• Italien spielt wie eine Klubmannschaft unter Nationalteams.
  • Keine andere Mannschaft bringt ein so perfektes Setup mit wie die Squadra Azzurra.
  • Trainer Roberto Mancini ist der Schlüssel zum Erfolg und könnte zum Rollenmodell werden - auch für die deutsche Nationalmannschaft.
Eine Analyse
von Stefan Rommel

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Als es doch noch einmal eng wurde, ganz am Ende der Partie und unter größtem Druck der Belgier, da besann sich die italienische Nationalmannschaft auf ihre DNA. Mit zwei eng gestaffelten Riegeln verteidigten die Weißen ihren Strafraum und es sah phasenweise so aus wie jene berühmte taktische Formation, für die schon die Truppen von Gaius Iulius Caesar berühmt waren. "Testudo" nennt sich der Verteidigungswall, die Schildkröte.

Mit der Schildkröte vor Torhüter Gianluigi Donnarumma bewachten die Italiener ihren knappen Vorsprung und retteten den irgendwie ins Ziel. Und so manch Beobachter mag sich dabei gedacht haben: Das können sie dann also doch auch noch, die Italiener. Verteidigen wie die Berserker, voller Hingabe und Opferbereitschaft und nicht selten auch mit viel Zynismus. Eine Stilform, die Italien quasi einst erfunden hatte.

Unglaublich sauberes Positionsspiel

Die Squadra Azzura hat im Viertelfinale gegen Belgien ein lupenreines Endspiel nachgestellt. Die rund 15.000 Fans im Münchener Stadion und einige hundert Millionen in der ganzen Welt sahen das wohl beste Spiel der bisherigen Europameisterschaft und eine italienische Mannschaft, die wie ein Champion spielte. Und so schön, wie man selten eine italienische Mannschaft gesehen hatte.

Die Italiener zeigen als einzige Mannschaft des Turniers die perfekte Mischung aus kreativem Offensivspiel und defensiver Stabilität. Einige Mannschaften sind in der Defensive bärenstark, Deutschland-Bezwinger England zum Beispiel, andere wie die Spanier können an einem guten Tag in der Offensive mächtig aufdrehen, die Dänen kommen extrem über ihre Leidenschaft. Aber im Gesamtpaket gibt es kein Team, das es mit den Italienern aufnehmen könnte.

Das Positionsspiel der Squadra ist bestechend klar strukturiert, die Kreativität der Spieler in allen Mannschaftsteilen außerordentlich und trotzdem ist sich kein einziger Spieler in der Truppe zu schade, auch die Drecksarbeit zu erledigen. Klar, es gibt Torhüter Donnarumma, Marco Verratti, Ciro Immobile - aber echten einen Superstar hat Italien nicht in seiner Mannschaft. Und vielleicht ist das auch ein kleiner Teil des Geheimnisses dieses Teams, das mit einem unzerstörbaren Teamgeist punktet.

Die Klubmannschaft unter den Nationalmannschaften

Zehn Treffer haben die Italiener nun schon bei der EM erzielt, so viele wie noch nie bei einem Endturnier. Die Tore verteilen sich auf sechs verschiedene Torschützen, vom Verteidiger bis zum Mittelfeldstürmer war da alles dabei. Italien bekommt dabei so gut wie keine andere Mannschaft bisher die entscheidende Mischung aus Konzentration und der nötigen Lockerheit hin und niemand verkörpert diesen Bewusstseinszustand so sehr wie der Innenverteidiger Giorgio Chiellini. In ein paar Tagen wird der 37 Jahre alt, es könnte also sein letztes großes Turnier für sein Land werden und Chiellini hat mit Italien noch nie etwas gewonnen.

Chiellini schafft es wie die gesamte Mannschaft, diesen großen Druck in eine beeindruckende Energie zu wandeln. Zusammen mit seinem "Zwillling" Leonardo Bonucci ist Chiellini der Anführer einer Bande aus jungen oder mittelalten Spielern, die auf ihre Granden in der Innenverteidigung hören. Chiellini und Bonucci haben schon über 400 Pflichtspiele gemeinsam bestritten, kennen sich wie ein altes Ehepaar da hinten drin. An ihnen richtet sich der Rest aus und auf und darf mit der Gewissheit der totalen Absicherung in der letzten Linie im Spiel nach vorne einfach nur aufdrehen.

Italien spielt dabei ohne Klub-Block, die Mannschaft ist bunt zusammengestellt aus Spielern von verschiedenen Klubs. Umso erstaunlicher ist die Selbstverständlichkeit, mit der Italien spielt. Die Squadra Azzurra ist die Klubmannschaft unter den Nationalmannschaften bei diesem Turnier: Während fast alle anderem, auch Deutschland bis zu seinem Ausscheiden, mit Versatzstücken arbeiten und neben einigen Highlights auch Schwächen offenbaren und in den Abläufen nicht immer sicher wirken oder unkoordiniert, passt bei den Italienern jeder Ablauf. So, als würde diese Mannschaft schon seit Jahren zusammenspielen und sich jeden Tag zum Üben beim Training treffen.

Mancini ist der Schlüssel und ein Rollenmodell

Der Grund für diese strategische Überlegenheit ist Roberto Mancini. Italien hatte gewissermaßen Glück im Unglück, als beim Tiefpunkt der Geschichte der Squadra Azzurra die Lösung aller Probleme gerade frei war. Als die Italiener im Herbst 2017 in einem Heimspiel gegen Schweden nicht in der Lage war, ein einziges Tor zu erzielen und damit die Weltmeisterschaft in Russland verpasste, lag der Calcio am Boden. Ein paar Monate später hatte der Verband die Idee, den bei Zenit St. Petersburg abgewanderten Ex-Nationalspieler als neuen Trainer zu installieren.

Mancini ist es seitdem nicht nur gelungen, die Mannschaft wieder zu einem großen Turnier und da mindestens bis ins Halbfinale zu führen, sondern den Stil der wichtigsten Mannschaft des Landes auch völlig umzukrempeln. Italien setzt bei dieser Europameisterschaft Maßstäbe im Offensivspiel, keine andere Mannschaft greift so komplex und variabel an, niemand geht mehr Risiko bei trotzdem guter Absicherung. Mancini hat seiner Mannschaft in Rekordzeit und ohne viele Übungseinheiten einen Fußball beigebracht, der in sich schlüssig, attraktiv und überdies erfolgreich ist: Seit 32 Spielen ist Italien mittlerweile ungeschlagen.

Mancini ist der Schlüssel des Aufstiegs und - so viel lässt sich wohl jetzt schon sagen - der Rückkehr der Squadra Azzurra in den Kreis der Weltspitze. Keine andere Nation hat den nötigen Umbruch so schnell, so elegant und nachhaltig geschafft wie Italien und könnte nun sogar stilbildend werden, auch für die deutsche Nationalmannschaft. Das alles ist keine Garantie dafür, dass am Ende auch Italien bei der EM triumphieren wird. Aber die Möglichkeiten sind so groß wie nie, auch wenn nach der schweren Verletzung von Leonardo Spinazzola nun der beste Linksverteidiger des Turniers nicht mehr mitspielen kann.

Italien ist spätestens nach dem wilden Ritt gegen den anderen Favoriten Belgien der heißeste Anwärter auf den EM-Titel. Wer die Hand an den Henri-Delaunay-Pokal bekommen will, muss vorher an den Italienern vorbei. Und das wird verdammt schwer.

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