Was für eine Woche. Für die einen die Woche der Wahrheit, für die anderen die Woche der intellektuellen Offenbarungseide. Erneut im Epizentrum einer Debattenkultur, in der es nurmehr darum geht, dem leicht zu steuernden, bildungsfernen Kommentarspalten-Pöbel möglichst viele AfD-Parolen zum Fraß vorzuwerfen, ohne dabei zu sehr wie Alice Weidel zu klingen: Wolfgang Kubicki.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Mehr News zu Stars & Unterhaltung

Nachdem der ex-liberale Altinternationale der FDP von seinem gemütlichen Repräsentationsposten als Bundestagsvizepräsident aus zuletzt in unangemeldeter Nebentätigkeit als Virologe ("in meiner Stammkneipe nennt man Karl Lauterbach einen Spacken") und als Energiespar-Koryphäe ("Ich dusche, bis ich fertig bin") fungierte, trat er diese Woche seinen Dienst als geopolitischer Sprecher der FDP an.

In dieser Funktion ließ er seine neue Hauptzielgruppe aus Putin-treuen Internet-Trollen und ballweggeschröpften Querdenkern wissen, man solle die Pipeline Nord Stream 2 öffnen, um für den anstehenden Winter die Gasversorgung zu garantieren. Inwiefern eine zweite Pipeline für mehr Gas sorgen soll, wenn aktuell die bestehende Pipeline nur zu knapp 20 Prozent genutzt wird, verriet er nicht. Vermutlich ist Wolfgang Kubicki auch jemand, der einen zweiten Duschkopf installieren lässt, wenn sein Wasseranbieter seine Tagesration Wasser auf 200 Liter begrenzt - in der Hoffnung, die bereitgestellten 200 Liter würden sich wie von Geisterhand verfünffachen, gäbe es doch bloß ein weiteres Rohr.

Nach der Logik könnte Kubicki Menschen, die zu wenig Geld haben, um beschwerdefrei ihre Familie zu ernähren, auch raten: "Wenn ihr nur noch zehn Euro für Lebensmittel habt, dann geht doch nicht nur in einen, sondern in zwei Supermärkte."

300 Kubickimeter Heißluft pro Interview

Mal abgesehen davon, dass das Öffnen der Nord Stream 2 Pipeline ein politischer Sensationssieg für Putin wäre, der anschließend immer noch der Einzige wäre, der entscheidet, wie viel Gas Russland liefert, würden wir uns damit außenpolitisch gegen die USA und den Rest unserer Verbündeten stellen. Und das alles für die von Kubicki und russischen Trollfabriken kolportierte Hoffnung, es würde dann im Winter niemand frieren oder eine Gasrechnung begleichen müssen, für die man sich auch einen handelsüblichen Kleinwagen kaufen könnte. Gut, mit Autos kann man auch nicht heizen, aber wenigstens hätte man einen Rückzugsort, wenn man sich dank der miethaifreundlichen Wohnungsmarktpolitik der FDP keine eigenen vier Wände mehr leisten kann.

Mit der heißen Luft, die Kubicki in einem durchschnittlichen Auftritt bei Bild TV absondert, könnte man sein Bundesland Schleswig-Holstein locker allein durch den Winter bringen. Beim Rest der Deutschen sieht die Wärmesituation weniger rosig aus. Doch dafür hat Kubicki bestimmt auch einen Masterplan. Wenn Putin beispielsweise demnächst entscheidet, dass er doch keine Lust hat, Gas via Nord Stream 2 nach Europa zu schicken und Deutschlands Logik-Elite dann den Bau von Nord Stream 3 bis 5 fordert, holt Kubicki wahrscheinlich schon mal die Schüppe aus dem Keller seiner Stammkneipe. Ob er sich in dieser Stammkneipe öfter mal mit Gerhard Schröder trifft, ist unbekannt.

Waschlappengate in Stuttgart – Lieber stinken als frieren

Auf der anderen Seite des Dusch- und Pipeline-Hufeisens steht der Wolfgang Kubicki der Grünen: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der ließ mitteilen, man müsse ja auch nicht dauernd duschen. Genau. Lieber stinken als frieren – auch schön als neuer Wahlkampfslogan. Sein Satz "Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung" steht schon heute auf einer Historienlinie mit Marie Antoinettes "wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen" und Christian Lindners "das 9-Euro-Ticket ist mir egal, ich habe sechs Porsche".

