Zehn Jahre nach dem Skandal um Robert Hoyzer ist das Thema Wettmanipulation nahezu komplett aus der Öffentlichkeit verschwunden - dabei existiert die Bedrohung immer noch. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Korruptionsskandal des Jahrzehnts.

Als am 19. Januar 2005 bei Volker Roth in Salzgitter das Telefon klingelte, war das der Auftakt der schlimmsten Erschütterungen, die der deutsche Profi-Fußball seit dem großen Bestechungsskandal Anfang der 70er Jahre aushalten musste.

Roth war damals Chef der DFB-Schiedsrichtergruppe und hatte am anderen Ende Lutz Michael Fröhlich am Apparat. Der Berliner schilderte Roth einen Sachverhalt, der so viel Sprengkraft besaß, dass sich der ansonsten gerne verschlossene DFB nur zwei Tage später zum Gang an die Öffentlichkeit entschloss.

Der "Fall Hoyzer" rüttelte die Nation durch, in "Brennpunkten" und Talkshows wurde über den Niedergang des Volksguts Fußball diskutiert und Robert Hoyzer, die damals 25 Jahre alte Nachwuchshoffnung des deutschen Schiedsrichterwesens, zum Teufel gewünscht.

Zehn Jahre ist der Skandal jetzt her. Die Aufregung hat sich schnell wieder gelegt, im Hintergrund aber wabert der Sumpf der Manipulationen wohl unvermindert weiter.

Was ist damals passiert?

Robert Hoyzer wurde von den Brüdern Ante, Filip und Milan Sapina im Berliner "Cafe King" angeworben, um Spiele im deutschen Profi-Fußball zu verschieben. Hoyzer nimmt zwischen Mai und Oktober 2004 Einfluss auf vier Spiele, darunter die Partie im DFB-Pokal zwischen dem damaligen Drittligisten SC Paderborn und dem Hamburger SV (4:2).

Insgesamt soll Hoyzer für seine "Dienste" 67.000 Euro und einen Plasmafernseher von den Betrügern erhalten haben. Der Schiedsrichter brachte die Profis Steffen Karl und Thijs Waterink auf seine Seite, beide spielen das Spielchen mit und kassieren ebenfalls ab.

Den Stein ins Rollen bringt dann der vergeblich Anwerbeversuch Hoyzers bei anderen Schiedsrichterkollegen. Lars Getschmann, Christoph Marschner, Olaf Blumenstein, Manuel Gräfe und Felix Zwayer werden angesprochen. Die letzteren Drei vertrauen die Verdachtsmomente ihrem Obmann Fröhlich an. Hoyzer weist alle Vorwürfe erst brüskiert von sich, gesteht aber einige Tage später und wird als Referee aus dem Verkehr gezogen.

Vor einem ordentlichen Gericht wird er zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Im Laufe weiterer Prozesse werden auch die Hintermänner verurteilt.

Was macht Hoyzer heute?

Der DFB hat die lebenslange Sperre des Skandal-Schiedsrichters aufgehoben. Nach der vorzeitigen Haftentlassung im Sommer 2008 spielte Hoyzer selbst wieder aktiv Fußball. Erst als Verteidiger beim Landesligisten SSC Teutonia, später bei den Spandauer Kickers. Seit Juni 2014 arbeitet er ehrenamtlich als Technischer Direktor des Regionalligisten Berliner AK.

Derzeit bezahlt er immer noch in Raten jene 126.000 Euro Entschädigung an den DFB ab, die ihm damals auferlegt wurden.

Was machen die Schiedsrichter, die den Skandal aufgedeckt haben?

Manuel Gräfe und Felix Zwayer machten große Karriere. Gräfe hat seit 2004 nun schon 166 Bundesligaspiele geleitet, ist Fifa-Schiedsrichter und wurde 2011 als "Schiedsrichter des Jahres" ausgezeichnet.

Der damalige Linienrichter Felix Zwayer, der eigentliche Initiator der Enthüllungen, ist seit fünf Jahren Bundesliga-Schiedsrichter. Er wurde 2014 zum "Schiedsrichter des Jahres" gewählt.

Allerdings fällt gerne unter den Tisch, dass Zwayer damals unter anderem wegen "grob sportwidrigen Verhaltens" sechs Monate gesperrt wurde. Zwayer hatte von Hoyzer 300 Euro angenommen, um bei der Partie Wuppertal gegen Bremens Amateure "als Schiedsrichter-Assistent kritische Situationen für den Wuppertaler SV zu vermeiden".

Was hat sich seitdem verändert?

Der DFB hat jede Menge Geld in die Hand genommen, um die Frühwarnsysteme auf dem Gebiet der Sportwetten zu verbessern. "Wir haben gelernt, dass wir uns besser als bisher vor den Verführungen der Sportwetten schützen müssen. Für die Zukunft ist es wichtig, präventiv gegen Wettbetrug vorzugehen", sagte der damalige DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger.

Die Maßnahmen waren vielfältiger Natur: Die Schiedsrichteransetzung wird seitdem erst 48 Stunden vor Spielbeginn bekanntgegeben. Spieler sind vertraglich verpflichtet, keine Wetten zu platzieren. Es gab auch Rufe nach Lügendetektortests, denen Spielern nach Auffälligkeiten unterzogen werden sollten. Der etwas krude Vorschlag wurde aber wieder verworfen.

Stattdessen kontrolliert die Agentur "Sportradar" seit 2005 um die 30.000 Spiele in Europa. Angeblich erfasst das Unternehmen dabei 300 Millionen Datensätze pro Tag. Für die Wetter gibt es seitdem Obergrenzen beim Spieleinsatz und den Gewinnmöglichkeiten. Der Wildwuchs wurde ein wenig eingedämmt. Mehr aber wohl auch nicht.

Die Manipulationen haben sich längst von harten Zielen - also konkreten Spielausgängen, Zwischenständen oder Torschützen - wegbewegt und sich auf weitaus schwieriger zu erfassende und nichtiger ausfallende Spezialwetten verlagert. Meist im Segment der Livewetten.

Der Profibereich in Deutschland erscheint sauber, in den unteren Ligen greifen die Kontrollmechanismen aber in großen Teilen ins Leere. Und dass zum Beispiel von Fernost aus immer noch und im ganz großen Stil Spiele verschoben und damit Milliardenumsätze generiert werden, ist ein offenes Geheimnis. Die Vermutung liegt weiter nahe, dass der Hoyzer-Skandal nur die Spitze eines Eisbergs war.