Es heißt immer, ein Spieler dürfe nicht nur sportlich zu einem Verein passen. Charakter und Haltung Felix Nmechas wurden lange diskutiert. Dann entschied sich Borussia Dortmund, den Wolfsburger zu verpflichten. Der 22-Jährige will die Chance nutzen, in allen Belangen zu überzeugen und hat eine Bitte an seine nicht verstummenden Kritiker.

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Felix Nmecha weiß um die Vorbehalte, die seinen Wechsel aus Wolfsburg nach Dortmund zu verhindern drohten. Der 22-Jährige aber wird zur Saison 2023/24 offiziell Spieler der Borussia. Deren Vereinspräsident Reinhold Lunow schenkt dem Nationalspieler trotz anfänglicher Skepsis wegen dessen höchst umstrittenen Internet-Posts sein Vertrauen.

"Die Verpflichtung von Felix Nmecha hat zu kontroversen Diskussionen geführt, da er Inhalte geteilt hatte, die durchaus als homophob oder queerfeindlich interpretiert werden können. Auch ich hatte deshalb zunächst große Bedenken, ob er die Werte unserer Borussia teilt", twitterte Lunow nach der Bekanntgabe des Transfers.

Nmecha hat Lunow und Watzke überzeugt

Im direkten Gespräch mit Nmecha, das er gemeinsam mit BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke vor der Verpflichtung geführt hatte, "hat er mir glaubwürdig versichert, dass er die Werte unseres Grundwertekodex teilt und danach handeln wird", berichtete Lunow. Der Nationalspieler werde sich angesichts "der Kritik im Vorfeld des Transfers bei vielen Schwarzgelben noch Vertrauen erarbeiten müssen", meinte der BVB-Präsident: "Mein Vertrauen hat er."

Man wolle den jungen Profi dabei unterstützen, "sich als Fußballer und Persönlichkeit weiterzuentwickeln", wurde Trainer Edin Terzic in den Social-Media-Kanälen des BVB zitiert.

Nmecha: Dinge aus dem Zusammenhang gerissen

Nmecha hatte im Zuge der Bekanntgabe des Wechsels die Dortmunder Fans um "die Chance" gebeten, "mich kennenzulernen" und zu sehen, "dass ich hoffentlich ein toller Mensch bin". Bei der Kritik an seinen Posts in sozialen Medien, die Fans als homophob und queerfeindlich bezeichnet hatten, seien einige Dinge aus dem Zusammenhang gerissen worden, so Nmecha: "Ich bin natürlich Christ, aber ich liebe alle Menschen und diskriminiere auch nicht."

Doch ob Nmecha bei seinem neuen Arbeitgeber Spaß haben wird, bleibt abzuwarten. Denn: Teile der Dortmunder Fans den Transfer aufgrund von dessen Instagram-Aktivitäten weiterhin äußerst kritisch.

"Naivität" reiche als Wort gar nicht

"Ich weiß gar nicht, ob Naivität überhaupt noch das richtige Wort für das ist, was unser Ballspielverein sich da geleistet hat", schrieb eine Autorin am Dienstag auf der Internetseite des bekannten BVB-Fanmagazins "schwatzgelb.de". Der Verein habe den Punkt verpasst, deutlich zu machen, dass keine sportliche Qualifikation, persönliche Defizite bei den wichtigsten Werten des Vereins ausgleichen könnten.

Watzke und Lunow baten um Nachsicht. Nmecha sei "sehr jung, seine Religion ist tief in ihm verwurzelt und er ist – wie wir alle – sicher nicht fehlerfrei. Aber er hat uns in intensiven Gesprächen absolut davon überzeugt, dass er kein transphobes oder homophobes Gedankengut in sich trägt".

Die Social-Media-Beiträge hatten schon in Wolfsburg für Unruhe gesorgt. Sportliche Leitung und Medienabteilung führten mehrere Gespräche mit Nmecha darüber. Gerade der 22-Jährige wurde beim VfL aber immer als freundlicher und umgänglicher Mitspieler wahrgenommen. Anders als etwa der Kroate Josip Brekalo 2018 sprach er sich nie gegen die Regenbogen-Symbolik als Zeichen für Vielfalt und Toleranz auf Trikots und Kapitänsbinden des VfL aus. "Er ist ein ganz toller Mensch, ein ganz feiner Kerl", sagte VfL-Trainer Niko Kovac über ihn.

Edin Terzic hat den Bellingham-Nachfolger bekommen

Auch Terzic freut sich derweil auf die sportlichen Qualitäten des Mittelfeldspielers, der für geschätzte 30 Millionen Euro vom VfL Wolfsburg kommt und den zu Real Madrid abgewanderten Jude Bellingham ersetzen soll: "Wir sind uns sicher, dass Felix sehr schnell ein wichtiger Bestandteil unserer Mannschaft werden kann und uns helfen wird, gemeinsam zu wachsen."

Der jüngere Bruder von Stürmer Lukas Nmecha hat in der vergangenen Saison einen steilen Aufstieg hingelegt. Die Wolfsburger holten ihn 2021 für weniger als 500.000 Euro aus der zweiten Mannschaft von Manchester City - als Flügelspieler. Noch vor einem Jahr galt er als Ausleihkandidat, ehe Kovac seine physischen Stärken erkannte und ihn ins zentrale Mittelfeld schob. Danach ging alles sehr schnell: Startelf-Premiere auf der neuen Position im Oktober, Länderspiel-Debüt im März, nun der Dortmund-Wechsel für rund 30 Millionen Euro Ablösesumme. (dpa/sid/hau)

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