Ja, es ist absurd, was im Fall Jatta passiert. Seit zwei Wochen rätselt der deutsche Fußball, ob der HSV-Profi Bakery Jatta zwei Jahre älter ist und vielleicht mit Nachnamen anders heißt, und erhält keine schlüssige Erklärung.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Was man weiß: Dass der DFB die Angaben des Spielers beim Verband in Gambia bestätigt bekommen und demnach die Spielberechtigung ausgestellt hat. Bakery Jatta durfte für den Hamburger SV auflaufen.

Trotzdem wollen der 1. FC Nürnberg und gestern der VfL Bochum die Spekulationen um Jattas Herkunft ungehindert anheizen und mit ihren Protesten Rechtspositionen einnehmen, die zwar formal korrekt sein mögen, aber moralisch verwerflich sind.

Wer seine Niederlagen gegen den Hamburger SV allein mit der Hoffnung auf ein womöglich menschliches Wirrnis abzuwenden versucht, handelt nicht besonders sportlich.

Vorteil durch falsche Altersangaben?

Jetzt mal angenommen, Bakery Jatta hätte, als er nach Deutschland flüchtete, tatsächlich falsche Angaben gemacht: Hätte er daraus auch nur einen einzigen Vorteil auf dem Rasen ziehen können?

Man könnte ihm dann (ausdrücklich: im Konjunktiv) Sozialmissbrauch oder Urkundenfälschung oder sonstwas vorwerfen, aber eben keinen Vorteil in sportlichen Fragen. Bei den Erwachsenen ergibt sich kein Spielvorteil aus falschen Altersangaben.

Der Hinweis, dass Jatta dann unter Umständen erst gar nicht beim Hamburger SV gelandet wäre, zeigt das Perfide in der Sachfrage auf: Dahinter steckt die intellektuelle Herleitung, dass die an Formalien gescheiterte Integration eines Fußballtalents den Konkurrenten geschwächt hätte.

Das ist schlimm. Denn will Fußball nicht genau das Gegenteil: die Förderung von Integration beim gemeinsamen Spiel um den Ball?

Eine moralische Lösung muss her

Die Vereine in Nürnberg und Bochum müssen sich deshalb allein aus moralischen und gesellschaftspolitischen Gründen die Frage stellen, ob sie wirklich die Werte, die der Fußball verkörpert, der vagen Aussicht auf drei Punkte unterordnen wollen.

Ihr juristischer Winkelzug gibt jenen Futter, die auf Verdachtsmomente lauern. Der Chemnitzer FC will sich nicht darauf einlassen und verzichtet auf einen Protest zur Niederlage im DFB-Pokal.

Es wird höchste Zeit, dass DFB und DFL über vorsichtig formulierte Stellungnahmen hinaus Farbe bekennen und zu einer verbindlichen Haltung in der Frage der Spielerlaubnis gelangen, bevor der nächste HSV-Gegner Karlsruher SC eine weitere Protestnote absetzen kann.

Es geht hier um einen jungen Fußballer und das Recht auf Unschuldsvermutung. Wenn der Fall Jatta nicht juristisch gelöst wird: Moralisch kann der Verband das.

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Pit Gottschalk, 50, ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de.
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