Keine Aussicht auf Blitzheilung: Bei Frank Plasberg erklären Virologen, warum der Impfstoff die Pandemie stoppen wird – aber nicht sofort. Karl Lauterbach befürchtet gar düstere Wochen.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

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Habemus Impfstoff! Die Nachricht vom Durchbruch in den Laboren von Biontech macht Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie. Vom "Licht am Ende des Tunnels" spricht US-Chefimmunologe Dr. Anthony Fauci - aber nach einer nüchternen bis ernüchternden "Hart aber Fair"-Sendung mit der personifizierten Euphoriebremse Karl Lauterbach steht fest: Der Weg ist noch sehr weit - und wenn wir Pech haben, kommt uns vorher noch ein Zug entgegen.

Das ist das Thema bei "Hart aber fair"

In der Redaktion von "Hart aber fair" hat die Aussicht auf eine Impfung offensichtlich eine Dosis Zuversicht freigesetzt. Ursprünglich sollte Moderator Frank Plasberg unter dem Miesepeter-Motto "Ratlos in der Virus-Welle: Welcher Ausweg bleibt noch?" diskutieren - die aktualisierte Version klingt optimistischer: "Durchbruch beim Impfstoff – Hoffnungsschimmer statt Horror-Winter?"

Das sind die Gäste

  • "Wir haben nicht morgen unser normales Leben zurück", sagt Isabella Eckerle, Virologin an der Universitätsklinik Genf. Selbst wenn der Impfstoff helfen könne, aus der Pandemie herauszukommen, ersetze er nicht die Maßnahmen wie den Mund-Nasen-Schutz.
  • SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sekundiert: "Das ist ein Gamechanger." Und liefert das große "Aber" nach: Die Studien verzeichnen einen 90-prozentigen Schutz, also würden statt 100 Menschen nur zehn erkranken. Die große Frage bleibe, ob die restlichen 90 trotzdem infiziert werden können, und ob sie selbst infektiös werden, also die Krankheit weitertragen.
  • Journalistin Kristina Dunz von der "Rheinischen Post" warnt vor einer Impfpflicht: "Man kann nur auf Einsicht hoffen, eine Pflicht würde die Polarisierung verschärfen und die Leugner aufmunitionieren."
  • Anwalt und Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Kubicki von der FDP hält eine Impfpflicht schlicht für nicht praktikabel, weil die Akzeptanz zu gering sei: "Wir würden Prozesse bekommen rauf und runter."
  • Fernsehkoch und Restaurant-Betreiber Steffen Henssler hat den "Wellenbrecher-Lockdown" vor einigen Wochen als "politische Hilflosigkeit" kritisiert. Vielleicht liegt es an seinen maladen Bandscheiben, dass er nicht im selben Ton nachlegt. Inhaltlich bleibt er dabei: "Wenn ich sehe, dass Branchen geschlossen werden, die nicht als Infektionstreiber aufgefallen sind, und dann Busse sehe, wo Leute mit einem Baumwoll-Lappen vorm Mund dicht an dicht stehen (…) und dass die Menschen sich zuhause treffen ... also wenn Lockdown, dann konsequent."
  • "Es tut mir leid für die Gastronomie", sagt Peter Tschentscher von der SPD, Erster Bürgermeister von Hamburg. Wenn Kindergärten offen bleiben und die Fabriken laufen sollen, bleibe einfach kein anderer Hebel übrig, um Kontakte zu reduzieren. So oder so werde die Lage in den Krankenhäusern schwierig – vor allem, weil Pflegepersonal fehlt.

Der Moment des Abends

Wer wird zuerst geimpft? Menschen mit Vorerkrankungen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen, wie Peter Tschentscher vorschlägt? Für Hamburgs Bürgermeister ein No-Brainer, aber Plasberg warnt Tschentscher vor: "Sie können sich darauf einrichten, dass bald jede Berufsgruppe kommt." Lehrer, Kellner, Polizisten, …

"Darüber muss man ja nicht heute Abend schon streiten", meint Tschentscher ausweichend. Offensichtlich hat er nicht bemerkt, dass er neben Kubicki steht, der auch in einem leeren Studio jederzeit einen handfesten Zoff auslösen könnte.

Et voilà: Kubicki passt Tschentschers Reihenfolge nicht, "ich als Risikopatient würde zurückziehen", zuerst sollten Ärztinnen und Pfleger dran sein.