Dass sich Bürgerinnen und Bürger – insbesondere die, deren Finanzreserven eine Verachtfachung der Energiepreise nicht tafelfrei überstehen würden – in Zeiten, in denen sie sich um ihre Zukunft sorgen, nur ungern von einem Ministerpräsidenten mit fünfstelligem Monatsgehalt und ausgesorgtem Rentenplan vorschreiben lassen, wo sie zu sparen hätten, überrascht ausgerechnet die Grünen. Auch ein Treppenwitz der Politgeschichte.

Ich persönlich finde diese Art von Belehrungstourismus durch Talkshows und Interviews vor allem deswegen unangebracht, weil ich mir nicht vorstellen möchte, wie Kretschmanns Morgenhygiene aussieht. Egal, ob er Katzenwäsche macht oder sich wie Wolfgang Kubicki als rebellischen Akt der Eigenverantwortung 400 Badewannen auf 65 Grad aufheizen lässt.

Da Sanna dabei, das ist priiiiiimaaaaaaa

Das war aber noch lange nicht alles im vernunftsbasiertesten Deutschland aller Zeiten. Während wir nämlich mit steigenden Infektionszahlen in einen ungeschützten Corona-Herbst schlittern, die wichtigsten Flüsse Europas quasi trocken liegen, Wälder brennen, Dürren grassieren, Hungersnöte eskalieren und Preise explodieren, hat der rechtskonservative Deutsche ein Thema, das ihn deutlich stärker beschäftigt: Darf die finnische Ministerpräsidentin auf einer Party tanzen? Ich beispielsweise schaue mir lieber Sanna Marin beim Tanzen an als Kubicki beim Duschen, aber ich bin natürlich auch keine Politikexpertin.

Um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf eine junge, sozialdemokratische Frau im höchsten Amt eines europäischen Landes zu verschwenden, hat die APAP (Anti-Propaganda-Assistenten-Postille) "Welt" als Teil ihres Projektes "Lesergewinnung im Querdenker-Milieu" dem extremistischen rechtslibertären Javier Milei in einem abendfüllenden, journalistisch akzentfreien Jubelinterview den roten Teppich für demokratiezersetzende Aussagen ausgerollt. Der in Argentinien als Präsidentschaftskandidat gehandelte Milei spricht unter anderem über das "Gehirnwäschesystem des öffentlichen Bildungssystems", kategorisiert Staaten als "kriminelle Organisationen" und hält Abtreibung selbstverständlich für ein Verbrechen.

Vergleiche mit Donald Trump und Jair Bolsonaro sieht er als Kompliment. Bedauerlicherweise ist es bei der einst relevanten Tageszeitung nun Kommunikationsstrategie, dass die Freiheitsreporter um Noch-Chefredakteur Ulf Poschardt unverhohlen ihre Liebe zum marktförmigen Extremismus rausposaunen.

Die Kommentarspalten unter den entsprechenden "Welt"-Artikeln lesen sich inzwischen wie das Who-is-who eines querdenkenden Lynchmobs, der lieber heute als morgen Olaf Scholz und die gesamte Bundesregierung am Brandenburger Tor aufknüpfen würde. Im Prinzip kein Unterschied mehr zu Telegram-Gruppen von Attila Hildmann. Auch dieser gnadenlose intellektuelle Werteverfall wird von der "Welt"-Führungsetage goutiert. Es ist anzunehmen, dass man im Chefreporter-Eldorado nur noch knapp 30.000 weitere verlorene Auflagenexemplare davon entfernt ist, Björn Höcke als regelmäßigen Leitartikel-Kolumnisten zu präsentieren.

Zu schade, dass der amerikanische Großinvestor (vermutlich aufgrund der wirtschaftlich extrem erfolgreichen Entwicklung bei "Welt") ab sofort einen Einstellungs- und Beförderungsstopp ausrief. Denn noch immer sind die Stellen als Chefreporter Fake News, Libertäre Selbstaufgabe, False Balance und Anbiederung bei Reichsbürgern unbesetzt. Jedenfalls offiziell. Aktuell leisten die bestehenden Chefreporter hier doppelte Arbeit.

