Der grenzüberschreitende Umgang mit Fans löst hierzulande selten einen Aufschrei aus. Ein Problem, das dieser Tage auch Vereinsverantwortliche klar ansprechen nach dem Polizeieinsatz in Wolfsburg.

Mara Pfeiffer - FRÜF/Frauen reden über Fußball
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Es gibt vermutlich keine zweite gesellschaftliche Gruppe, deren permanente Gängelung durch die Polizei in diesem Land so klaglos hingenommen würde, wie die von Fußballfans. Allein das Thema sachlich diskutieren zu wollen, scheitert in vielen Fällen. Das klischeehafte Bild von Fans, das in vielen Köpfen existiert, scheint als Rechtfertigung zu genügen: Diese betrunkenen Rowdys werden schon etwas getan haben, um jegliche Polizei-Maßnahme zu rechtfertigen.

Aber über die Grundrechte von Fans zu sprechen, bedeutet, über unser aller Grundrechte zu sprechen. Auch wenn viele fußballferne Menschen das nicht hören wollen: Maßnahmen, die bei einer Gruppe über einen längeren Zeitraum ohne gesellschaftlichen Aufschrei durchgehen, können nach und nach auf andere Gruppen ausgeweitet werden. Ein Thema, das Fananwälte in der Vergangenheit immer wieder angesprochen haben. Doch ihre Warnungen verpuffen.

Zunächst gilt es, ein paar grundsätzliche Themen zu sortieren. Zum einen sind im Stadion nicht nur Ultras und Mitglieder der aktiven Szene, sondern Menschen allen Alters, aller Schichten, von Familien mit Kindern über Ultras hin zu Menschen mittleren und hohen Alters. Und oft genug sind sie alle betroffen, wenn die Polizei Fußballfans mit fragwürdigen Maßnahmen überzieht. Zum anderen ist auch der Eindruck falsch, sämtliche Ultras seien Problemfans – was nicht bedeutet, dass es unter ihnen (und allen anderen Fans) keine Problemfälle gibt.

Ja, Fußballfans speziell in stark alkoholisiertem Zustand können unangenehm sein und überschreiten bisweilen Grenzen des Anstands. Sie unterscheiden sich damit aber nicht wirklich von unangenehm betrunkenen Menschen bei anderen Großveranstaltungen. Das ist natürlich keine Entschuldigung für etwaiges Fehlverhalten. Die Frage muss aber erlaubt sein, wieso Fans regelmäßig unter Generalverdacht gestellt werden, während das bei sagen wir Besuchern und Besucherinnen des Oktoberfestes und anderen Großereignissen nicht passiert. Diese Sippenhaft ist unzulässig und es ist notwendig, darüber zu sprechen, gerade nach dem ersten Spieltag dieser Saison.

Da nämlich wurden am Bahnhof in Wolfsburg ankommende Fans nach übereinstimmenden Berichten eingekesselt, gefilmt, durchsucht und zur Abgabe ihrer Personalien aufgefordert. Zudem informierte man sie, dass eine "Aufenthaltsverbotszone" für das Stadtgebiet gelte. Im Vorfeld war die Begegnung zwischen Wolfsburg und Werder von beiden Vereinen als eine mit geringem Risiko eingestuft worden. Das geschieht mittels eines Ampelsystems. Anders als die Klubs, die ein "Grün-Spiel" erwarteten und kommunizierten, erklärte die Polizei an beiden Standorten später, sie stufe die Fanlager als rivalisierend ein. Das wirft mehrere Fragen auf.

Einmal dürften die Fanlager sämtlicher Begegnungen rivalisierend sein, rein sportlich gesehen. Niemand geht schließlich ins Stadion, um den eigenen Verein verlieren zu sehen. Zum anderen twitterte die Polizei Bremen, die Einschätzung "rivalisierend" geschehe unabhängig von dem benannten Ampelsystem. Die Polizei Wolfsburg erklärte hingegen in einer Pressemeldung, die Begegnung sei als Rot-Spiel eingestuft worden. Wie kommen die unterschiedlichen Angaben zustande? Und, viel wichtiger, wieso ignoriert die Polizei offenbar die Einordnung der Klubs?

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Werder-Präsident Hess-Grunewald: "Ich erwarte da eigentlich eine politische Korrektur von den Entscheidungsträgern"

Offizielle beider Vereine zeigten sich nach dem Spiel bestürzt über die sehr harte Gangart der Polizei in Wolfsburg. VfL-Sportchef Jörg Schmadtke sagte in der WAZ: "Ich habe mir die Bilder von dem Einsatz angesehen. Ich bin bestürzt. Das ist eine Blamage für den Fußball-Standort Wolfsburg." Werders Profifußball-Leiter Clemens Fritz sagte, er könne dieses Vorgehen nicht verstehen. Die Begegnung sei in der Vergangenheit immer friedlich verlaufen.

Auch Werders Präsident Hubertus Hess-Grunewald wurde bei sky deutlich: "Ich erwarte da eigentlich eine politische Korrektur von den Entscheidungsträgern, denn das kann so nicht stehen bleiben und darf sich nicht wiederholen." Alle gaben an, von der Gangart überrascht worden zu sein.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass der Stadtstaat Bremen das bislang einzige Bundesland mit einer Gebührenordnung für zusätzliche Polizeikosten bei "Hochrisikospielen" ist. Seit einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts im März 2019 darf Bremen Mehrkosten für Polizeieinsätze bei der DFL in Rechnung stellen. In der Vergangenheit wurde immer wieder kritisiert, die Einordnung als Hochrisikospiel sei schwammig bis willkürlich. Im Oktober hatten die Präsidenten und Präsidentinnen der Rechnungshöfe der Länder und des Bundes jedoch eine Empfehlung an alle Bundesländer ausgesprochen, solche Gebührentatbestände ebenfalls einzuführen.

Wie unisono Vereinsvertreter die Polizeiaktion vom Wochenende verurteilen, sollte hellhörig machen. Die Fankultur hierzulande ist ein hohes Gut, der Zuschauersport Fußball ohne Fans würde sein Gesicht vollkommen verändern. Stadien sind sichere Orte, das haben in der Vergangenheit Befragungen unter Fußballfans ebenso wie regelmäßig erhobene Zahlen bestätigt. Es wäre absurd, wenn ausgerechnet die Einsätze der Polizei den Besuch beim Fußball zu einem Ereignis machen würden, über das Fans lieber zweimal nachdenken.

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