Ich selbst habe monatelang zu vielen Gelegenheiten Hohn und Spott über Formate wie "Viertel nach Acht" (das sicherheitshalber zumeist um Viertel nach Elf läuft) und seine Protagonisten ausgekippt, als würde man für jeden Witz über die journalistischen Fähigkeiten von Nena Schink 10.000 Tesla-Aktien erhalten.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Ich – und mit mir viele andere – muss mich nun aber korrigieren. Muss meine Fehleinschätzung einräumen. Muss zugeben: Bild TV liegt im Durchschnitt nicht mehr bei nicht messbaren 0,0 Prozent Quote. Sie haben sich – das wird die neue Amazon-Doku "Die News-Phoenix aus der Asche", die pünktlich zum ersten Sendergeburtstag auf Newsflix Plus erscheint, in 48 kurzweiligen Episoden auch dramaturgisch herausragend aufbereitet in die Wohnzimmer der Nation spülen – auf 0,2 Prozent hochgearbeitet.

Null-Komma-Zwei-Prozent-Quote

Gut, 0,2 Prozent Quote hat das ZDF sogar, wenn es um 4:30 Uhr nachts das LiveBild einer Webcam auf der Toilette vom Burger King am Bahnhof Ludwigsburg zeigen würde. Aber das liegt nicht an der journalistischen Qualität, sondern daran, dass die mit durchschnittlich knapp 83 Jahren eher betagten Kernzuschauer des ZDF meist spätestens gegen 19:20 Uhr beim Wetterbericht einpennen und die Glotze einfach weiterläuft, bis man in den frühen Morgenstunden bettflüchtig aufwacht oder die Pflegerin an der Tür klingelt.

Bei Bild TV, das scheint gesichert, schläft kein einziger Zuschauer ein. Viel zu durchhyperventiliert ist die Stimmung. Wer Bild TV unironisch und freiwillig schaut, der schlummert nicht weg. Der ist immer auf 180. Der lässt seine Finger so virtuos über sein Keyboard fliegen, wie sonst nur ehedem Johannes Brahms über seine Klaviatur. Kommentarspalten möchten ja auch gefüllt werden.

Das liegt natürlich nicht an der redaktionellen Brillanz, mit der uns Bild TV regelmäßig journalistisch atemberaubend gut recherchierte und lückenlos evidenzbasiert belegte Investigativ-Schmuckstücke in die Wohnzimmer liefert. Gut, "uns" sowieso nicht, aber halt den 0,2 Prozent der TV schauenden Menschen, die sich zu Bild TV verirrt haben. Nein, daran liegt es nicht. Wer es mal mehr als 20 Sekunden ausgehalten hat, wenn Virologie-Größen wie Wolfgang Kubicki oder Ukraine-Expertinnen wie Sahra Wagenknecht mit Nena Schink, der besten deutschen Polit-Talkerin seit Gülcan Kamps, ein - nennen wir es einmal - Gespräch führen, wird das bestätigen können.

Intellektuelle Nebensaison

Bild TV ist nun auf dem besten Wege, genau das zu erreichen, was Kritiker belächelt und ausgeschlossen hatten: das deutsche FOX News zu werden. Mit einem einfachen wie genialen Erfolgsrezept: Schlechte Moderatoren lesen grottenschlechte Texte. Meistens mit ziemlich monothematischem Inhalt: Die Grünen sind doof, die wollen uns Fleisch, Mallorca-Flüge und das Rasen auf der Autobahn verbieten. Doofer ist eigentlich nur noch Christian Drosten, der irgendwann im Frühsommer 2020 eine knapp einstündige Frist für Antworten auf einen Haufen pulitzerpreisverdächtig zusammengestellter, revelatorischer Star-Fragen verstreichen ließ und seither als Verlagsfeind Nummer 1 gilt. Super dagegen immer: Ulrike Guérot, Friedrich Merz und jeder, der mal für länger als drei Minuten in einem Hörsaal einer Universität war und die Coronamaßnahmen der Bundesregierung für falsch und übertrieben hält.

Im Prinzip ist Bild TV ein personifiziertes "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" und erkämpft sich damit langsam, aber wacker und kontinuierlich Quoten-Promille um Quoten-Promille aus dem inzwischen reich bestückten deutschen Selbstdenker-Lager, in dem konsequent intellektuelle Nebensaison herrscht.

Während also andere Nachrichtensender mit Relevanz-Boostern wie "Die schönsten Wasserrutschen Deutschlands" über ihren Mangel an titelseitenfähigen Inhalten hinweg zu täuschen versuchen, setzt Bild TV mutig Zeichen: Diese Woche durfte Powerblondine Schink in ihrem Paradeformat "5 Köpfe, 5 Meinungen" die zweitbekannteste Masken-Allergikerin Deutschlands nach ihr in ihrem lauschigen Studio der Meinungspluralität begrüßen.

