Geheimfavorit? So nicht. Österreich blamiert sich gegen den Underdog Ungarn und vermasselt den EM-Start komplett. Neben der Niederlage gibt es noch weitere Tiefschläge zu verkraften.

Was für eine Enttäuschung! Österreich hat seinen Start in die Euro 2016 kräftig vermasselt. Die Mannschaft von Marcel Koller verlor nicht nur gegen Außenseiter Ungarn mit 0:2 (0:0), sondern muss im nächsten Spiel womöglich sogar auf zwei Leistungsträger verzichten.

  • Österreich startet mit einem enttäuschenden 0:2 (0:0) gegen Ungarn ins Turnier
  • Wieder kein ÖFB-Sieg bei einer Europameisterschaft
  • Aleksandar Dragovic fliegt mit Gelb-Rot vom Platz
  • Große Sorgen um angeschlagenen Zlatko Junuzovic
  • Ungarns 40 Jahre alter Torhüter Gabor Kiraly ist neuer EM-Rekordspieler

Der Star des Spiels

Bei Werder Bremen saß Laszlo Kleinheisler ein halbes Jahr fast nur auf der Bank - für die Ungarn wurde der Mittelfeldspieler im ersten EM-Match gleich zum wichtigsten Spieler überhaupt. Kleinheisler spulte bis zu seiner Auswechslung nach 79 Minuten starke 9,5 Kilometer ab, er war der beste Umschaltspieler auf dem Platz, sowohl in der Offensive als auch in der Defensive.

Der 22-Jährige verteilte die Bälle stark, kam auch selbst oft zum Torabschluss und war so eine ständige Gefahr für den Gegner. Stark sein Zusammenspiel beim goldenen Tor mit Schütze Adam Szalai.

Die Szene des Spiels

Im Sommer 1986 erzielte eine ungarische Nationalmannschaft das letzte Tor bei einem großen Turnier, Lajos Detari traf damals bei der WM in Mexiko gegen Kanada. Fast auf den Tag genau 30 Jahre später beendete Adam Szalai die Durststrecke.

Ein toller Konter, ein feiner Doppelpass mit Laszlo Kleinheisler und ein trockener Schuss aus kurzer Distanz bedeuteten für die Ungarn das vorentscheidende 1:0. Es war der Anfang vom Ende für Österreich - und der Startschuss für einen rauschenden Abend für die Ungarn.

Die Reaktionen zum Spiel

David Alaba (Österreich): "Wir haben eigentlich sehr gut ins Spiel gefunden und hätten mit etwas Glück auch 1:0 in Führung gehen können. Der Platzverweise war dann ein Knackpunkt. Beim Gegentor sind wir zwei, drei Mal zu spät gekommen. Ungarn hatte nicht viele Chancen, wir hatten die bessre und wir waren auch die bessere Mannschaft. Aber sie haben ihre Chance genutzt und wir nicht. Das ist eine sehr große Enttäuschung, wir hatten uns viel vorgenommen."

Julian Baumgartlinger (Österreich): "Das ist eine herbe Enttäuschung. Das war nicht die Art und Weise, wie wir uns das vorgenommen hatten. Man muss Ungarn ein Kompliment machen, sie waren zielstrebiger, klarer in ihren Aktionen. Die Niederlage haben wir uns selbst zuzuschreiben."

Bernd Storck (Trainer Ungarn): "Das war grandios, was meine Mannschaft geleistet hat! Wir wurden belohnt für die harte Arbeit der letzten drei Wochen. Das war ein tolles Spiel, ein tolles Ergebnis, bravo! Es war ein Traum, heute zu gewinnen und dieser Traum ist in Erfüllung gegangen. Wir hatten Probleme in der Anfangsphase, danach ist aber jeder Spieler über sich hinausgewachsen. Die zweite Halbzeit war grandios, besser kann man nicht spielen."

Die Lehren des Spiels

  • Das Gegenpressing und Nach-vorne-Verteidigen funktionierte bei Österreich im Vergleich zur Testspielniederlage gegen die Niederlande wieder besser. Auch die Umschaltmomente bei Ballgewinn und -verlusten waren wieder besser.
  • Das ganz große Aber: Bei eigenem Ballbesitz fand Österreich gegen die geschickt verschiebenden Ungarn kaum einmal eine Lücke. Der Spielaufbau war nicht flüssig genug, es fehlte an Breite und Tiefe im Spiel. Und das Team leistete sich zu viele leichte technische Fehler. So kam Österreich fast ausschließlich nach Kontersituationen zu seinen wenigen Torchancen.
  • Die Ungarn spielten in der Defensive zwar wie erwartet - offensiv aber erstaunlich mutig und aggressiv. Der Außenseiter fand einen guten Mix aus Sicherheit und Courage, verschleppte mal das Tempo, um danach plötzlich wieder aufs Gas zu drücken. Taktisch eine sehr ansprechende Leistung der Ungarn.
  • Die generöse Spielleitung von Schiedsrichter Clement Turpin kam eher den robusten, körperbetont spielenden Ungarn entgegen. Österreich ließ sich vom einen oder anderen harten Einsteigen durchaus beeindrucken. Turpin hatte die Partie nicht immer im Griff, lag bei den wichtigen Entscheidungen aber richtig.
  • Nach dem Rückstand und dem Platzverweis spielte Österreich hopp oder topp: Es offenbarten sich riesige Lücken besonders im Mittelfeld, die die Ungarn aber nicht konsequent ausnutzten, um mit einem zweiten Tor den Sack schon früher zuzumachen.
  • Österreich fehlte in der Schlussphase die Explosivität und auch geistige Frische - und das lag nicht nur an der numerischen Unterlegenheit. Die Mannschaft wirkte nicht ganz austrainiert. Die Ungarn hatten da deutlich mehr in petto.
  • Mit 40 Jahren und 74 Tagen ist Gabor Kiraly der älteste Spieler, der jemals an einem EM-Spiel teilgenommen hat. Kiraly knackte damit Lothar Matthäus‘ alten Rekord aus dem Jahr 2000. Matthäus war damals 39 Jahre und 91 Tage alt.
  • Die Ungarn verschaffen sich durch den überraschenden Erfolg gegen den Geheimfavoriten eine überragende Ausgangsposition für den Einzug ins Achtelfinale. Österreich dagegen steht jetzt im zweiten Spiel gegen Portugal schon brutal unter Druck.

Die Tabelle der Gruppe F

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