In exakt 100 Tagen werden in Sotschi die Olympischen Winterspiele eröffnet. In einem Land, das Homosexuelle gesetzlich diskriminiert, Sportler und Besucher ausspioniert und die Medien kontrolliert. Eine Vorfreude auf Olympia kommt nicht auf - weder in Deutschland noch in Russland.

In 100 Tagen werden die 22. olympischen Winterspiele feierlich eröffnet. Und in exakt 100 Tagen wird es zu Massenverhaftungen kommen. Denn an diesem 7. Februar 2014 werden Schwulen- und Lesbenverbände protestieren.

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"Es ist einfach beschämend", sagt der US-amerikanische Ski-Star Bode Miller und spielt damit auf das in Russland geltende Gesetz an, das Homo- und Transsexuellen diskriminiert. Aus Rücksicht vor Kindern dürfen diese ihre sexuelle Orientierung nicht zur Schau stellen. Und wer sich an das Gesetz zum "Schutz Minderjähriger vor Propaganda von Homosexualität" nicht hält, dem drohen 15 Tage Arrest.

Putin: Keine Repressalien zu befürchten

Präsident Wladimir Putin beruhigt und betont, dass alles dafür getan werde "damit sich Sportler, Fans und Gäste wohlfühlen – unabhängig ihrer Herkunft, Rasse oder sexuellen Ausrichtung".

Das Internationale Olympische Komitee hat einen neuen Präsidenten. Der Deutsche Thomas Bach setzte sich gegen fünf andere Kandidaten durch.

Ob diesen Worten Taten folgen? Die Diskriminierung von Homosexuellen gehört in Russland zum Alltag. Die Putin politisch zugeneigte Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa sagte: "Männer sollten Frauen lieben und umgekehrt. Dies ergibt sich aus der Geschichte. Ich hoffe, dass dieses Problem nicht die Olympischen Winterspiele in Sotschi belastet." Erst nach harscher öffentlicher Kritik revidierte Issinbajewa und verwies auf Übersetzungsfehler.

Hungerlohn für tausende Gastarbeiter

Die Diskriminierung von Homo- und Transsexuellen ist aber nicht das einzige Problem. Rund 16.000 Gastarbeiter leben meist in Hütten zusammengepfercht und bekommen für 12-Stunden-Arbeitstage einen Hungerlohn bezahlt. Manche erhalten gar kein Gehalt - und werden bei Beschwerden aufgrund fehlender Papiere abgeschoben. Große Aufmerksamkeit erregte ein Arbeiter, der sich aus Protest den Mund zunähte. "Für ihn war es das letzte Mittel", sagt Semjon Simonow, Leiter der Abteilung der Menschenrechtsorganisation "Memorial" in Sotschi. "Er hatte sich an die Polizei und die Staatsanwaltschaft gewandt und wurde dort nur ausgelacht."

Zudem werden von Zuschauern und Athleten elektronische Daten durch Polizei und den Geheimdienst FSB angezapft, wie von den Enthüllungsjournalisten Andrej Soldatow und Irina Borogan berichten.

Des Weiteren steht immer noch die Frage nach dem Sinn der Vergabe an Sotschi im Raum: Warum wurde für die wichtigste Wintersport-Veranstaltung der Welt eine für dieses Ereignis viel zu warme Stadt ausgewählt? 450.000 Tonnen Schnee stehen zur Präparierung der Pisten zur Verfügung.

Kosten für Spielstätten explodieren

Vorfreude auf das größte Wintersport-Ereignis der Welt mag noch nicht so recht aufkommen - auch nicht bei der russischen Bevölkerung.

Zwei Drittel kritisieren die hohen Kosten von insgesamt 37,5 Milliarden Euro, ergab eine Studie. Exemplarisch dafür steht die für 200 Millionen Euro gebaute Skisprunganlage, die siebenmal so teuer wurde wie geplant. Die Winterspiele in der am Schwarzen Meer gelegenen Stadt sind die teuersten der Geschichte.

Rund 30 Milliarden wurden in die Infrastruktur investiert. Was sich positiv anhört, hat aber eine Schattenseite. Im Zuge der rund sechs Jahre andauernden Bauarbeiten wurden zahlreiche Bewohner zwangsumgesiedelt. Hoteliers beklagen große Verluste, da Besucher fernbleiben. Lärm, Dreck auf den Straßen und giftige Müllhalden sorgen zusammen für ein hässliches Stadtbild.

Bei aller Kritik gibt es auch Positives: Als das Internationale Olympische Komitee (IOC) Ende September die Wettkampforte in Sotschi begutachtete, befand Jean-Claude Killy, der Vorsitzende des Koordinationsausschusses, dass "alles wirklich hervorragend" sei und es nur noch "letzte Details" zu bearbeiten gebe. Sämtliche Sportstätten werden einsatzbereit sein, lediglich am Dach des Olympiastadions werde noch intensiv gearbeitet.

Es bleibt zu hoffen, dass die Arbeiter zumindest hierbei angemessen entlohnt und behandelt werden. Nur der Glaube daran fehlt.