Wie schon vor zwei Jahren kommt es gegen Spanien zu einem echten Endspiel für Deutschlands Handballer. Gegen die spanischen Defensivkünstler stehen gleich mehrere Schlüsselpositionen und -spieler im Fokus.

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Die Ausgangslage ist klar: Mit einem Sieg im Spiel gegen Spanien (heute, 20:30 Uhr, LIVE bei uns im Ticker) zieht Deutschland auf jeden Fall doch noch ins Halbfinale der Europameisterschaft ein.

Das Problem ist nur, dass sich die deutsche Mannschaft nach insgesamt fünf absolvierten Partien bisher ein ganzes Stück von ihrer Bestform entfernt präsentierte.

Um gegen Ex-Weltmeister Spanien zu bestehen, muss eine klare Leistungssteigerung in fast allen Mannschaftsteilen und von einzelnen Spielern her. Auf einige Spieler kommt es gegen Iberer ganz besonders an.

Die Torhüter

Andreas Wolff und Silvio Heinevetter haben bisher jeweils ein Turnier mit Licht und Schatten absolviert. Beide kommen auf 34 Prozent abgewehrter Würfe.

Das ist ordentlich, aber eben nicht herausragend. Nur mit einem starken Torhüter hat Deutschland gegen Spaniens variablen Angriff eine echte Siegchance.

Vielleicht hilft die Erinnerung Deutschlands Nummer eins ja ein wenig auf die Sprünge: Im EM-Finale vor zwei Jahren spielte Wolff das Spiel seines Lebens und wurde beim Sieg gegen den Favoriten nicht nur in Deutschland ein Star.

Der Respekt der Spanier vor dem Riesen im deutschen Tor dürfte jedenfalls noch immer groß sein. Da könnten ein paar gehaltene Bälle gleich zu Beginn den Gegner sofort wieder zum Nachdenken bringen.

Der Rückraum

Spanien stellt mit erst 91 Gegentoren die beste Mannschaft aller noch im Turnier befindlichen Teams, der deutsche Angriff ist mit bisher erst 97 Toren erschreckend schwach.

Das sind keine besonders guten Vorzeichen, zumal mit Paul Drux ein wichtiger Spieler wegen eines Meniskusrisses bereits abgereist ist. Für ihn rückte Maxi Jahnke in den 16er-Kader nach.

Deutschland hat mit Steffen Weinhold, Steffen Fäth und Julius Kühn überragende Shooter im Rückraum, die bisher aber nur vereinzelt ihre Stärken einbringen konnten.

Auch Regisseur Philipp Weber hat noch Steigerungspotenzial. Immerhin zeigten Weinhold und Kühn, der in der Bundesliga in dieser Saison phasenweise überragend war, zuletzt aufsteigende Form.

Um die Spanier von beide Seiten anzugreifen und gefährlich zu werden, müssen aber auch beide Rückraumseiten endlich gemeinsam funktionieren.

Vielleicht wird ja der bisher eher unter dem Radar fliegende Kai Häfner zum "Dark Horse", also zum überraschend wichtigen Spieler. Häfner ist mit bisher erst 15 Toren auch noch lange nicht an seinem Leistungsoptimum angekommen.

Die Außen

Deutschland hat mit Uwe Gensheimer den wohl besten Linksaußen der Welt in seinen Reihen. Der Star von Paris Saint-Germain kann Spiele ganz alleine entscheiden, in Kroatien ist er bisher aber kaum ein Faktor für das deutsche Team.

Nur 15 Tore aus dem freien Spiel sind für einen Spieler seiner Klasse nach fünf Spielen viel zu wenig, dazu kommen ungeahnte Schwächen bei den Siebenmetern (nur zehn von 15).

Gensheimer steht deshalb in der Kritik, musste sich auch von Bundestrainer Christian Prokop zuletzt öffentlich anzählen lassen. Gegen Dänemark nahm Prokop seinen Kapitän sogar früh vom Platz und stellte stattdessen Rune Dahmke auf Linksaußen.

"Ich weiß, dass ich noch nicht gespielt habe, wie ich es von mir gewohnt bin und es andere von mir gewohnt sind", sagt Gensheimer im ZDF-Interview selbstkritisch. "Das tut ein Stück weit weh, aber ich werde nicht aufgeben, es zu probieren. Auch gegen Spanien."

Dahmke wäre als Mentalitätsspieler immer eine Alternative, auf der anderen Seite haben auch Patrick Groetzki und Tobias Reichmann genug Qualität, um gegen Spanien endlich zu explodieren.

Das Abwehrzentrum

Im EM-Finale von 2016 wurde neben Torhüter Wolff auch Finn Lemke so richtig bekannt. Der Abwehrriese ist im Block mit Hendrik Pekeler die Wand in der Abwehr. Lemkes Mentalität und seine Aggressivität sollten nicht nur gegnerische Würfe abwehren, sondern die Kollegen auch emotional mitreißen.

"So eine Möglichkeit bekommt man nicht so oft", spielt Lemke in der ARD auf die glückliche Konstellation in der Gruppe an, durch die Deutschland überhaupt noch die Chance auf das Halbfinale bekommen hat. "Und diese Möglichkeit sollten wir jetzt am Schopfe packen."

Wie das funktionieren soll, hat Lemke schon klar im Kopf. "Man kann im Handball nicht alles auf dem Taktikbrett entscheiden. Auf dem Platz kommt es drauf an, dass man in der Abwehr die entscheidenden 30 Zentimeter geht oder im Angriff am Gegenspieler vorbeikommt."

Das Tempospiel

Sowohl in der Ballzirkulation und den Abläufen gegen eine 6-0- oder eine 5-1-Deckung, mit der die Spanier zu erwarten sind, als auch im Tempogegenstoß hat Deutschland noch mächtig Luft nach oben.

Gerade der Gegenstoß war in den bisherigen Partien kaum ein Faktor, was natürlich auch daran liegt, dass gegen Deutschlands aggressive Abwehr viele Gegner gern in Überzahl und ohne Torhüter agiert haben - und Deutschland dann nach Ballgewinnen gleich den Abschluss ins leere Tor gesucht hat.

Klassische Gegenstöße oder die schnelle Mitte, um zu vergleichswiese leichten Toren zu kommen, gab es bisher nur selten zu sehen. "Gerade beim Thema Tempospiel müssen wir uns deutlich steigern, wenn wir eine Chance haben wollen", sagt Trainer Prokop.

Die Mentalität

Deutschland hat in den Spielen bisher in den entscheidenden Situationen Konzentration, Wille und den Killerinstinkt vermissen lassen.

Das späte Gegentor gegen die Slowenen war ein Genickschlag, der völlig vermasselte letzte Angriff gegen Mazedonien ebenfalls. Auch gegen Dänemark wäre mindestens ein Punkt drin gewesen.

Die Bad Boys sind in diesen Momenten zu brav. Was es gegen die abgezockten Spanier braucht, ist neben einer guten Portion Glück auch eine rotzige Spielweise, die bedingungslose Einsatzbereitschaft und ein entschlossener Wille zum Sieg.

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