• Kaum einer wird so stark mit dem SV Werder Bremen in Verbindung gebracht wie der Mannheimer Thomas Schaaf.
  • Über 40 Jahre war er bei den Hanseaten angestellt, war sowohl als Bundesliga-Profi als auch als Trainer erfolgreich.
  • Am Freitag feiert er seinen 60. Geburtstag.

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Schon als kleiner Junge lief Thomas Schaaf regelmäßig am Weserstadion vorbei, konnte es von zuhause aus sehen. Familie Schaaf wohnte in der östlichen Vorstadt, am Osterdeich. Dass er mit elf Jahren Mitglied beim SV Werder wurde, lag nahe. Fast 50 Jahre später ist er wieder hier. Er war nicht lange weg.

Werder gehört zu Schaaf, und Schaaf gehört zu Werder. Dabei ist der gebürtige Kurpfälzer in seiner wortkargen Art so wunderbar nüchtern-nordisch geworden, dass ihm romantische Gedanken auch zu seinem 60 Geburtstag am 30. April wohl eher nicht kommen.

Bei allem Pragmatismus glaubt Thomas Schaaf an die Magie des Fußballs. "Wenn Sie Wunder so definieren, dass Dinge passieren, die unmöglich vorauszusehen sind, gib es im Fußball definitiv welche", hatte er vor einigen Monaten dem Magazin "11 Freunde" gesagt. Das "Wunder von der Weser" ist inzwischen mehr ein Lebensgefühl denn ein konkretes Spiel. Schon beim ersten Wunder, dem 6:2-Sieg gegen Spartak Moskau im November 1987, war Schaaf mit von der Partie.

Inzwischen ist Schaaf selbst ein Bremer Wunder. Nach kurzer Unterbrechung, von 2013 bis 2018, spielt er wieder eine Rolle beim SV Werder. Vielleicht schon bald eine ganz Große.

Über 300 Spiele für Werder: Schaaf war Rehagels Dauerbrenner

Früh dachte er, er müsse seine Heimat verlassen, um groß herauszukommen. Schaaf – er selbst sagte einmal: "Mannheim ist Herkunft, Bremen ist Heimat" – blieb in Bremen und wurde zur Legende. Bis zum vergangenen Jahr war er mit damals 17 Jahren und 353 Tagen der jüngste je eingesetzte Spieler in Werders Profimannschaft. Er wurde je zweimal Meister und Pokalsieger, unvergessliche Europapokalnächte erlebte er als Dauerbrenner unter Trainer Otto Rehagel.

Sein früherer Teamkollege Andreas Herzog sagte dem "Weserkurier" über Schaaf: "Thomas war da schon mehr so eine Art Stand-by-Profi, weil Otto Rehhagel auch gewusst hat, dass man sich immer zu 100 Prozent auf Thomas Schaaf verlassen kann." Schaaf war keiner mit Starallüren, keiner, der sich selbst zu wichtig nahm. Werder Bremen, früher harter Konkurrent des glamourösen FC Bayern im Kampf um Meistertitel, passte zu ihm. Stallgeruch statt FC Hollywood.

5119 Tage auf Bremens Bank: Schaaf begeistert mit der Raute

Wie sehr sich Schaaf mit dem SV Werder identifizierte, zeigt sich an der Verantwortung, die er bereits als Spieler trug. Er war noch Profi, da trainierte er schon den Nachwuchs, später die Amateure – und war für seinen Verein 1999 der richtige Mann, der das Team anstelle von Felix Magath vor dem Abstieg retten sollte. Es gelang ihm. Mehr noch.

Gleich nach seiner Beförderung zum Cheftrainer gewann er den DFB-Pokal, das erste von drei Mal. Heute pendelt Werder zwischen dem Tabellen-Niemandsland und akuter Abstiegsgefahr. Damals brachte Schaaf – dessen lässige Kapuzenjacke im Fanshop ständig ausverkauft war – seine Mannschaft innerhalb von vier Jahren vom Tabellenende an die Spitze.

Im Mai 2004 schlug Bremen am 32. Spieltag den Meisterfavoriten in München mit 3:1 und schnappte sich die Meisterschale. Die Liga orientierte sich am attraktiven Offensivspiel, die Werder-Raute – das von Schaaf bevorzugte 4-4-2-System – wurde gepriesen und bejubelt. In der Saison 2008/09 schaffte es Werder gar ins Finale des UEFA-Pokals, das die Mannschaft gegen Schachtjor Donezk verlor.

