Obwohl sie in Frankfurt verlieren, können die Bayern froh sein, denn es hätte noch schlimmer für sie kommen können. Doch eine "Notbremse" von Alphonso Davies im Strafraum wird nicht geahndet, es gibt deshalb keinen Strafstoß und keine Rote Karte. Warum eigentlich nicht?

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Was sich nach 79 Minuten in der Partie zwischen Eintracht Frankfurt und dem FC Bayern München (2:1) im Strafraum des Rekordmeisters zutrug, hätte hitzige Debatten zur Folge haben können. Doch es war nach dem Abpfiff kein größeres Thema mehr, weil die Gastgeber als Weltpokalsiegerbesieger den Rasen verließen.

Hätten die Münchner dagegen noch den Ausgleich erzielt, dann wäre jene Situation, in der die Hausherren vergeblich einen Elfmeter forderten, vermutlich in den Mittelpunkt der Diskussionen gerückt.

Passiert war dies: Bei einem Angriff der Frankfurter erreichte Filip Kostić auf der linken Seite den Ball nach einem perfekten Pass von Aymen Barkok in den Strafraum der Bayern.

Er lief noch drei, vier Schritte, dann spielte er die Kugel überlegt entlang der Torraumlinie vor das Münchner Gehäuse, vorbei an drei Verteidigern. Vorgesehener Empfänger dieser Hereingabe war Ragnar Ache, der im Zentrum mitgelaufen war.

Verfolgt wurde er von Alphonso Davies, dem Linksverteidiger des FC Bayern, der zu den schnellsten Spielern in der Bundesliga zählt. Doch hier entkam ihm Ache. Davies zupfte ein bisschen an dessen Trikot, aber das störte den Frankfurter nicht.

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Davies lief Ache "in die Hacken"

Zwischen Elfmeterpunkt und Fünfmeterraumlinie ging Ache jedoch plötzlich zu Boden und verfehlte so den Ball. Schiedsrichter Sascha Stegemann ließ weiterspielen, Frankfurt protestierte. Die Kugel ging ins Seitenaus, und Ache wurde behandelt, weil Davies über ihn gestolpert war und ihn dabei versehentlich mit dem Knie am Kopf getroffen hatte.

Solche Situationen fürchtet jeder Unparteiische: Während der Ball nach einer Hereingabe unterwegs ist und der Referee ihm mit den Augen folgt, fällt in der Strafraummitte - und damit oft am Rande oder außerhalb des Blickfeldes des Schiedsrichters - plötzlich ein Angreifer bei einem Zweikampf.

Ob wegen eines Fouls, eines Ausrutschers oder einer "Schwalbe", ist für den Spielleiter dann häufig schwer oder gar nicht auszumachen. Auch dem sehr aufmerksamen und souveränen Stegemann dürfte in diesem Fall schlicht die Wahrnehmung gefehlt haben.

Doch in Spielen mit einem Video-Assistenten gibt es ja die Möglichkeit, eine solche Szene noch einmal zu überprüfen. So geschah es auch hier, mit dem Resultat, dass der VAR kein Review empfahl.

Schaut man sich die Bilder in der Wiederholung an, dann erstaunt diese Entscheidung. Denn dass Ache stolperte und schließlich zu Fall kam, lag daran, dass ihm Davies sozusagen "in die Hacken gelaufen" war. Das heißt: Es gab einen Kontakt am Fuß, der ursächlich dafür war, dass der Frankfurter stürzte.

Warum griff der Video-Assistent nicht ein?

Dass dieser Kontakt nur leicht und unabsichtlich war, ist in diesem Fall ohne Belang. Denn regeltechnisch betrachtet handelte Davies fahrlässig, und wenn nicht alles täuscht, war das ausschlaggebend dafür, dass Ache zu Boden ging.

Für den VAR stellte sich der Sachverhalt jedoch anscheinend anders dar. Womöglich war der Kontakt – den man tatsächlich erst mithilfe einer Ausschnittvergrößerung gut erkennen konnte – für ihn nicht eindeutig. Für die Video-Assistenten gilt bekanntlich die Anweisung, nicht detektivisch nach einem Vergehen zu suchen.

Es kam jedenfalls nicht zu einem Review durch den Unparteiischen, nicht zu einem Strafstoß für die Eintracht – und nicht zu eine Roten Karte für Davies. Diese wäre im Falle einer Elfmeterentscheidung wahrscheinlich gewesen.

Denn das Foul geschah nicht beim Versuch, den Ball zu spielen, und Ache hätte ohne den Sturz eine klare Torchance gehabt: Den von Kostić präzise gespielten Ball hätte er mit hoher Wahrscheinlichkeit erreicht und aus kurzer Distanz aufs Tor schießen können.

Die Münchner hatten in dieser Situation also doppeltes Glück. An ihrer Niederlage änderte das gleichwohl nichts.

Auch der Berliner Gießelmann kam davon

Derweil bemühte sich der SC Freiburg in der Begegnung gegen den 1. FC Union Berlin (0:1) bis zum Schluss, die Niederlage abzuwenden. Nach 84 Minuten kamen die Breisgauer dabei zu einem aussichtsreichen Konter.

Das veranlasste den Berliner Niko Gießelmann zu einem riskanten Manöver: Um den Angriff der Gastgeber zu stoppen, sprang er mit vorgestrecktem Bein und hoher Geschwindigkeit in Richtung des Balles.

Diesen hatte sein ebenfalls schneller Gegenspieler Woo-Yeong Jeong allerdings gerade über ihn gehoben. Gießelmann kam deshalb zu spät, er verfehlte die Kugel und räumte stattdessen den Freiburger spektakulär ab.

Dabei gelang es ihm noch rechtzeitig, das Bein abzuknicken und so den Gegner nicht mit der offenen Sohle zu treffen, sondern nur mit dem Oberschenkel. Schiedsrichter Sören Storks entschied sich für eine Gelbe Karte, woraufhin es zum On-Field-Review kam.

Doch der Referee blieb bei seiner Entscheidung, worüber man geteilter Meinung sein konnte. Für sie sprach, dass Jeong nicht brutal oder an einer verletzungsanfälligen Stelle getroffen wurde. Dagegen sprach die hohe Intensität des Körpereinsatzes, den man damit auch als übermäßig hart hätte bewerten können, wie es der VAR offenkundig tat.

Da der Unparteiische aber insgesamt eine recht großzügige Linie bevorzugte, ließ sich die Gelbe Karte gerade noch vertreten, weil diese Entscheidung im Ermessen des Spielleiters lag. Über Rot hätte sich Gießelmann allerdings nicht beklagen können.

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