(seb) - Vor fast einem Jahr nahm sich Hannovers Torwart Robert Enke das Leben. Ein neues Buch gibt nun erstmals tiefe Einblicke in den jahrelangen Kampf, den der ehemalige DFB-Keeper mit Depressionen ausfocht, und die ihn schließlich in den Freitod trieben. Nicht nur für Fans werden viele Passagen der Biografie nur schwer zu ertragen sein.

Er war erst 32 Jahre alt. Zwei Tage vorher hatte Robert Enke noch das Tor von Hannover 96 gehütet; das Heimspiel gegen den Hamburger SV ging 2:2 aus. Die Saison war noch jung, sein Verein lag gut im Rennen, und die WM in Südafrika stand bereits vor der Tür. Im Duell um die Nummer eins der Nationalmannschaft hatte ihn Bundestrainer Joachim Löw zur Nummer eins erklärt. "Weil wir mit seinen Leistungen zufrieden sind, haben wir ihm das Vertrauen gegeben", sagte Löw im September der Zeitung "Welt". Zwei Monate später, am 11. November 2009, war Robert Enke tot.

Der Sportjournalist Ronald Reng war acht Jahre lang eng mit Robert Enke befreundet. Am 8. Oktober erscheint sein Buch "Robert Enke – Ein Allzu kurzes Leben". Auszüge aus Rengs Buch, die vorab exklusiv von der "Bild"-Zeitung abgedruckt wurden, lassen erahnen, in welch tiefer Krise der nach außen stets souverän und abgeklärt wirkende Enke steckte.

Am Morgen seines Todestages hatte sich Enke noch von seiner Frau Teresa verabschiedet. Ein normales Gespräch, schreibt Reng. Enke küsst seine Tochter Leila ein letztes Mal auf die Stirn. Am Kühlschrank hatte er noch eine Notiz hinterlassen: Vier Karten für das Bayern-Spiel sollen besorgt werden. Am Abend sei er zurück,

Statt zum Training fährt Enke ziellos umher. Reng erreicht ihn auf dem Handy, doch Enke verrät seine Absichten nicht. "Ich rufe dich heute Abend zurück, Ronnie, okay?"

Es ist nicht nur die Geschichte von Enke, dem Spitzentorwart, der ständig unter hohem Leistungsdruck stand. Das Buch liefert auch tiefe Einblicke in die Krankheit Depression: wie sie einen Menschen auffrisst, ihn leiden lässt. Reng berichtet, wie Enke schlaflose Nächte im Trainingslager der Nationalmannschaft während der WM-Qualifikation verbrachte. Eines Morgens rief er seine Frau an.

"Ich habe keine Minute geschlafen. Und jetzt liege ich hier, starre nur auf den Wecker und schaffe nicht hochzukommen."

Teresa redete auf ihren Mann ein, der wenige Stunden später einen Leistungstest bei Jogi Löw absolvieren sollte.

"Robbi, du stehst jetzt auf. Ich rufe in fünf Minuten wieder an, bis dahin hast du die Vorhänge aufgezogen und geduscht."

Er quält sich, doch er schafft es nicht. Die Medien berichten später die offizielle Diagnose des Teamarztes: Virusinfektion. Heute weiß man, wie schlimm es wirklich um Enke stand. In sein Tagebuch notierte Enke: "1. September 2009. Lag den halben Tag im Bett, ehe mich Terri am Telefon dazu gebracht hat aufzustehen. Gib nicht auf!"

Rengs Biografie von Enke ist weniger ein journalistischer Bericht, als die Erinnerung an einen guten Freund. Die beiden verband mehr als die Liebe zum Sport. In "Bild" und seinem Buch berichtet er, wie Enke ihm einst vorgeschlagen hatte, einmal selbst ein Buch zu schreiben, nach der Karriere. Die beiden Männer hatten sich 2002 in Spanien kennengelernt, nachdem Enke zum FC Barcelona gewechselt war. Mit Hilfe des erfahrenen Autoren ("Der Traumhüter") und Hobby-Fußballers Reng wollte Enke seine Gedanken zu Papier bringen. "Ich habe mir Notizen gemacht", sagte er einst zu Reng, "damit ich nichts vergesse."

"Heute weiß ich, warum ihm die Biografie so sehr am Herzen lag", schreibt Reng.