Die Deutschen sind das Volk der Abkürzungen. LMAA, PKW, USW, PLZ. Die Luca-App Betreiber mit angeschlossener Hip-Hop-Rentnerband namens "Die Fantastischen Vier" haben hier mit ihrer Abkürzungs-Hymne "MfG" vor ziemlich genau 23 Jahren sogar mal einen Nummer-zwei-Hit glandet. Nur an der damals als Popsensation gefeierten Newcomerin Britney Spears mit "Baby One More Time" kam die Stuttgarter Antwort auf Truck Stop nicht vorbei. Beide, also Spears und Fanta 4, sind mittelmäßig gut gealtert. Schneller vom Hoffnungsträger zum gesellschaftlichen Pflegefall wurde eigentlich nur noch die aktuelle Bundesregierung.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Womit sich der Kreis schließt: Abkürzungen. Tagesaktuell wurde die Enzyklopädie Weggelassener Wortelemente um ein neues Kleinod ergänzt: FPW. Ausgeschrieben: "Fiaskos pro Woche". In dieser Maßeinheit wird neuerdings die Regierungsarbeit der Ampel-Koalition bewertet. Und da wurde diese Woche direkt ein ziemlich imposanter Rekord aufgestellt. Neben der unrühmlichen Endlos-Schleife, in der die FDP mitsamt ihrer Entourage aus Edelschwurblern von der Freiheits-Journaille und dem Kolumnistinnen-Experten Jan Fleischhauer (Grüße an T-Online an dieser Stelle) vermittelt, der Krieg in der Ukraine wäre zwar sehr schlimm, aber nicht so schlimm wie ein Tempolimit, gab es auch aus dem Hause Lauterbach unerfreulich Desaströses zu vermelden.

Der schon immer nur vereinzelnd hochgelobte Ansatz, als Regierungskoalition keinen eigenen Antrag zur Impfpflicht vorzulegen, sondern diverse fraktionsübergreifende Gruppenanträge einzufordern, gipfelte in einer Abstimmungs-Klatsche historischen Ausmaßes. Allianzen der Unsäglichkeit, wie etwa Wolfgang Kubicki und Sahra Wagenknecht, duellierten sich stundenlang mit Verfechtern der Impfpflicht. Nur der ab 60 natürlich, denn mehr war nach dem turbokapitalistischen Aufbäumen der Freien Demokraten und ihrem "Covid ist beendet"-Mantra von der ursprünglich ab 18 gedachten Impfpflicht nicht verblieben.

Wer hat das Impf-Licht ausgemacht?

Die gesamte Debatte war weder unterhaltsam noch erkenntnisgewinnend. Vorgetragen dazu teilweise auf einem inhaltlichen und sprachlichen Niveau, gegen das jede Büttenrede im Kölner Karneval als nobelpreisverdächtige Erbauungsliteratur gilt. Offensichtlich streben bei brisanten Themen ausgerechnet die Abgeordneten vermehrt zum Rednerpult, die ansonsten nicht mal zum Bratwurst-Grillen auf dem parteiinternen Sommerfest abgestellt werden.

Da hilft auch nicht, dass selbst die FDP irgendwann aufwachen wird. Spätestens, wenn sich durch Long Covid unzählige langfristige Ausfälle in der wirtschaftsrelevanten Gruppe der Arbeitnehmer einstellen werden. Wenn plötzlich niemand mehr da ist, der das, was der Markt regelt, dann auch planen, zusammenbauen, managen oder überwachen kann, dann regelt der Markt ins Leere. Das kann nicht mal Wirtschaftswunderkind Christian Lindner und Freedom-Day Erfinder Marco Buschmann gefallen.

Die desolate Diskussion kulminiert anschließend in einem Debakel für Gesundheitsminister und Kanzler. Die Regierungsverantwortlichen fahren eine ruinöse Schlappe ein. Von Impfpflicht für alle im liberalen Freedom-Day-Fieberwahn per Kompromisstsunami auf Impfpflicht ab 60 runterverhandelt, endete selbst dieser einstmals als Impf-Schloss geplante Prachtbau als Abstimmungs-Ruine selbstdarstellerischer Politiker-Attrappen. Keine Mehrheit. Alles umsonst.

Fraglos trifft auch die Union um ihre neue Galionsfigur Friedrich Merz eine Mitschuld. Gut, die CDU ist traditionell besser darin, das Land an den entscheidenden Infrastruktur- und Sozialstellen kaputt zu sparen, als konstruktive Oppositionsarbeit zu leisten. Aber da sind sie ja auch noch in der Ausbildungsphase. Unionstaktik ist also, nach 16 Jahren Stillstand jetzt der Ampel die Verantwortung für die Versäumnisse aus vier Legislaturperioden Aussitz-Weltmeisterschaft in die noch viel zu großen Schuhe zu schieben. Wahlkampftaktisches statt vernunftbasiertes Abstimmen ist weder ein sympathisches noch ein demokratisches Verhalten, aber eben auch nicht verboten.

