90 Minuten lang hat der Unparteiische mit dem Ruhrgebietsduell zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund keine Probleme. Doch dann wird es auf einen Schlag hektisch und giftig. Vor allem das Handspiel eines Dortmunders erregt die Gemüter.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Meine Meinung
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Bevor die Nachspielzeit anbricht, hat Schiedsrichter Felix Zwayer im Revierderby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund (1:1) kaum kritische Situationen zu bewältigen. Wird er allerdings doch einmal gefordert, liegt er durchweg richtig.

So wie in der 53. Minute, als der Schalker Guido Burgstaller beim Torschuss von Sokratis ein wenig gehalten wird und Zwayer diesen eher harmlosen Körpereinsatz durchwinkt.

Dass Kagawa nicht im Abseits steht, als er im Gegenzug den Führungstreffer für den BVB vorbereitet, erkennt das Team der Referees ebenfalls.

Völlig korrekt ist es auch, dem Dortmunder Torschützen Pierre-Emerick Aubameyang für seinen überflüssigen Maskenjubel die Gelbe Karte zu zeigen. Denn genau das sehen die Fußballregeln für einen solchen Fall ausdrücklich vor. Bis zur 90. Minute bleibt das die einzige Verwarnung.

Dann jedoch - Schalke hat mittlerweile ausgeglichen - kommt die Nachspielzeit, und die Partie wird schlagartig hektisch. Sokratis sieht Gelb für ein taktisches Foul an Leon Goretzka, Nabil Bentaleb dafür, dass er Sokratis in dieser Situation rüde angeht.

Knifflige Situationen kurz vor dem Ende

Nur noch wenige Sekunden sind zu spielen, da schlägt der Schalker Thilo Kehrer eine Flanke in den Strafraum der Gäste. Marc Bartra versucht zu klären: Mit einem langen Schritt geht er zum Ball, der ihm daraufhin vom Fuß an den weit ausgestreckten Arm springt. Die Hausherren fordern vehement einen Elfmeter.

Zwayer lässt jedoch weiterspielen, was Schalkes Trainer Markus Weinzierl dermaßen auf die Palme bringt, dass ihn der Schiedsrichter auf die Tribüne verweist.

Nach dem Abpfiff übergibt das Schalker Maskottchen "Erwin" dem Unparteiischen schließlich eine Rote Karte, die auf dem Rasen liegt - wohl in der Annahme, dass dieser sie dort verloren hat.

Er tut das allerdings so provokativ, dass Zwayer sich verspottet fühlt. Jetzt ermittelt der DFB-Kontrollausschuss in dieser Angelegenheit. Viel unerfreulicher hätte die Partie in der Nachspielzeit für den Schiedsrichter also kaum verlaufen können.

Pro und contra Absicht

Aber war das Handspiel von Bartra wirklich strafbar, wie die meisten Beobachter glauben? Felix Zwayer selbst sagte nach dem Spiel, ihm fehle "nach wie vor die komplette Überzeugung, dass es Absicht war". Tatsächlich lassen sich sowohl für als auch gegen einen Elfmeterpfiff einige Gründe anführen.

Das vielleicht stärkste Argument für ein ahndungswürdiges Handspiel ist dabei, dass Bartra die Arme weit hochgerissen, also seine Körperfläche vergrößert hatte - das gilt fast immer als Indiz für Absicht im regeltechnischen Sinn.

Der gewichtigste Einwand gegen einen Pfiff ist, dass dem Dortmunder der Ball von einem anderen Körperteil unkontrolliert an den Arm sprang – in solchen Fällen sollen die Unparteiischen normalerweise weiterspielen lassen.

Doch was tun, wenn es Anhaltspunkte für und gegen Absicht bei einem Handspiel gibt, die sich widersprechen? Dann muss man sie gewichten, und das ist ausgesprochen schwierig – zumal in Sekundenbruchteilen auf dem Platz.

Ein Dilemma, für das der Schiedsrichter nichts kann

Dazu kommt, dass man Weisheiten wie "So weit oben hat der Arm nichts zu suchen" durchaus infrage stellen kann. So wie Ralph Gunesch es tut. Der Ex-Profi – früher beim FC St. Pauli und dem FC Ingolstadt aktiv – schrieb auf Twitter, Bartras Bewegung mit den Armen sei bei einem Ausfallschritt in Richtung Ball sehr wohl fußballtypisch.

Tatsächlich müssen die Spieler bei Tacklings und Grätschen die Arme hochnehmen, um das Gleichgewicht zu halten. Man kann daher wie Gunesch gute Argumente dafür anbringen, dass die gängige Regelpraxis zu streng ist.

Felix Zwayer hätte dann abweichend von dieser Praxis eine nachvollziehbare Entscheidung getroffen, auch wenn die Schalker das nicht trösten wird. Doch auch ein Elfmeterpfiff wäre vertretbar gewesen, was wiederum die Dortmunder in Rage versetzt hätte.

Der Schiedsrichter steckte also in einem Dilemma, das er weder verschuldet hatte noch verhindern konnte. Sein Ermessensspielraum gab hier zwei gegensätzliche Entscheidungen her, empört wäre dabei immer eine Seite gewesen. Vielleicht sollte der Kriterienkatalog beim Handspiel noch einmal überarbeitet werden.