Der Streit zwischen BVB-Boss Hans-Joachim Watzke und Trainer Thomas Tuchel wirkt kaum lösbar. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt ein Streitschlichter, wie er diesen Zwist angehen würde und was die Grundvoraussetzung für eine Annäherung wäre.

Der Zwist zwischen dem Geschäftsführer von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, und seinem Trainer Thomas Tuchel überlagert aktuell alle anderen Themen der Bundesliga.

Zwar intervenierte nun Sportdirektor Michael Zorc im Interview mit der "Deutschen Presse-Agentur" diplomatisch, doch der Streit scheint kaum zu kitten.

Doch ist das wirklich so? Was könnte ein Streitschlichter bewirken? Und wie würde dieser vorgehen?

Unsere Redaktion sprach mit dem ausgebildeten Mediator Winfried Goessl.

Ob Thomas Tuchel noch lange Trainer von Borussia Dortmund sein wird, steht in den Sternen. In einem Interview hat sich der BVB-Coach nun erstmals selbst zu Wort gemeldet. 

Herr Goessl, der Zwist zwischen BVB-Boss Hans-Joachim Watzke und seinem Coach Thomas Tuchel wirkt festgefahren. Ist das Verhältnis der Beiden noch zu retten?

Winfried Goessl: Eine Mediation ergibt nur Sinn, wenn die Beteiligten ergebnisoffen sind.

Ob Sie bereit dazu sind, nicht auf ihren Standpunkten zu beharren.

Man müsste schauen, welches Interesse bei beiden dahintersteht, welche Bedürfnisse sie haben, erst dann wären Lösungen möglich.

Kompromissbereitschaft scheint ja gerade das Problem zu sein.

Es treffen drei Alphatiere aufeinander, Sportdirektor Michael Zorc darf man nicht außer Acht lassen.

Allgemein ist es so, dass bei Führungskräften die soziale Kompetenz oft zu kurz kommt. Konflikte finden meist auf der persönlichen Ebene statt.

Das scheint aus der Ferne betrachtet auch beim BVB der Fall zu sein. Es hat wohl Eitelkeiten gegeben, wie auch immer losgelöst.

Klub und Spieler kontra Trainer. Haben Bosse bereits Nachfolger kontaktiert?

Tuchel versucht in dieser Gemengelage der "Good Boy" zu sein, beide Seiten rudern nun immerhin zurück.

Schade ist, dass offenbar vergessen wurde, was noch vor wenigen Wochen passiert ist, und zwar der Sprengstoffanschlag auf die Mannschaft. Beide haben damals souveräner gewirkt.

Es wirkt, als würde sich der Zwist in Folge der unterschiedlichen Interpretation des Nachholspiels gegen die AS Monaco regelrecht entladen. Macht dieser Umstand den Streit nicht noch gewichtiger?

Das macht den Streit gewichtiger, keine Frage. Es kommt eine große Emotionalität hinzu.

Es hieß eigentlich, dass ein Kriseninterventionsteam eingeschaltet worden sei.

Die Arbeit desselben scheint auf Führungsebene nicht gelungen zu sein. Wir sehen ein klares Alphatierverhalten.

Eine gute Führungspersönlichkeit ist jemand, der andere Alphatiere neben sich duldet. Dann hat diese Person wirklich Klasse. Zorc versucht zumindest zu moderieren.

Ein gutes Beispiel, wie man mit solch einer Situation umgeht, findet sich in der Politik: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Nach dem Hype um Martin Schulz hat sie sich zurückgezogen, nach dem Motto: Jetzt schaue ich mal, sitze das aus.

Bei Borussia Dortmund wäre mehr Zurückhaltung ratsam gewesen.

Welche Fehler wurden beim BVB ferner gemacht?

Das Interview von Watzke war zum falschen Zeitpunkt, selbstverständlich bringt sowas Unfrieden.

Bei Watzke hat man den Eindruck, er hätte das Gefühl, als ginge er als Sieger aus dieser Geschichte heraus.

Watzke hätte als Führungskraft besonnener reagieren müssen. Er hätte wissen müssen, dass seine Sätze diese Reaktionen nach sich ziehen.

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Welche Maßnahmen würde nun ein Streitschlichter ergreifen?

Zuerst schaut sich ein Mediator an, welche Interessenskonflikte vorliegen.

Ein Profi muss die Bedürfnisse der Streitparteien moderieren und jeweils vertretbare Lösungsoptionen erarbeiten.

Wichtig ist, dass sowas intern passiert. Es gibt dann verschiedene Stilarten.

Das heißt?

Es geht darum, den Streitparteien einen geschützten Rahmen zu geben, zuzulassen, dass sie sich die Meinung sagen und persönliche Betroffenheiten austauschen.

Und das fände im Büro von Herrn Watzke oder in der Kabine statt?

Ein neutraler Rahmen ist wichtig, im besten Fall direkt beim Mediator.

Vor Ort bei den Streitparteien ist immer ungünstig. Dort entstand schließlich der Konflikt.

Aber: Wäre der Streit geschlichtet, würden ihnen die Fans, die Konkurrenz und die Sponsoren das im schlechtesten Fall nicht mal abkaufen, oder?

Doch. Wenn beide offen ihre Bereitschaft signalisieren würden, den Streit kitten zu wollen.

Der Mediator begleitet nur. Ein Streitschlichter erkennt, ob es nur eine Show ist oder beide das Interesse haben, die Lösung mitzutragen.

Eine Mediation endet stets mit einer Vereinbarung, die von beiden Seiten unterzeichnet wird.

Sie hätten dann nochmal die Möglichkeit, das mit Dritten durchzusprechen, zum Beispiel Tuchel mit seinem Berater oder Watzke mit seinem Aufsichtsrat.

Dann ist es in der Regel erstmal gut - wenn beide wirklich ergebnisoffen wären. Davon hinge letztlich alles ab.

Winfried Goessl, Jahrgang 1962, ist ein studierter Pädagoge, der sich 2004 mit seinem Institut für Persönlichkeitsentwicklung & Coaching selbständig machte. Der Oberbayer gilt als Spezialist in punkto Körpersprache, ist ausgebildeter Mediator. In Seminaren und Workshops coacht er Führungskräfte und Spitzensportler in sicherem und selbstbewussten Auftreten. Goessl referiert zudem zu Themen wie Burn-Out-Prävention, Gesundheitsmanagement und Mobbing.