• Malaika Mihambo geht als frisch gekürte Weltmeisterin bei den European Championships, der Leichtathletik-EM, in München an den Start.
  • Zuletzt machte sie jedoch eine Corona-Infektion durch, durch die sie kaum trainieren konnte.
  • Im Interview spricht die 28-Jährige über ihre Nervenstärke und Pläne nach der intensiven Saison.
Ein Interview

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Nach der Leichtathletik-WM in Eugene (Oregon) ist vor der EM in München. Dort wollte sich Malaika Mihambo noch einmal steigern. Doch eine Corona-Infektion zwischen beiden Meisterschaften bremste sie aus. Quarantäne und Symptome hätten eine "optimale Wettkampfvorbereitung leider unmöglich gemacht", ließ Mihambo kurz vor Beginn der European Championships mitteilen.

"Ich habe mich so sehr auf die EM gefreut, war in einer super Form und wollte bei der EM zeigen, dass ich dieses Jahr noch weiter springen kann als in Eugene", schrieb die 28-Jährige, "wohlwissend, dass ich an mein Leistungsniveau von Eugene wahrscheinlich nicht anknüpfen kann."

Frau Mihambo, die European Championships stehen vor der Tür. Die WM in Doha und in Eugene haben Sie gewonnen, in Tokio sind Sie Olympiasiegerin geworden. Wie entscheidend ist der Heimvorteil?

Mihambo: Darauf angewiesen bin ich nicht. Aber man bekommt eine andere Unterstützung im eigenen Land. Kein Publikum feuert so heißblütig und leidenschaftlich an wie das eigene. Bei keinem Publikum schlägt der Funke so über. Man muss diesen Push aber auch nutzen können. Er ist kein Garant für eine bessere Leistung.

Inwiefern?

Man muss damit umgehen können. Früher fand ich das in Berlin sehr nervenaufreibend, wenn im Olympiastadion alle Kameras auf mich gerichtet waren und ich immer auf einer der vier Leinwände zu sehen war, beim Schuhebinden, Trinken oder einfach nur beim Dasitzen. 65.000 Menschen schauen auf mich. Das ist in anderen Stadien nicht so – außer man heißt vielleicht Usain Bolt.

Im Wettkampf in Eugene waren Sie in einer extremen Drucksituation: Die ersten beiden Sprünge haben Sie übertreten, der dritte Sprung musste sitzen. Sie haben schon erzählt, dass Sie wussten, Sie können es besser machen. Wie haben Sie den Schalter umgelegt?

Daran arbeite ich sehr viel. Ich versuche, jeden Tag zu meditieren, mich selbst zu reflektieren und mit meinen Gedanken klarzukommen. Dazu gehört auch, mit den Ängsten und dem Druck umzugehen, ihn zu verarbeiten – und zwar so, dass ich stärker aus der Situation herauskomme. Manchmal reicht es, die Perspektive auf eine Situation zu ändern, dass man eben mit einem guten Gefühl weitermachen kann. So habe ich das im Wettkampf auch gemacht.

Wie haben Sie Ihre Perspektive geändert?

Zuerst ging es für mich darum, technisch herauszufinden, was die Fehler waren. Mein Trainer hat sich vor Ort mit anderen Trainern beraten und kam zu dem Schluss, dass ich die letzten Schritte zu lang und sozusagen ungültig gemacht habe, obwohl es nicht nötig gewesen wäre. Ich habe mich dann zurückgezogen, habe kurz meditiert, versucht, mir klarzumachen, was ich verändern will. Nur die letzten drei Schritte, nicht zu viel anders machen. Dieses Selbstvertrauen zu haben, trotzdem das Gleiche zu machen, nur eben besser oder ein bisschen anders, ist nicht leicht. Ich habe einfach an mich geglaubt. In meiner Vorstellung gab es keine andere Möglichkeit, als dass ich diesen Sprung gültig mache.

