Leichtfüßig wie eine Ballerina, abgebrühter als jeder britische Spion - Manuel Neuer ist auf dem Zenit seines torhüterischen Schaffens angekommen. Er ist Weltmeister und nominiert für die Wahl des Weltfußballers. Gegen Eintracht Frankfurt zeigte Neuer ein Kabinettstückchen, wie man es normalerweise von Lionel Messi und Konsorten gewohnt ist. Einen Rückpass leitete er ganz lässig mit der Hacke weiter. Anderen Spielern hätte man vielleicht einen Arroganzanfall vorgeworfen - Neuer nicht.

Mario Basler kann ein Liedchen davon singen. Wann immer er meinte, den Ball zärtlich streicheln oder die Tricks eines Zinedine Zidane in Vollendung nachahmen zu müssen, hagelte es von Nicht-Bayern-Fans Kritik. Er sei arrogant. Er wolle seine Gegenspieler demütigen. Ob das nötig sei, wollte man von ihm wissen. In Deutschland, wo man sich Kabinettstückchen gerne aus der Ferne in der spanischen Liga beispielsweise ansah, galt unnötige Ballverliebtheit lange als etwas, dass man auf dem Trainingsplatz zelebrieren konnte, aber doch bitte nicht bei einem richtigen Spiel.

Diese Sicht der Dinge hat sich mit der Generation Reus und Götze zum Glück gewandelt. Die Fans juchzen vor dem Fernseher, wenn sich Bundesligaspieler mit dem Ball am Fuß um die eigene Achse drehen oder den Ball mit der Hacke ins Tor zaubern.

Neuer auf Higuitas Spuren

Dass nun aber auch Torhüter mit technischen Meisterwerken glänzen, ist neu - sieht man einmal von Rene Higuitas berühmtem "Scorpion-Kick" ab. Manuel Neuer hat schon bei der WM in Brasilien bewiesen, dass er besser mit dem Ball umgehen kann als so mancher Verteidiger. Mit seinem Hackentrick bei Eintracht Frankfurt hat Neuer jedoch noch eine Schippe draufgelegt und bietet so durchaus Stoff für kritische Nachfragen. Hätte er den Ball nicht einfach stoppen und normal weiterpassen können? Ist das Risiko bei einer solchen Ballweitergabe nicht zu groß für einen Torhüter? Zeugt es nicht von einer gewissen Arroganz, zu meinen, nur weil man 3:0 in Führung ist, die Gegenspieler so cool austricksen zu müssen? Im Grunde also dieselben Fragen, die man Mario Basler seinerzeit gestellt hat.

Doch heute stellt kaum einer diese Fragen. Vielleicht auch, weil Neuer den Pass als "spontane Aktion" abtut. "Ich musste den Ball eh direkt nehmen, weil der Frankfurter auf mich zugelaufen kam", meinte er nach dem Spiel. Statt dem Torhüter ein übersteigertes Selbstvertrauen vorzuwerfen, ergeht sich die Fußball-Welt in ehrfürchtigem Lob. Sogar Real Madrids Superstar Gareth Bale adelte den Pass auf Twitter als "unreal" (zu dt. "unwirklich"). Eintrachts Trainer Thomas Schaaf, sonst nur für minimalste Gesichtsregungen bekannt, verzog anerkennend die Mundwinkel und Frankfurts Marco Russ ist einfach nur beeindruckt: "Echt ausgebufft, der ist so easy am Ball."

Ehre, wem Ehre gebührt

In diesem Fall gilt wohl einfach, Ehre, wem Ehre gebührt. Denn Manuel Neuer ist nicht umsonst für die Wahl zum Weltfußballer nominiert. Und er darf sich auch nicht umsonst Hoffnungen machen, es zumindest in die Top 3 zu schaffen, die am 1. Dezember bekanntgegeben wird. Ex-Torwart-Titan Oliver Kahn bringt es bei "bild.de" auf den Punkt: "Ich weiß das ja aus eigener Erfahrung: Man hat bei dieser Wahl Hemmungen, einen Torwart zu wählen, denn es heißt ja schließlich Weltfußballer. Manuel hat aber Chancen, denn er ist ja Fußballer."

Und dass er auch noch ein verdammt guter und technisch versierter Fußballer ist, hat er allerspätestens am Samstag bei Eintracht Frankfurt bewiesen. Manuel Neuer hat das Torwartspiel größtenteils von der Linie verbannt und ins Feld verlagert. Und für einen Feldspieler gehört ab und an ein Hackentrick zum guten Ton. Mit Arroganz hat das nichts zu tun. Neuer kann es halt einfach.