Dem deutschen Sport droht der größte Dopingskandal seiner Geschichte. Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" wurden Spitzensportler in der Bundesrepublik Deutschland jahrzehntelang "systematisch und organisiert" gedopt. Die Zeitung bezieht ihre Informationen aus einer bisher unveröffentlichten Studie der Humboldt-Universität Berlin, die dem Blatt vorliegt.

Auf etwa 800 Seiten wird detailliert aufgeführt, in welchem Umfang und mit welcher Systematik während des Kalten Krieges in Westdeutschland Doping und Dopingforschung betrieben wurde. Die Studie trägt den Namen: "Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation". Laut der Studie "finanzierte der Staat über Jahrzehnte aus dem Steuertopf etliche Versuche mit leistungsfördernden Aufputschmitteln wie Anabolika, Testosteron, Östrogen oder dem Blutdopingmittel Epo". Die Fäden liefen demnach im 1970 gegründeten Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) zusammen, das bis heute dem Bundesinnenministerium unterstellt ist. Drei Jahre lang sichtete das Autoren-Team Archive und interviewte mehr als 50 Zeitzeugen - mit einem schockierenden Ergebnis.

Expertin erklärt, warum das Eis für Betrüger immer dünner wird.

Der Dopingmissbrauch habe sich quer durch zahlreiche Sportarten gezogen. "Bei den Leichtathleten standen Anabolika hoch im Kurs, die Fußballer sollen Pervitin und andere Amphetamine benutzt haben. Bei den Olympischen Sommerspielen 1976 in Montreal sei 1.200 Mal die Kolbe-Spritze injiziert worden. Das Präparat sei nach dem Ruderer Peter-Michael Kolbe benannt.

Nach Angaben der Autoren geschahen die Versuche nicht als Reaktion auf das Staatsdoping in der DDR, sondern parallel dazu. Wie die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, duldete die Politik Westdeutschlands das Vorgehen des BISp und der Sportmedizin nicht nur offenkundig, sondern förderte dieses auch. "Ein Zeitzeuge berichtet, das Bundesinnenministerium habe seine Interessen immer durchgesetzt - und das gelegentlich sogar über das Direktorium hinweg." Aus der Studie wird zitiert: "Einer der damaligen Innenminister hat den Satz geprägt: 'Unsere Athleten sollen die gleichen Voraussetzungen und Bedingungen haben wie die Ostblock-Athleten'".

Doping auch bei Minderjährigen

"Obwohl die Sportmediziner in den Siebzigern die Einnahme von Anabolika für unbedenklich erklärten, schränkten sie ein: Bei Frauen und Kindern sei der Einsatz abzulehnen. Man habe zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht allzu viel über das Aufputschmittel gewusst. Wie der Studie dennoch zu entnehmen ist, wurde dieses Verbot unterlaufen. In einer Skizze zur Studie erwähnen die Autoren, dass es einen "Zwang zur Dopingmitwirkung auch für Jugendliche" gegeben habe.

Zudem sei in einem Antrag des Freiburger Sportmediziners Joseph Keul im Zusammenhang mit der Anabolika-Forschung zu lesen, dass bereits Untersuchungen einer Förderklasse und einer Sportklasse im Alter von 16 und 11 Jahren auf die Wirkung des Dopingmittels hin begonnen hatten. Ein Zeitzeuge spricht sogar davon, 14-Jährige seien mit Dopingmitteln versorgt worden.

Keine genauen Angaben zu den Kosten

Über den konkreten Umfang und die Kosten enthält die Studie der Humboldt-Universität Berlin offenbar keine genauen Angaben. "Den HU-Historikern zufolge verteilte das BiSp jedoch allein zehn Millionen D-Mark an die zentralen sportmedizinischen Standorte in Freiburg, Köln und Saarbrücken", zitiert die SZ.

Bei den Dopingforschungen soll es vordergründig um den Nachweis gegangen sein, dass bestimmte Stoffe gar nicht leistungsfördernd seien. "Stellte sich dann aber wie im Fall von Anabolika oder Testosteron heraus, dass das Gegenteil zutrifft, kamen Präparate rasch zur Anwendung." Risiken und Nebenwirkungen seinen bekannt gewesen, "wurden aber verschleiert", so das Blatt.