Die deutschen Nachwuchsmannschaften laufen zunehmend der internationalen Spitze hinterher. Ist das lediglich eine kleine Durststrecke oder eine gefährliche Entwicklung für die Konkurrenzfähigkeit des deutschen Fußballs?

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Zählt der deutsche Fußball perspektivisch noch zur europäischen Spitze? Spätestens nach dem Vorrundenaus der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2018 und dem zuletzt schwachen Abschneiden der deutschen Vereine in der Champions League und Europa League drängt sich diese Frage auf. Ein Blick in den Nachwuchs verrät, dass tatsächlich Grund zur Sorge besteht.

Zwar triumphierte die deutsche U-21-Nationalmannschaft noch vor einem Jahr bei der Europameisterschaft. In den jüngeren Jahrgängen allerdings blieben die Erfolge zuletzt aus. Die U17 scheiterte in diesem Jahr bei der Europameisterschaft in der Vorrunde.

Die U19 verpasste gegen Norwegen sogar die Qualifikation für die EM. Und für die U20 war bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr gegen Sambia Endstation.

Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter der Nachwuchsmannschaften, sagte gegenüber dem Tagesspiegel: "Das ist eine Durststrecke, die wir dieses Jahr haben." Wirklich nur eine Durststrecke oder ein für den deutschen Fußball gefährlicher Trend?

Jahrelang wurde der deutsche Fußball für die Jugendarbeit gelobt. Anfang des Jahrtausends investierten die Bundesligisten groß in ihre Nachwuchsleistungszentren. Plötzlich sprossen massenweise Talente hervor. Die deutsche Nationalmannschaft zählte wieder zur Weltspitze und krönte diese Entwicklung mit dem WM-Titel 2014.

Nicht so viele Talente wie alle denken

Ein Jahr später war es ausgerechnet Bundestrainer Joachim Löw, der den Freudentaumel beendete. "Grundsätzlich ist es so, dass wir eine Reihe von jungen, sehr talentierten Spielern haben - aber es sind nicht so viele, wie alle denken", sagte er damals gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

"Viele glauben, in Deutschland gäbe es Talente wie Sand am Meer. Das stimmt nicht." Drei Jahre später dürfte diese Botschaft auch bei dem Letzten angekommen sein.

Verantwortlich für die Ausbildung junger Fußballer ist nämlich nicht der DFB. Es sind die deutschen Profivereine, die die Talente in ihren Fußball-Internaten zu Profis formen. Und diese scheinen im Nachwuchs den internationalen Anschluss vorerst verpasst zu haben.

Am 18. September startet die UEFA Youth League in ihre sechste Spielzeit. Dabei handelt es sich praktisch um die Champions League für die U-19-Mannschaften. An der Gruppenphase dürfen die A-Jugendmannschaften teilnehmen, dessen Profis sich für die echte Champions League qualifiziert haben.

Dieses Mal sind also die Nachwuchs-Kicker des FC Bayern München, des FC Schalke 04, von Borussia Dortmund und der TSG Hoffenheim vertreten.

Alarmierende Bilanz der deutschen Mannschaften

Die Bilanz der deutschen Vereine ist alarmierend. Letzte Saison war der FC Bayern München der einzige deutsche Verein, der die Gruppenphase überstand. In den vergangenen drei Spielzeiten gelang das lediglich zwei der insgesamt elf teilnehmenden deutschen Mannschaften.

In der Geschichte dieses Wettbewerbs schafften es sechs spanische Mannschaften bis in das Halbfinale, vier englische und drei portugiesische. Bei den deutschen Vertretern war der FC Schalke 04 der bislang einzige Verein, der es bis in die Runde der letzten vier schaffte - und das war im Jahre 2014.

Das schwache Abschneiden der deutschen Nachwuchs-Mannschaften hat Gründe. Thomas Flath trainiert die U-19 von Borussia Mönchengladbach, nahm bereits an dem internationalen Wettbewerb teil und weiß, warum der Nachwuchs der ausländischen Vereine häufig erfolgreicher ist.

Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte er: "Mannschaften wie Barcelona oder Manchester City haben auffällig viele ausländische Spieler im Kader, häufig auch U-Nationalspieler. Das sind keine normalen Vereinsmannschaften, sondern internationale Auswahlmannschaften."

Jürgen Gelsdorf, langjähriger Nachwuchsleiter von Bayer 04 Leverkusen, sieht das ähnlich und sagte gegenüber der Süddeutschen Zeitung: "Die Nachwuchsarbeit der deutschen Vereine ist nicht so schlecht, wie es die Ergebnisse erahnen lassen. In den anderen Ländern wird nur einfach viel mehr Geld in die Jugend gepumpt."

Deutsche Mannschaften wollen nachziehen

Die deutschen Vereine haben die Problematik erkannt. Also nehmen sie ordentliche Summen in die Hand, um den Rückstand aufzuholen. Die U-19 von Schalke hat in Zyen Jones und Bradley Cross zwei Top-Talente aus dem Ausland verpflichtet, die U-19 der Bayern tat selbiges mit Alex Timossi Andersson und Chris Richards.

Damit nicht genug: Im Winter kommt auch noch das 17-jährige kanadische Ausnahmetalent Alphonso Davies nach München - und zwar für eine Ablöse von zehn Millionen Euro. Viel Geld für einen Spieler, der zunächst nur in der U-23 zum Einsatz kommen soll.

Sollte diese Strategie weiter verfolgt werden, könnten die deutschen Nachwuchs-Mannschaften den Rückstand zur internationalen Spitze vielleicht aufholen. Gleichwohl aber würden die deutschen Talente verdrängt werden. Das könnte zu einer Abwärtsspirale bei den U-Nationalmannschaften führen.

Der deutsche Fußball scheint in einem Teufelskreis zu stecken.

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