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In der Bundesliga scheint eine neue Zeitrechnung anzubrechen: Trainer bestimmen zunehmend selbst, wann sie wechseln. In der nächsten Spielzeit steht bei jedem Top-Klub ein neuer Übungsleiter an der Seitenlinie. Der vereinstreue Freiburger Christian Streich wirkt wie ein überkommenes Relikt.

Schaaf und seine Stars: Er förderte die Jugend und machte die Großen noch besser

Trotz – oder vielleicht wegen – seiner nüchtern-pragmatischen Art, wusste Schaaf die Stars einzubinden und besser zu machen. WM-Rekordstürmer Miroslav Klose, der langjährige Spielmacher Johan Micaud, Offensivgewalt Ailton, der ewige Claudio Pizarro, Weltmeister Mesut Özil, der quirlige Diego – Schaaf ließ sie aufblühen und machte mit ihnen Werder besser.

Für ihn war es wichtig, den Spielern ihre Individualität zu lassen, wie er dem "Spiegel" einmal sagte. "Die muss man doch nutzen und darf sie ihnen nicht nehmen." Werder war immer ein Verein, der viel Wert darauf legte, eigene Jugendspieler und vielversprechende Talente zu Leistungsträgern heranzuziehen, etwa Tim Borowski, Aaron Hunt, Max Kruse, Martin Harnik, Marco Bode.

Die Rückkehr an die Weser: Seit 2018 ist Schaaf Technischer Direktor

Um etwa ein Jahr hat er den Vereinsrekord als längster Trainer im Amt verfehlt, im Mai 2013 war Schluss, nachdem die Mannschaft dem Abstieg entgegenspielte. Tatsächlich wagte Schaaf nach seinem Abgang bei Werder einen Neuanfang, heuerte bei Eintracht Frankfurt an. Dort beklagte er die fehlende Unterstützung – und war nach einem Jahr wieder weg. Noch kürzer dauerte sein Engagement bei Hannover 96.

Zur Saison 2017/18 kehrte Schaaf zu Werder Bremen zurück und übernahm die neu geschaffene Position des Technisches Direktors. Er ist die Schnittstelle zwischen Jugendteams und Profimannschaft, koordiniert Trainingsprogramme, steht im Austausch mit den Trainern. "Unser Ziel ist es, Talente früh zu sichten und systematisch zu fördern", sagte Schaaf 2018. Wer könnte es besser als er, der den Verein so viele Jahre kennt?

Bislang ist es indes eine knifflige Aufgabe für Schaaf, verfügt Werder zwar über viele Talente, den großen Durchbruch schaffte in den letzten Jahren aber keines. Selbst Maximilian Eggestein stagniert seit Jahren.

Schaafs Zukunft ist ungewiss: Cheftrainer statt Vertragsende?

Nach zuletzt sieben Niederlagen aus den letzten sieben Spielen wackelt aktuell der Trainerjob von Florian Kohfeldt. Obwohl die Vereinsführung an ihm festhält, könnte Schaaf für die letzten Spieltage als Werder-Retter einspringen, wie die "Deichstube" berichtet. Stets im grün-weißen Dienst.

Bis Ende Juni ist Schaafs Vertrag als Technischer Direktor gültig. Noch ist nicht klar, ob er verlängert wird. Das liegt daran, dass Werder, wie viele andere Klubs, zum Sparen gezwungen ist. Das liegt aber auch an Schaaf selbst, der dem Verein nicht aus reiner Nostalgie erhalten bleiben will.

Sein Kommentar zur Zukunft bei Werder hätte kaum nüchterner sein können. "Wenn ein Vertrag ausläuft, überdenkt man immer, ob man die Zusammenarbeit fortführen möchte", sagte er der "Deichstube" im Februar. Er sei "kein Mensch, der sich gleich festlegt."

Ganz pragmatisch eben, diese grün-weiße Legende.

Verwendete Quellen:

  • Magazin "Titel, Typen und Triumphe: Die Ära Schaaf bei Werder" (vom Weser Kurier, 04/2021)
  • Deichstube.de: Neuer Vertrag für die Werder-Legende? Manager Baumann trifft auf zögerlichen Thomas Schaaf:
  • Spiegel.de: Schaaf-Interview: "Hier wird nicht rumgebrüllt"
  • 11Freunde: „Wenn im Weserstadion das Licht anging, eröffnete sich eine neue Welt“
  • „flw24.de“: „Ich habe mich sehr wohlgefühlt in Frankfurt – und wäre gerne geblieben“
  • Sueddeutsche.de: Interview mit Thomas Schaaf: „Magisches Dreieck? Das ist populistisch“