Wann ist ein Kontakt im Fußball irregulär, also ein Foul? Welche Kriterien legen die Unparteiischen bei der Bewertung an? Und wann muss der VAR eingreifen? Zwei Szenen vom Wochenende in München und Fürth machen es deutlich.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne
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Als der SC Freiburg im November 2020 mit 0:3 bei RB Leipzig verloren hatte, sagte Christian Streich – angesprochen auf den Elfmeter zum 2:0 für die Hausherren, den er für unangemessen hielt – zwei Sätze, die seitdem immer wieder zitiert werden: "Heutzutage heißt es, es gab einen Kontakt. Ich habe immer gedacht, es muss ein Foul geben, damit es auch ein Foul ist."

Der Freiburger Trainer wollte damit zum Ausdruck bringen, dass Fußball ein Kontaktsport ist und nicht jeder Kontakt ein Vergehen darstellt. Wesentlich ist, ob der betreffende Kontakt den Tatbestand etwa des Tretens, Beinstellens, Stoßens oder Schlagens – also eines Foulspiels – erfüllt oder eben nicht.

Um das zu entscheiden, beurteilen die Schiedsrichter einen möglicherweise strafbaren Kontakt vor allem danach, ob er ursächlich oder ausschlaggebend dafür ist, dass der gegnerische Spieler zu Fall kommt, den Ball verliert oder ihn nicht erreicht.

Außerdem bewerten sie, ob der Impuls und die Wirkung des Kontakts zusammenpassen. Das ist nicht der Fall, wenn ein Spieler zum Beispiel nach einer leichten Berührung fällt, als hätte ihn gerade der Blitz getroffen.

Und schließlich spielt es auch eine Rolle, wer in einem Zweikampf einen womöglich ahndungswürdigen Kontakt initiiert: der Verteidiger, etwa durch ein Beinstellen? Oder doch der Angreifer, der einen bewussten Ausfallschritt macht?

Upamecano gegen Lee: Foul oder freiwilliger Faller?

Leicht zu erkennen und zu entscheiden ist all das häufig nicht, und natürlich gibt es einen großen Graubereich und viele Grenzfälle. Ein Beispiel war am vergangenen Samstag in der Partie zwischen dem FC Bayern München und dem 1. FSV Mainz 05 (2:1) in der 19. Minute zu beobachten.

Da setzte der Münchner Innenverteidiger Dayot Upamecano nach einem Ballverlust im eigenen Strafraum gegen Jae-Sung Lee nach. Allerdings traf er nicht den Ball, sondern mit seinem linken Fuß den rechten des Mainzers.

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Lee ging zu Boden, doch Schiedsrichter Benjamin Cortus, der optimal postiert war, breitete sofort die Arme aus, um anzuzeigen, dass aus seiner Sicht kein Vergehen vorlag. Auch Video-Assistent Benjamin Brand griff nicht ein, was sowohl der Mainzer Trainer Bo Svensson als auch Sportdirektor Martin Schmidt nicht nachvollziehen konnten.

Dabei hatte der Referee keineswegs klar und offensichtlich falsch entschieden. Zwar hatte Upamecano nicht den Ball getroffen, sondern nur den Fuß von Lee – doch stellt eben nicht jeder Kontakt automatisch ein Foulspiel dar.

Die Frage lautete also: War der Kontakt ursächlich dafür, dass Lee fiel? Er konnte seinen rechten Fuß jedenfalls noch sicher auf dem Boden abstellen und kippte dann mit dem gesamten Körper vornüber. Das sah zumindest nicht wie eine unvermeidliche Folge des Kontakts am Fuß aus, Impuls und Wirkung passten hier nicht recht zusammen.

Schiri-Chef Fröhlich: Keine klare Fehlentscheidung

Überdies hatte der Mainzer mit dem rechten Bein zuvor einen deutlichen Ausfallschritt in Richtung Upamecano unternommen. Um den Ball abzuschirmen oder um einen Kontakt zu initiieren? Es spricht mehr für Letzteres, wenn man die Bilder sieht.

Dennoch ist es ein gewichtiges Argument, dass Upamecano nach dem Ballverlust in der ungünstigeren Position war, zu ungestüm vorging und den Ball eben nicht erreichte; einen Kontakt gab es nur mit dem gegnerischen Fuß.

Für VAR Brand war es deshalb auch "eher ein Strafstoß", wie Lutz Michael Fröhlich, der sportliche Leiter der Unparteiischen, in der Sendung "Doppelpass" verriet. Das Wort "eher" bedeute "aber nicht, dass es eine klare Fehlentscheidung ist", so Fröhlich.

Das heißt: Es gab Gründe für Cortus, der beste Sicht auf den Zweikampf hatte, nicht auf Elfmeter zu erkennen; er hatte den Kontakt gesehen, aber nicht als ursächlich für den Sturz von Lee bewertet. Das war zumindest keine abwegige Einschätzung, also musste es auch keine Intervention durch den Video-Assistenten in Köln geben.

Fürths Tor zum ersten Heimsieg ist regulär

Ähnlich verhielt es sich in der Begegnung der SpVgg Fürth gegen den 1. FC Union Berlin (1:0) beim Tor des Tages, das den Franken den ersten Heimsieg in ihrer Bundesliga-Geschichte bescherte.

Vor seinem Treffer drückte Havard Nielsen an der Torraumgrenze der Berliner ein bisschen mit seinem rechten Arm gegen den Rücken von Kevin Behrens, als sich der Ball näherte. Es war kein klares Stoßen, sondern mehr ein leichtes Schieben.

Wie Behrens dann hochsprang, die Beine nach hinten warf und ins Hohlkreuz ging, hatte nicht viel mit dem von Nielsen verursachten Impuls zu tun. Es wirkte vielmehr, als wollte er auf diese Weise signalisieren: Sieh her, ich bin weggeschubst worden und konnte deshalb nicht an den Ball kommen.

Auch hier gab es einen Ermessensspielraum für den Referee, der beschloss, den Armeinsatz nicht zu ahnden, und damit vertretbar handelte.

Es gab jedoch auch Argumente für die Annullierung des Treffers, denn Nielsen verschaffte sich durch sein Vorgehen einen Vorteil. Allerdings war der Impuls nicht so intensiv, dass Behrens den Zweikampf zwangsläufig verlieren musste.

Selbst bei Union war man sich nicht einig: Während Trainer Urs Fischer von einer "eindeutigen Fehlentscheidung" sprach, fanden seine Spieler Grischa Prömel und Timo Baumgartl nicht, dass Jablonski unbedingt hätte pfeifen müssen.

Die Bewertung lag in der Grauzone, was für den Video-Assistenten Pascal Müller hieß, dass ein Eingriff bei einer Wahrnehmung der Szene durch den Unparteiischen so oder so nicht erforderlich war. Dass er sich heraushielt, war somit absolut richtig. Die Fürther werden aufgeatmet haben.

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