Eine Diagnose, die ein Leben schlagartig verändert: Querschnittlähmung. In Spezialzentren kämpfen sich Patienten über Monate zurück in den Alltag. Doch auch danach ist nichts mehr wie vorher - die Lähmung verändert alles und erfordert ganz neue Hilfsmittel.

Es ist nicht nur das plötzliche Ende einer Sport-Karriere, sondern auch eine radikale Veränderung im Leben von Kira Grünberg: Vergangene Woche stürzte die Stabhochspringerin aus Österreich im Training schwer. Die 21-Jährige brach sich dabei die Halswirbelsäule, wurde stundenlang operiert und ist seitdem querschnittgelähmt.

Dass Grünberg als Leistungssportlerin größeren Risiken als andere Menschen ausgesetzt war, lässt sich nicht ohne weiteres behaupten. Denn Querschnittlähmung kann jeden unverhofft ereilen, bei einem Autounfall oder bei einem vermeintlich harmlosen Sturz auf der Treppe. Aber wie sieht das Leben nach dem Unfall aus? Welche Chancen haben Verletzte und wie lange dauert eine mögliche Rehabilitation?

Wie stark ist das Rückenmark geschädigt?

Dr. Yorck-Bernhard Kalke spricht lieber von "Spezialtherapie". Kalke leitet seit 1999 das Querschnittgelähmtenzentrum der Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm (RKU) und sagt: "Der Querschnittgelähmte wird akut behandelt wie eine akute Blinddarmentzündung oder eine akute Oberarmfraktur - auch wenn die gesamte Therapie Monate dauert." Etwa 2200 Akutfälle von Querschnittlähmung gebe es derzeit in Deutschland, bei 54 Prozent von Erkrankungen verursacht, bei 46 Prozent von Unfällen.

Dabei ist am Anfang meist noch nicht einmal klar, ob ein Patient überhaupt komplett gelähmt ist - und wichtiger: Ob er es bleibt. "Wenn ein Operateur sagt: 'Es ist alles gut, ihre Wirbelsäule steht wieder', kann das nur die halbe Wahrheit sein", berichtet eine Leitende Oberärztin, die für die Reha von Querschnittgelähmten zuständig ist. Entscheidend für den Grad der Lähmung ist nämlich nicht die Wirbelsäule, sondern das Rückenmark und wie stark dieses verletzt wurde. Denn einmal durchtrennt, wächst es nicht mehr zusammen und ist irreparabel geschädigt. Welche Chancen ein Patient hat, hängt auch von der Ursache seiner Lähmung ab. Diese kann neben einem Unfall auch eine Erkrankung wie ein Tumor oder eine Einblutung sein.

Entsprechend groß sind die Unterschiede, wenn Patienten in die Reha kommen. "Manche sind noch komplett bettlägerig, wenn sie zum Beispiel einen Schaden am Halsmark haben. Dabei kommt es häufig zu Kreislaufproblemen und es ist schwierig, die Patienten überhaupt in einen Rollstuhl zu setzen. Ist die Lähmung weiter unten im Brustmark oder im Bereich der Lendenwirbelsäule, geht dies schneller", sagt die Leitende Oberärztin. Auch die Reha-Dauer ist deshalb verschieden: Betrifft eine Lähmung die Beine oder den Rumpf, dauert es in der Regel vier bis sechs Monate. Bei Schäden am Halsmark rechnet man mit mindestens sechs Monaten, teilweise auch mit bis zu neun Monaten oder einem Jahr.

Körper und Seele gemeinsam therapieren

Zu Beginn geht es vor allem darum, den Kreislauf zu stabilisieren. Außerdem wichtig: Kann der Patient seine Blase und seinen Darm selbstständig entleeren? Auch müssen die Verletzten regelmäßig umgelagert werden, um ein Wundwerden durch das viele Liegen zu verhindern. Darüber hinaus gilt es, eine Thrombose zu vermeiden, wenn sich das Blut in den Beinen staut. "Die Pflege ist am Anfang sehr stark gefragt", erklärt auch die Leitende Oberärztin.

Gelingt all dies, werden Patienten erstmals vorsichtig in einen Rollstuhl gesetzt. Elektrische Stimulation kann dabei helfen, die Muskeln mit Strom zu kräftigen oder ihre Funktion zu erhalten. Und: "Je weiter oben die Verletzung im Rückenmark liegt, desto wichtiger wird die Ergotherapie", sagt die Leitende Oberärztin. Insbesondere bei Menschen, die vom Hals abwärts gelähmt sind, können Therapeuten beim Bewegen von Armen, Händen und Fingern oder beim Schlucken helfen. Später können auch noch Rollstuhltraining, und -sport sowie Anziehtraining dazukommen.

Dr. Yorck-Bernhard Kalke weiß auch: "Die psychologische Betreuung ist von Anfang an erforderlich." Vor allem Männer würden dies häufig ablehnen - ein Fehler, wie Dr. Kalke betont: "Querschnittlähmung schädigt einerseits den Körper - sie schädigt aber auch die Psyche. Und das lässt sich nur ausgleichen, indem man Körper und Seele gemeinsam therapiert."

Umbau der Wohnung und Hilfsmittel sind sehr teuer

Doch auch wer nach Monaten aus der Klinik wieder in den Alltag entlassen wird, muss sich massiv umstellen. Was vorher mit einem Handgriff erledigt war, ist mit der Lähmung nicht mehr möglich. Auch die Wohnung muss barrierefrei umgebaut werden. Dennoch gibt es inzwischen viele Möglichkeiten, trotz Lähmung ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Zahlreiche Hilfsmittel unterstützen die Patienten, ein elektrischer Rollstuhl ist da nur ein Beispiel. Bei einem Umfeldkontrollgerät etwa lässt sich mit Kinn und Kopf der Fernseher, die Heizung, Rollläden, oder das Licht bedienen. Ein Beatmungsgerät oder ein Schrittmacher für das Zwerchfell helfen beim Atmen. Auch das Auto kann umgebaut werden, um mit einem Rollstuhl hineinzufahren. Raul Krauthausen, der selbst Rollstuhlfahrer ist und viele nützliche Tipps kennt, entwarf eine Mini-Rampe für Bordsteine, die aus dem 3D-Drucker kommt.

Das alles kostet Geld - und nicht zu wenig. Schon die Therapie in den Spezialkliniken allein kann weit über 100.000 Euro verschlingen. Ein Tag im Querschnittgelähmtenzentrum Ulm beispielsweise kostet 638 Euro. "Die Krankenversicherung ist dabei zuständig für den gesamten Therapieverlauf über Monate", erläutert Kalke. Für alle Hilfsmittel gilt später bei den Gesetzlichen Krankenkassen die Abkürzung "WANZ": Es werden nur solche Leistungen gebilligt, die wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig sind.

Muss die Wohnung umgebaut werden, können Betroffene einen Zuschuss von bis zu 4.000 Euro pro Maßnahme bei der Pflegekasse beantragen. Vorausgesetzt, es liegt mindestens Pflegestufe 1 vor. Doch solche Maßnahmen können schnell sehr teuer werden, gerade wenn ein Unfall selbstverschuldet ist. Dr. Kalke hat deshalb schon 2002 eine Fördergemeinschaft für den Raum Ulm gegründet, Gelähmte können dort Zuschüsse beantragen - "damit es auch für einen besseren Rollstuhl oder ein besseres Sitzkissen reicht".