König Fußball regiert die Welt

Das war es eigentlich auch schon mit den Highlights der Woche. Zur Entspannung vielleicht noch ein kleiner Ausflug in die schönste Nebensache der Welt. Hier hat der FC Bayern München trotz immenser Transfermarkt-Investitionen den Saisonstart spektakulär versemmelt. Einem mühevollen 6:1 in Frankfurt folgte ein glanzloses 2:0 gegen Wolfsburg. Am Sonntag dann zeigte sich das gesamte Ausmaß der Krise des einstmals als Weißes Ballett gefeierten Rekordmeisters: Ein uninspirierter, 90 Minuten lang wackeliger und leistungsbasiert unverdienter, äußerst schmeichelhafter 7:0 Sieg in Bochum, bei dem erneut keinem Spieler ein Hattrick gelang. Der Verkauf von Robert Lewandowski scheint das Team zu lähmen.

Nächstes Wochenende kommt die von Dunja Hayali co-trainierte falsche Borussia aus Gladbach in die Allianz Arena, in der bislang erst zwei der 15 Bundesliga-Treffer gelangen. Wenn der FC Bayern sein Phlegma nicht ablegt, könnte der Auftritt der Fohlenelf bereits das vorzeitige Aus im Meisterschaftstraum sein – und dann ist auch die Zukunft von Skandaltrainer Julian Nagelsmann ungewiss.

Seit der bajuwarische Übungsleiter zunächst eine junge Sportjournalistin von der "Bild" als neue Lebensgefährtin abgeworben hat, die ihm offensichtlich ein Fashion-Update in Form von Hochwasserhosen am Spielfeldrand vorgeschrieben hat und dann den Transfer seines leistungsamüsanten Wunschspielers ("Sabitzer oder nix") erpresste, steht Nagelsmann auf der Kippe. Erst einen einzigen Meistertitel konnte er in seiner ersten Saison erringen. Zu wenig für den erfolgsverwöhnten Vorzeige-Rolexklub um Ex-Legende Kalle Rummenigge.

Geldregen für den FC Bayern: Trikotsponsor verlängert Vertrag langfristig

Rekordmeister Bayern München hat den Vertrag mit seinem Trikotsponsor Deutsche Telekom vorzeitig um weitere fünf Jahre bis 2027 verlängert. Angeblich kassiert der FCB nun rund 50 Millionen Euro pro Jahr. Fotocredit:

Die echte Borussia hingegen bemüht sich aufopferungsvoll darum, der Liga die Spannung zu erhalten. Der Emotion neues Leben einzuhauchen. Dem Fußball seine Seele wiederzugeben. Den Fans echte Spektakel zu bieten, keinen Kundendienst wie beim FC Bayern. Nach einem vollkommen unverdienten 1:0 im Auftaktspiel gegen Bayer Leverkusen, das man mit etwas Pech und einem weniger grandios aufgelegten Torhüter Gregor Kobel kommentarlos mit 1:4 verloren hätte, folgte ein rasantes 3:1 in Freiburg, bei dem erst ein unverhoffter Torwartfehler nach Sonntagsschuss das Spiel drehen musste. Am Samstag dann das Meisterstück des Ballspielvereins Borussia Dortmund von 1909: Ein 2:0-Sieg gegen die in Zartrosa angetretenen Aufsteiger von Werder Bremen, deren gesamter Etat etwa so hoch ist, wie das Monatssalär von Emre Can.

Gut, 2:0-Sieg jetzt genaugenommen nur, wenn das Spiel nach 89 Minuten beendet gewesen wäre. Leider lief die Partie im Westfalenstadion bis zur 97. Minute und da kann dann selbst ein Erstliga-Neuling wie Werder Bremen aus einem 0:2 noch schnell ein 3:2 machen – jedenfalls, wenn man auf einen von sich selbst komplett durchbegeisterten Kader trifft, der seit Jahren trainerübergreifend denkt, Teams, die nicht in der Champions League antreten, ballert man auch mit 50 Prozent Engagement locker mit 8:0 aus dem Stadion. Und so schallt es schon am dritten Spieltag berechtigt von der Südtribüne: "Deutscher Meister wird nicht der BVB, nicht der BVB, nicht der BVB". Weniger Chancen, diese Saison die Meisterschale in den Himmel zu recken, habe eigentlich nur noch: ich. Trotzdem darf ich nächsten Montag wieder einen Wochenrückblick schreiben. Ich hoffe, wir sehen uns dann wieder. Bis dann!

Mehr aktuelle News finden Sie hier

Interessiert Sie, wie unsere Redaktion arbeitet? In unserer Rubrik "So arbeitet die Redaktion" finden Sie unter anderem Informationen dazu, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte kommen. Unsere Berichterstattung findet in Übereinstimmung mit der Journalism Trust Initiative statt.