Der Videobeweis sorgt beim Confed-Cup in Russland für zahlreiche Diskussionen. Seine Anwendung dauert oft lange, die Schiedsrichter wirken teilweise verunsichert. Sind das typische Kinderkrankheiten? Oder gibt es ein grundsätzliches Problem mit dieser Neuerung?

Die Verwirrung im Stadion von Sotschi war groß. Etwas mehr als eine Stunde war in der Confed-Cup-Partie zwischen Deutschland und Kamerun (3:1) am Sonntagabend gespielt, da verlor der kolumbianische Schiedsrichter Wilmar Roldán kurzzeitig den Überblick.

Nach einem heftigen Foul des Kameruners Ernest Mabouka an Emre Can zückte er die Gelbe Karte, hielt sie aber nicht Mabouka, sondern dessen sichtlich verwundertem Mitspieler Sebastien Siani vor die Nase.

Er ist der beste Torwart der Welt. Doch Löw fehlt eine richtig gute Nummer 2.

Daraufhin schalteten sich die Video-Assistenten ein, wie es vorgesehen ist, wenn der falsche Spieler eine persönliche Strafe erhält.

Roldán lief zum Spielfeldrand und schaute sich das Foulspiel noch einmal auf einem Monitor an. Danach änderte er seine Entscheidung – und zeigte Siani die Rote Karte.

Die Kameruner protestierten begreiflicherweise vehement, schließlich war Siani gänzlich unschuldig.

Referee verliert den Überblick

Der Unparteiische ging noch einmal zum Bildschirm und korrigierte sich anschließend erneut: Den Platzverweis erhielt jetzt Mabouka, während Siani weiterspielen durfte.

Die Hinausstellung war zwar hart und damit diskussionswürdig, aber zumindest hatte sie nun den Spieler getroffen, der das Foul an Can begangen hatte.

2 Minuten und 45 Sekunden hatte der Videobeweis gedauert, zwischen Maboukas Foul und der Ausführung des Freistoßes waren sogar mehr als vier Minuten vergangen – eindeutig zu viel. Das Durcheinander von Sotschi scheint diejenigen zu bestätigen, die dieser Neuerung skeptisch gegenüberstehen.

Videobeweis läuft noch nicht rund

Tatsächlich läuft es beim Confed-Cup in Sachen Videobeweis noch nicht rund. Die Überprüfung von Entscheidungen nimmt oft mehr Zeit in Anspruch, als sie es nach den Vorstellungen der Verantwortlichen sollte. Dass ein Spiel dafür eine Minute und länger unterbrochen ist, stellt bislang eher die Regel als die Ausnahme dar.

Zudem gestaltet sich die Anwendung noch uneinheitlich. Manche elfmeterverdächtige Strafraumszenen schauen sich die Schiedsrichter nach Rücksprache mit den Video-Assistenten noch einmal an, andere nicht. Und das in durchaus vergleichbaren Situationen. Auch die Abläufe wirken manchmal unklar und wenig transparent.

Abläufe müssen sich erst einspielen

Das hat mehrere Gründe. Der Videobeweis ist für alle Beteiligten neu und muss sich in der Praxis erst bewähren.

Das sportlich wenig bedeutende Turnier in Russland ist insoweit ein Testlauf. Dass es dabei bisweilen klemmt und holpert, ist normal und Teil eines Lernprozesses.

Denn sowohl die Referees als auch die Video-Assistenten beim Confed-Cup haben bislang kaum Erfahrungen mit dem Einsatz der Technik gemacht und sind auch untereinander nicht eingespielt.

Kaum ein Fußball-Fan mag ihn - dabei ist er der Angreifer der DFB-Zukunft.

Beim Spiel zwischen Mexiko und Russland etwa kam der Unparteiische aus Saudi-Arabien, die Video-Helfer stammten aus Usbekistan, dem Iran und den USA. Das zieht fast zwangsläufig Komplikationen in der Zusammenarbeit nach sich.

Gründliche Vorbereitung in der Bundesliga

Muss man auch in der Bundesliga mit einer Verwirrung bei Schiedsrichtern, Spielern und Verantwortlichen rechnen, wie sie in Russland teilweise zu beobachten ist?