Malaika Mihambo

Malaika Mihambo im Weitsprung zum zweiten Mal Weltmeisterin

Sie ist und bleibt die beste Weitspringerin der Welt - und bei den wichtigen Wettkämpfen nervenstark. Malaika Mihambo hat sich erneut den Weltmeistertitel gesichert. Für das deutsche Leichtathletik-Team war es der erste goldene Triumph in Eugene.

Sie haben kürzlich gesagt, Sie wollen immer die beste Version Ihrer selbst sein. Was meinen Sie damit?

Ich meine das nicht im Sinne eines Optimierungswahns. Ich möchte einfach eine glückliche Person sein und lernen, stabiler und fester im Leben zu stehen und mit Widrigkeiten besser umgehen. Sie sollen mich weniger belasten. Ich will das Potenzial, das ich habe, zeigen können.

Sie hatten immer wieder Probleme im Training, sagten aber zuletzt, Sie seien wieder auf einem ähnlichen Niveau wie 2019, als Sie zum ersten Mal Weltmeisterin wurden. Wie fühlt es sich jetzt an – und was ist anders als 2019?

Ich habe mich nach einer Reise zu mir selbst aus verschiedenen Abgründen wieder hochgearbeitet. Es hat sich anders angefühlt, zwei ungültige Versuche bei der WM in Eugene zu haben als zwei Versuche, die nicht reichen in Berlin und in Doha. Ich habe gemerkt, dass sich für mich vieles dadurch verändert hat, dass ich alle großen Titel erreicht habe. Für mich ist da eine gewisse Lockerheit: Alles kann, nichts muss. Ich habe mich vor dem Wettkampf damit beschäftigt, dass es möglich sein kann, dass ich den Titel nicht verteidige. Diese Vorstellung soll mir keine Angst machen, ich will trotzdem frei und glücklich sein. Ich versuche mich frei von Gedanken, es anderen beweisen zu müssen, auf den Sport zu konzentrieren.

Sie haben zum Beispiel an Ihrem Sprint gearbeitet.

Die Anzahl der Schritte ist gleichgeblieben, aber das Schrittmuster hat sich ein bisschen verändert. Es ist wieder mehr so wie es 2019 war, als ich einfach höhere Geschwindigkeiten erreicht habe. Ich bin technisch stabiler, habe mehr Kraft fürs Sprinten und werde dadurch schneller. Das muss man sich erarbeiten. Am Anfang einer Saison kann ich noch nicht so gut die richtigen Muskeln zur richtigen Zeit anspannen, wie ich es am Ende einer Saison schaffe. Das ist jetzt der Fall.

Im vergangenen Jahr haben Sie an Ihrem Absprung gearbeitet. Gibt es jedes Jahr eine andere Schraube, an der Sie drehen, um besser zu werden?

Ich versuche, mich immer auf alles zu konzentrieren. Aber es gibt Jahre, in denen wir sagen, wir konzentrieren uns explizit auf Schnelligkeit und Stabilität. Das haben wir jetzt über den Winter gemacht. Ich habe eine klare Aufwärtstendenz gesehen, weshalb ich so gut wie nie in eine Saison eingestiegen bin. Es ist ein fortwährender Prozess. Ich kann nie sagen, dass ich eine Sache perfektioniert habe.

Wie belohnen Sie sich nach dieser anstrengenden Saison?

Ich habe wieder eine längere Reise geplant, diesmal nach Südamerika. Das ist meine kleine Belohnung: mit dem Rucksack durch die Welt ziehen, etwas Neues sehen, neue Dinge über mich und die Welt lernen und neue Dinge zu erfahren. Das ist mir schon genug.

Zur Person: Malaika Mihambo, 28, ist die erfolgreichste Weitspringerin der Welt. 2019 und 2022 wurde sie Weltmeisterin, 2021 Olympiasiegerin. Ihre Bestweite liegt bei 7,30 Metern. Mihambo ist Sportlerin des Jahres und trainiert bei der LG Kurpfalz. Sie studiert Umweltwissenschaften.