Nur: Für diese Diskussion ist es viel zu früh, erklärt Fachmann Lauterbach. Noch müsse man abwarten, bei welcher Altersgruppe der Impfstoff am besten anschlägt – das würden erst weitere Studien zeigen. "Auch wenn es so aussieht, als könnte dieser Impfstoff für die Risikogruppen gut funktionieren." Der Zuschauer lernt: Ein Impfstoff ist kein Wunschkonzert.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Es ist ein Nordderby: In der roten Ecke der gebürtige Bremer (!) und Wahl-Hamburger Tschentscher, in der gelben Ecke der Schleswig-Holsteiner Kubicki.

Der FDP-Mann bevorzugt nach wie vor eine Anti-Corona-Strategie, die sich auf den Schutz der Risikogruppen fokussiert. "So hätten wir schwere Verläufe und wohl auch viele Todesfälle vermeiden können."

Ab sofort müssten vor allem die Schnelltests in den Alten- und Pflegeheimen angewendet werden: "Warum konzentrieren wir uns nicht auf die Gruppen, auf die es ankommt, um zu vermeiden, dass die Intensivstationen volllaufen?"

Tschentscher, mit aller Härte, die seine hanseatische Zurückhaltung zulässt: "Herr Kubicki, es passt nicht in die Realität, was sie hier sagen. Wir tun das alles." Wo werde denn getestet, will Kubicki wissen – und seit wann?

Nachfragen, die Tschentscher die Hutschnur platzen lassen: "Immer so zu tun, als ob wir uns nur um ein paar Pflegeeinrichtungen kümmern müssen – wir haben in Hamburg 400.000 Menschen über 60 Jahre, und nur 20.000 in einer Pflegeeinrichtung." Es braucht, das macht Tschentscher klar, eine ganzheitliche Strategie.

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

Was für eine Begrüßung: "Trump abgewählt, ein Corona-Impfstoff gefunden - man könnte meinen, der liebe Gott hätte wieder Spaß an der Arbeit gefunden." Eine gewagte These, aber offensichtlich hat zumindest Plasberg heute Spaß (in Plasbergs rheinischem Idiom: Spasss) an seiner Arbeit.

Gedankenschnell und mit einer Kiebigkeit, die seine Gäste zu prägnanten Antworten triezt, leitet er die Runde. Auch wenn, typisch Plasberg, die Grenze zum Klamauk ein ums andere Mal wackelt, etwa wenn sich die Welt angeblich um den Impfstoff "kloppt" oder eine kostenfreie Abgabe des Impfstoffes plötzlich zur "Planwirtschaft" wird: "Das konnte die DDR vermeintlich besser."

Das ist das Ergebnis

Nicht ein Impfstoff, sondern viele werden es richten, im "Patchwork" (Virologin Eckerle). Aber nicht sofort, auch nicht in wenigen Monaten.

Lauterbach hat da mal etwas ausgerechnet, warum auch nicht, so oft hat der Epidemiologe sich ja nicht geirrt: Bei 60 Impfzentren und sechs Minuten pro Patient müssten die Impfungen an 240 Tagen im Jahr laufen, um in einem Jahr genügend Menschen zu impfen. "Aber dann müsste es perfekt durchgeplant sein." Ach ja, genügend Impfdosen müssten geliefert werden, immerhin hat sich die EU schon 300 Millionen gesichert, was für 150 Millionen Menschen reichen würde.

Eine wichtige Nachricht hat Eckerle parat: Trotz des verkürzten Zulassungsverfahrens würden "keine Abstriche bei der Sicherheit" gemacht, nur einige Prozesse beschleunigt.

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So oder so, meint Lauterbach: "Die nächsten Monate werden sehr hart, weil da haben wir gar nix. Und dann wartet im Wesentlichen ein Jahr der Einschränkungen." Maske und Abstand bleiben also, mindestens noch ein Jahr. Und bis dahin drohe sogar in manchen Krankenhäusern die gefürchtete Triage.

Im Hier und Jetzt fürchtet Lauterbach eine "dramatische" Lage bei der Nachverfolgung. Einzelne Infektionen könnten die Gesundheitsämter nicht mehr nachvollziehen - Zeit für einen Strategiewechsel und eine Konzentration auf Cluster: "Wenn wir die Strategie nicht ändern, kommen wir aus dem Shutdown ohne Veränderung raus und können uns gleich auf den nächsten, noch strengeren Lockdown vorbereiten."

Oder, wie es Eckerle ausdrückt: "Das ist wie bei einer Diät: Wenn ich danach wie vorher esse, habe ich die Kilos schnell wieder drauf."

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