Die Gefahr dürfte zumindest geringer sein. Denn in der deutschen Eliteklasse wurden die Referees ein Jahr lang intensiv auf die Neuerung vorbereitet.

Einem monatelangen "Offline-Test" an jedem Bundesliga-Spieltag, bei dem die Video-Assistenten noch keine Sprechverbindung zum Unparteiischen auf dem Feld hatten, folgten eigens arrangierte Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

In diesen konnte jeder Bundesliga-Schiedsrichter den Videobeweis mehrmals "online" üben – als Referee auf dem Feld wie auch als Video-Assistent vor den Bildschirmen im Studio.

Dass es dennoch auch im deutschen Oberhaus vor allem zu Beginn zu Ungereimtheiten kommen könnte, liegt in der Natur der Sache. Denn unter Zeitdruck und Anspannung in einem ausverkauften Stadion, vor Millionen an den Fernsehschirmen und umringt von aufgeregten Spielern eine derart gravierende Änderung von der Theorie in die Praxis umzusetzen, wird nicht sofort reibungslos gelingen.

Eingriff nur bei klaren Fehlern

Dass der Schiedsrichter sich eine Szene am Spielfeldrand noch einmal ansieht, soll in der Bundesliga nach dem Willen von DFB und DFL die Ausnahme bleiben. Denn der Video-Assistent soll sich nur dann einschalten, wenn er einen klaren, unauslegbaren Fehler des Unparteiischen in den Bereichen Torerzielung, Strafstoß, Rote Karte und Spielerverwechslung entdeckt.

In Zweifelsfällen dagegen bleibt es normalerweise bei der auf dem Feld getroffenen Entscheidung. Damit sollen Unterbrechungen auf ein Minimum reduziert werden.

Es dürfte in der Bundesliga also deutlich seltener als beim Confed-Cup dazu kommen, dass Schiedsrichter nach grenzwertigen Strafraumszenen an die Seitenlinie zum Monitor eilen.

Kircher: "Dauert nicht zu lange"

In Russland – das sollte bei aller Aufregung nicht unterschlagen werden – hat der Einsatz des Videobeweises im Ergebnis immerhin dazu geführt, dass mehrere Fehlentscheidungen verhindert beziehungsweise korrigiert wurden. Und dazu gehörte trotz des chaotischen Entscheidungsmanagements auch die Rücknahme der Verwarnung für den Kameruner Siani.

Der frühere FIFA-Schiedsrichter Knut Kircher ist sogar der Ansicht, dass der Videobeweis beim Confed-Cup gar nicht übermäßig lange dauert. "Ich finde, eine Minute ist schon rasend schnell", sagte er gegenüber dem "Spiegel".

Schließlich müsse dem Video-Assistenten eine mögliche Regelwidrigkeit in der Realgeschwindigkeit auffallen. Sein technischer Helfer, "Operator" genannt, müsse daraufhin "die Kameraeinstellung wählen und vor- und zurückspulen, um die richtige Stelle aus dem richtigen Winkel zu finden". Anschließend nehme auch die Kommunikation mit dem Schiedsrichter einige Zeit in Anspruch.

Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern

So manchem ist das jedoch ein Dorn im Auge, weil auf diese Weise stark ins Spiel eingegriffen und der Gefühlshaushalt von Spielern wie Fans besonders nach Toren auf eine harte Probe gestellt wird.

So dauerte es beispielsweise in der Partie zwischen Portugal und Mexiko (2:2) gut zwei Minuten, ehe feststand, dass der Treffer zum 2:1 für den Europameister kurz vor Schluss zählte.

Die Befürworter des Videobeweises machen dagegen geltend, dass Genauigkeit vor Geschwindigkeit geht und es am wichtigsten ist, dass eine Entscheidung mit direkter Auswirkung auf das Spiel korrekt ist.

Unter diesem Aspekt hat die Neuerung beim Confed-Cup bislang funktioniert. Die Diskussionen zeigen gleichwohl, dass sich nicht nur die Schiedsrichter erst an sie gewöhnen müssen.