Vier sieglose Bundesliga-Spiele in Folge sind eine ganz besondere Herausforderung für das ohnehin schon immer ganz besonders angespannte Umfeld des deutschen Rekordmeisters. Vor dem richtungsweisenden Spiel gegen Bayer Leverkusen am Freitagabend in der Bundesliga ist der Druck nun besonders hoch. Und das wird er auch in den kommenden Wochen mit zahlreichen schweren Aufgaben bleiben. Vor allem für Bayern-Coach Julian Nagelsmann. Für ihn ist es eine Chance, daran zu wachsen.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Steffen Meyer dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Die Spekulationen um ein frühes Aus für den 35-Jährigen waren sicher etwas verfrüht. Doch klar ist auch: Der FC Bayern hat in der Vergangenheit immer schnell durchgegriffen, wenn sich ein Negativtrend verfestigte. Das galt für Carlo Ancelotti, genau wie für Niko Kovac. Es wäre auch wahnsinnig kurzsichtig von den Münchnern, erst eine Rekordablösesumme für Nagelsmann zu zahlen und dann bereits nach etwas mehr als einem Jahr die Nerven zu verlieren. Thomas Tuchel hin oder her.

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Nicht die erste spielerische Schwächephase

Fraglos: Schon in der ersten Nagelsmann-Saison gab es Schwächephasen. Vor allem die Rückrunde ist hier zu nennen, als der FC Bayern vor dem frühen Champions League-Aus gegen Villarreal zu häufig uninspirierten Fußball zeigte. Und genau deshalb ist es durchaus richtig, nun von Nagelsmann Lösungen einzufordern, wie es die Bayern-Bosse bei ihrer demonstrativen Rückendeckung für den Coach zwischen den Zeilen durchblicken ließen.

Nagelsmann ist nicht als großer Moderator von möglichen Konflikten in der Bayern-Kabine geholt worden. Auch nicht als Pressesprecher. Sondern als ein Trainer, der den FC Bayern taktisch und spielerisch auf Augenhöhe mit den besten Trainern der Welt bringt. Einer, der neue fußballerische Impulse bringt. Die Mannschaft variabler und weniger ausrechenbar macht.

Natürlich gehört all die Kommunikation nach außen und insbesondere das schwierige Management der Bayern-Kabine zu seinen wesentlichen Aufgaben. Doch dass hier Nagelsmanns Lernkurve am steilsten sein würde, war doch nur zu erwarten. Wenn es den Münchnern darum gegangen wäre, einen Trainer zu verpflichten, der vor allem ein Star-Flüsterer und Moderator ist, wäre man sicher auf jemand anderen gekommen. Die Dünnhäutigkeit, die der Ex-Leipziger rund um die Niederlage gegen Augsburg in Pressekonferenzen und Interviews offenbart hat, war absolut kein gutes Bild. Doch gemessen wird Nagelsmann an der Leistung der Mannschaft auf dem Feld.

Ein erfolgreiches System ohne 9er finden

Nagelsmann hat in den kommenden Wochen alle Möglichkeiten zu zeigen, dass ein großer Trainer in ihm steckt. Ein starker 9er. Ein Ersatz gar für Lewandowski, der acht Jahre lang der Fixpunkt im Münchner Angriffsdrittel war, kommt so schnell nicht durch die Tür der Bayern-Kabine. Das kann man bedauern, aber das ist ein Fakt. Nagelsmann muss neue Lösungen finden, mit anderen Spielertypen in der Offensive in einer anderen Formation dauerhaft erfolgreichen Fußball zu spielen. Für ihn und sein Team, das permanent über Fußball nachdenkt, eigentlich eine begeisternde Aufgabe.

Er muss eine Rolle für Sadio Mané finden, der sich nach gutem Beginn irgendwo zwischen Flügeldribbler und zweiter Spitze verloren hat und überhaupt nicht gut eingebunden wird. Er muss seinen zentralen Mittelfeldspielern ein viel besseres und klareres Umschaltspiel einprägen. Nagelsmanns Kritik, dass gegen Augsburg zum wiederholten Male Umschaltsituationen – teilweise sogar in Überzahl – wegen falscher Entscheidungen oder ungenauer Pässe vertändelt wurden, war nämlich völlig berechtigt.

Auch Kimmich kann eine Pause mal guttun

Nagelsmann muss auch eine bessere Rotation finden. Keine Mannschaft kann durch Einwechslungen so viel Qualität und Power gewinnen. Dabei kann der Coach viel proaktiver werden als zuletzt, als Impulse von außen fehlten. Das sollte übrigens auch vor einem Leistungsträger wie Joshua Kimmich nicht haltmachen. Der Nationalspieler spielt seit Wochen praktisch ohne Pause. Auch hier kann ein Rhythmuswechsel mal guttun.

Nagelsmann sollte mit der Mannschaft auch ganz konkret an Durchbrüchen in den Strafraum arbeiten. Hier fehlen aktuell noch Automatismen. Wenn Flanken ohne kopfballstarken Stürmer praktisch wegfallen, geht es meist nur flach oder per Chip durch die Mitte, wenn der Gegner richtig tief am Strafraum parkt. Dafür braucht es einstudierte, erprobte Ideen und Laufwege. Zuletzt hat man die vor einigen Jahren unter Pep Guardiola gesehen, als der FC Bayern immer wieder spielerisch und flach rund um den Strafraum Tore vorbereitete und erzielte.

An diesen spielerischen Baustellen wird Nagelsmann in den kommenden Wochen zu messen sein. Er kann jetzt zeigen, dass er ein großer Trainer ist oder zumindest in naher Zukunft werden kann. Keine Trainerlaufbahn verläuft einfach geradlinig immer weiter nach oben. Wer das erwartet, kann nur enttäuscht werden. Ein Tief wie in den letzten Wochen gehört absolut dazu. Entscheidend ist, wie Nagelsmann hier mit der Mannschaft wieder einen Weg herausfindet. Gelingt das, hat Nagelsmann nicht nur weiter die Rückendeckung seiner Vorgesetzten verdient, sondern einen wichtigen Schritt in seiner sicher noch langen Trainerkarriere genommen.

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