Mit nur vier Punkten Rückstand auf die Bayern hat der BVB die Möglichkeit, am Dienstag drei "Big Points" im Meisterschaftsrennen einzufahren. Doch die Vorzeichen stehen nicht gerade günstig.

Eine Kolumne
von Christopher Giogios

Neu gemischte Karten durch Corona?

Vor der Bundesliga-Zwangspause schien die deutsche Meisterschaft ihren üblichen Verlauf zu nehmen. Man kennt das: zwar gibt es mit dem BVB und RB Leipzig zwei Kandidaten, die punktemäßig etwa gleichauf mit den Bayern sind.

Allerdings fehlt einem in der Regel dann doch die Fantasie, die Schale nicht erneut nach München wandern zu sehen.

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Gleichzeitig könnte man sich fragen: haben sich die Chancen für den BVB seit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs zum Besseren verändert? Immerhin spielen nun neue Faktoren eine Rolle: die Fitness der Mannschaft unter schwierigen Trainingsbedingungen, neue taktische Möglichkeiten, die sich etwa durch fünf statt drei Auswechslungen ergeben, der mentale Faktor, ohne Unterstützung der Zuschauer anzutreten.

Der BVB muss Löcher stopfen

Zumindest der Blick in das Dortmunder Lazarett sorgt für BVB-Fans jedoch eher für Sorgenfalten. Mit Dan-Axel Zagadou und Kapitän Marco Reus stehen zwei bisher gesetzte Spieler nach wie vor nicht zur Verfügung. Bei beiden spricht man inzwischen vom vorzeitigen Saisonaus. Aber auch kurzfristige Ausfälle hat der BVB zu befürchten: Mats Hummels bangt derzeit noch um seinen Einsatz am Dienstag.

Umso wichtiger ist es für die Schwarz-Gelben, dass Allrounder Emre Can beim 2:0 in Wolfsburg von seiner Verletzung zurückgekehrt ist und direkt in der Innenverteidigung eingesetzt wurde. Vor allem, wenn Hummels ausfällt, wird es auf den robusten Nationalspieler ankommen – gerade gegen einen Gegner, bei dem in der Vergangenheit die Körpersprache der Dortmunder nicht selten den Eindruck vermittelte, dass das Spiel schon vor dem Anpfiff abgegeben wurde.

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Die alte Leier: die Probleme der Dortmunder liegen in der Defensive

Vor allem auf sehr entscheidenden Positionen kann der BVB aber nicht aus dem Vollen schöpfen. Das zentrale Mittelfeld etwa wurde in den vergangenen zwei Partien mit Mo Dahoud und Thomas Delaney besetzt, die zuvor in der Saison kaum eine Rolle spielten.

Ein X-Faktor, wie an anderer Stelle schon ausführlicher beleuchtet, ist und bleibt jedoch Raphaël Guerreiro, der nach wie vor in bestechender Form ist und auch in den letzten beiden Spielen traf.

Youngster Jadon Sancho hingegen wurde bislang ein Trainingsrückstand attestiert, er bekam gegen Wolfsburg nun mehr Minuten und legte unverzüglich ein Tor auf. Ein Startelfeinsatz wird somit wahrscheinlicher.

Gleichzeitig dürfte die BVB-Offensive (mit 74 Toren nur sechs Treffer weniger als der FCB) Trainer Lucien Favre ohnehin nicht übermäßig Sorge bereiten. Vielmehr lagen die Schwächen bislang in der defensiven Anfälligkeit und den zum Teil haarsträubenden Konzentrationsfehlern – gefährlich gegen einen Gegner, der sich am Wochenende mit fünf Treffern gegen Eintracht Frankfurt warmgeschossen hat.

Keine Unterstützung durch die Südtribüne

Man wird nicht müde darüber sprechen, aber auch vor diesem Spiel muss der Faktor Atmosphäre adressiert werden. In der Vergangenheit kam man in München regelmäßig unter die Räder, sodass normalerweise ein Hoffnungsschimmer gewesen sein dürfte, in der Rückrunde wenigstens vor heimischem Publikum gegen den FCB anzutreten.

Daheim verlor man bislang kein einziges Spiel. Die fehlende Südtribüne, leere Ränge statt 80.000 lautstarke Zuschauer - all das scheint unter den aktuellen Bedingungen nun aber eher dem Rekordmeister in die Karten zu spielen.

Was bleibt also? Betrachten wir es nüchtern: um deutscher Meister zu werden, muss der BVB den FC Bayern schlagen. Das ist wenigstens eines der Dinge, die sich auch durch eine Pandemie nicht geändert haben.

Die Dortmunder haben es also selbst in der Hand, noch einmal richtig Spannung in diese merkwürdige Saison hineinzubringen. Die Mannschaft wird aber im wahrsten Sinne des Wortes auf sich allein gestellt sein.

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