Diese CDU wird sich in 10 Monaten selbst zerstören

Das insgesamt im Armageddon-Modus eskalierende CDU-Personal wirkt mitunter wie ein heillos überforderter Oppositionstanker, der sich im Panamakanal der Bedeutungslosigkeit mit Vollgas in die falsche Richtung festnavigiert hat. Um das für alle folgenden Generationen lückenlos zu demonstrieren, leistet Steuermann Thomas Bareiß (immerhin Verkehrspolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag) einen legendären intellektuellen Offenbarungseid. Vorfreudig aufgeladen bis zur letzten Fieberglas-Haartolle will Bareiß die neue Regierung mit einem lupenreinen Social Media K.O. in die ewigen Klimapolitik-Jagdgründe schicken. Leider beerdigt er dabei mit einem spektakulären Twitter-Schuss ins eigene Knie zunächst sich selbst und im Anschluss direkt die ohnehin fragile Klimakompetenz der Union.

Vollkommen ohne Satire-Hinweis und lange nach dem ersten April tweetet Bareiß, es würde ihn "immer freuen, zu sehen, wie schnell und erfolgreich die Union die erneuerbaren Energien ausgebaut hat." Und als wenn diese Krone deutschen Humors nicht schon comedypreisverdächtig genug gewesen wäre, schließt er an: "Kaum war die Ampel im Amt, gab es 2021 einen Rückgang". Das Ganze, um wirklich alle Register eines Digital Natives zu ziehen, garniert mit einer imposanten Anzahl diverser Emojis, die Bareiß vermutlich noch vom Jamba-Sparabo übrighatte. Politik mit traurigem Smiley. Willkommen bei den Internet-Pionieren der CDU.

Eine recht komödiantische Sicht auf die Klimasituation, wo doch die Ampel 2021 genau zwei Wochen im Amt war, die CDU davor allerdings 50 Wochen (und übrigens auch die 780 Wochen davor). 830 Wochen rautengesteuerter Merkelismus, in denen Bareiß und seine klimapolitische Kompetenzarmee die Energiewende verschlafen hat.

So lustig das alles im ersten Moment klingt – zum Lachen sollte niemandem sein. Das gesamte Szenario um Corona-Nichtmaßnahmen, drohender Überlastung der kritischen Infrastruktur im Herbst, Rat- und Tatlosigkeit im schwelenden Ukraine-Krieg und anhaltender Ideen-Insuffizienz beim schnellstmöglichen Ausbau erneuerbarer Energien, wirft einen besorgniserregenden Schatten auf unsere Zukunft –insbesondere die unserer Kinder und Enkel.

Mario bat um Aufmerksamkeit

Stichwort nichts zu lachen: Mario Barth. Deutschlands berühmtester Frauennichtversteher und bodenständig gebliebener Sportboliden-Connaisseur hat diese Woche Ferrari gegen ICE getauscht und dabei eine für ihn offenbar nicht beschwerdefrei adaptierbare Entdeckung gemacht: In der Deutschen Bahn herrscht nach wie vor Maskenpflicht. Der schon in den vergangenen Monaten in schöner Regelmäßigkeit auffällig gewordene Attila Hildmann der Comedyszene nutzte die Gelegenheit, um sich endlich mal wieder in die Herzen der Rechtsbubble-Kompanie zu empören. Geschlagene 45 Minuten berichtet der ehemalige Vorzeige-Spaßmacher von RTL seinem bildungsfernen Trollpublikum live aus dem ICE, wie der Masken-Verweigerungs-Rebell des Zuges verwiesen wird.

Grimmepreise wird es für diesen querdenkernahen Auftritt nicht hageln, dafür aber womöglich eine Einladung zu Markus Lanz (siehe: "man muss auch andere Meinungen zulassen"). Lanz hat diese Woche übrigens einen interessanten Einblick in die Gedankenwelt eines Precht-Verehrers gegeben. Der ganze Stolz des ZDF gab zu Protokoll, man würde "ja dann auch Teil der ukrainischen Propaganda werden", wenn man als Medien vor Ort über die russischen Gräueltaten im ukrainischen Butscha berichtet. Ein solcher Gedanke folgt einer Logik, die auch folgenden Satz rechtfertigen könnte: "Man wird ja dann auch Teil der israelischen Propaganda, wenn man über die Gräueltaten der SA und der SS in den Jahren 1941 bis 1945 berichtet".

Ob Markus Lanz demnächst nach Moskau reist, um Wladimir Putin zu befragen, konnte ich bis Redaktionsschluss nicht eruieren. Klar ist aber: Wenn Mario Barth kommende Woche im Hamburger Lanz-Studio sitzt, seine heldenhafte Auflehnung gegen die diktatorische Corona-Freiheitsberaubung der Regierung ausbreiten und sich als Anne Frank des Personenschienenverkehrs inszenieren darf, werde ich nicht einschalten. Und Sie? Bis nächste Woche!

Nach Masken-Streit: Mario Barth fliegt aus dem Zug

Mario Barth wurde auf seinem Weg nach Frankfurt aus einem Zug geworfen. Grund war ein vorangegangener Maskenstreit. © ProSiebenSat.1