionen planen konnte, hatte Marussia das geringste Budget von 72 Millionen.

Allein um in einer Saison zwei Autos zu den Grands Prix zu schicken, benötigen die Rennställe zirka 70 Millionen Euro, wie Williams-Ingenieur Pat Symonds dem Magazin "Auto, Motor und Sport" vorrechnete. Während Marussia in der vergangenen Saison danach nur noch zwei Millionen Euro für die Weiterentwicklung der Autos übrig hatte, blieb Red Bull mit 160 Millionen sogar das Achzigfache.

Auch in der Zahl der Beschäftigten herrscht ein großes Gefälle. Marussia operierte 2013 mit 180 Leuten am Minimum. Ferrari beschäftigte zur gleichen Zeit in Maranello bis zu 700 Angestellte für die Produktion und Entwicklung der Autos.

Geldvernichtung bei der Produktion

Die Beschäftigten tüfteln an immer leistungsfähigeren Komponenten für die Rennwagen. Dabei liegt der Teufel im Detail. Einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) zufolge zahlen die Rennställe für eine Schraube 50 Dollar – weil sie fünf Gramm leichter ist als das billigere Pendant für einen Dollar. Da sämtliche Teile eines Rennwagens Spezialanfertigungen sind, werden auch für Armaturen schnell mehrere tausend Euro fällig. Ein Lenkrad etwa schlägt mit 20.000 bis 40.000 Euro zu Buche.

Um die Komponenten zu testen werden noch einmal Unmengen an Geld im Windkanal und für Testfahrten ausgegeben. Allein der Bau eines Windkanals, wie ihn heute jeder Rennstall besitzt, kostet rund 50 Millionen Dollar.

Sinkende Einnahmen auf der Rennstrecke

Zum finanziellen Aufwand schwinden außerdem die Einnahmen auf den Rennstrecken. Die steigenden Ticketpreise, die etwa in Hockenheim zwischen yx und 500 Euro liegen, sowie die hohen Kosten für Werbeflächen schrecken Zuschauer und Werbekunden zunehmend ab. Für ein gut platziertes Logo auf dem Auto eines der Top Teams werden umgerechnet knapp 20 Millionen Euro fällig.

Dazu kommt das schwindende Interesse der Fernsehzuschauer: "Die TV-Quoten in der Formel 1 sind zuletzt nicht nur Deutschland, sondern weltweit tendenziell gesunken" sagte RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer bei "quotenmeter.de". Seit der letzten Saison sanken die Zuschauerzahlen von durchschnittlich mehr als fünf Millionen auf 4,52 Millionen.

Die Formel 1 vor dem Kollaps?

Während die großen Teams durch die beträchtlichen Summen aus Sponsorengeldern und der hohen Gewinnbeteiligung ohne Probleme in die Zukunft blicken können, kämpfen die kleineren Teams ums Überleben. Nicht erst seit der Insolvenz von Marussia wurde der hohe finanzielle Aufwand in der Formel 1 als großes Problem erkannt – nur wurde bisher kaum etwas dagegen getan.

Ein Kostendeckel sorge laut Kritikern für Einsparungen an Material und/oder Beschäftigten, was sich auf die Leistung der Autos niederschlagen würde. Dies wiederum würde dazu beitragen, noch mehr Zuschauer zu vergraulen. Außerdem sträuben sich die großen Teams gegen eine finanzielle Obergrenze. Daher scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der Teufelskreis der Formel 1 den nächsten Rennstall in die Knie zwingt. Denn nicht einmal die Hälfte der Rennställe gilt als finanziell gesund.