Für ihr inzwischen ohnehin tendenziell sehr AfD nahes Stammpublikum ein Festtag, für den Rest des Landes ein Tabubruch. Selbst unter dem inzwischen mit dem sehr selbstkritischen und offenbar als Warnhinweis gedachten Titel "Achtung, Reichelt" auf die YouTube-Bühne der FOX-News-Klone zurückgekehrten Ex-Chef Julian Reichelt hatte es eine rote Linie zur vom Verfassungsschutz beobachteten AfD gegeben. Die Bild sprach nicht mit AfD-Politikern und -Politikerinnen. Ohne Ausnahme.

Getwittert und gefedert

Nun ist es für die breitere Öffentlichkeit kein Geheimnis, dass Reichelt nach einigen, sagen wir mal freundlich, machthierarchisch zweifelhaften Entscheidungen jungen Praktikantinnen gegenüber, seinen Posten als Chefredakteur im vergangenen Oktober räumen musste. Seither ist vieles anders bei "Bild". Es werden weniger Scheidungspapiere mit zur Arbeit gebracht, weniger Boni an verhältnismäßig rasant die Karriereleiter hochgewhatsappte Ex-Volontärinnen vergeben – aber auch redaktionelle Spielräume für die AfD geschaffen.

Diese Woche war es dann also so weit. Die blonde Sharepic-Queen der AfD traf auf die blonde Sharepic-Queen von Bild TV zum Showdown im Kampf um die Goldene Reply Krone. Beide Damen sind auf Social Media, insbesondere dem umstrittenen Kurznachrichtendienst Twitter, stets recht unterklassigen Reply-Tsunamis ausgesetzt.

Um Twitter gänzlich zum Explodieren zu bringen, konfrontierte Schink diese Woche Alice Weidel mit ihrer These: "Uns fehlen Hunderttausende Handwerker". Gut, im Grunde ist das weniger eine These als eine Tatsache, aber immerhin kommt die Vokabel "Masken" nicht darin vor. Dass dieser Fachkräftemangel übrigens auch von Handwerkerinnen behoben werden könnte, spielt bei Schink und Weidel augenscheinlich keine Rolle. Wie auf Bestellung jedenfalls brannte Twitter und die 280-Zeichen- Bourgeoisie twitterte sich in Rage, welche der beiden Blondinen wohl dem IQ eines durchschnittlichen Mettbrötchens näherkäme. Niveaulimbo im Abenteuerland der anonymen Internet-Kommentatoren. Nichts neues für junge, gutaussehende Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen. Und für Alice Weidel auch nicht.

Das Musk Du dir mal bewusst machen!

Ausnahmezustand auf Twitter. Ja, genau dem Twitter, das zuletzt sogar Elon Musk nicht kaufen wollte und damit die Freiheitskämpfer aus dem gleichen Verlagshaus wie Bild TV in tiefe Libertär-Depressionen stürzte. Aber das ist verschmerzbar, denn der süße Geschmack des Triumphes übertüncht auch die zahlreichen argumentativen Bankrotterklärungen, die "Bild" und "Welt" sich in den letzten Monaten geleistet haben.

Und das zu Recht! Bild TV ist am 0,2-Prozent-Quotenhimmel angelangt. Das Konzept hat sich gegen jeden Hater, Besserwisser und linksgrünversifften Woke-Robin-Hood durchgesetzt. Ein Auffangbecken für hart am Querdenker-Wind segelnde, selbsternannte Cancel-Culture-Opfer und wissenschaftsverweigernde PKPIs. PKPI ist bei Produzenten von Reality-TV-Formaten der Code für "Promis kurz vor der Privatinsolvenz".

Das mag nun dem einen oder anderen verächtlich formuliert vorkommen, aber ich sage ohne jeden Anflug von Sarkasmus: Der Höhenflug von Bild TV wird weitergehen. Eine 0,2-Prozent-Quote entspricht an guten Tagen etwa der Netto-Zuschauermenge eines Spitzenspiels in der zweiten Handball-Bundesliga.

Aber bei 0,2 ist noch lange nicht Schluss. Wolfgang Kubicki hat uns nach Perlen wie "Lauterbach ist ein Spacken" oder "Ich dusche bis ich fertig bin" noch so viel zu geben. Und Perlentaucherin Schink wird diese Schätze heben. In aller Empörtheit, mit der notwendigen Verve an Echauffierungs-Eskalation und mit starken, klaren Thesen. Und spätestens dann muss sie sich nicht mehr mit politischem Fallobst und der D-Promi-Resterampe abgeben und ihre fünf Meinungen teilen, sondern wird die A-Liga der Nation um sich scharen. Da wird N-TV sich aber umgucken. Und der ÖRR. Und Anne Will. Und Maybrit Illner. Und Markus Lanz. Und Sie womöglich auch. Nur ich nicht, denn denken Sie an meine Worte: Ich habe es zuerst gewusst! Wenn Bild TV eine Aktie wäre, würde ich, das Wirecard des Finanzjournalismus, Ihnen zurufen: Kaufen! Schöne Woche!

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