Die Schweizer stimmen über ihre Rundfunkbeiträge ab, Grund genug für Sandra Maischberger, über ARD und ZDF zu reden - mit viel Selbstkritik und einem Thomas Gottschalk, der sich ein wenig fehl am Platze fühlte.

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Thomas Gottschalk hätte einfach überzogen. Zehn, zwanzig, dreißig Minuten - egal. Soll das Nachtmagazin doch warten, er hätte sie ausreden lassen, alle. Und natürlich auch sich selbst.

Der wohl bekannteste Schweizer - neben Roger Federer

Aber Thomas Gottschalk durfte an diesem Donnerstagabend nicht moderieren, er saß noch nicht einmal auf einer Couch, sondern auf einem Sessel neben Gastgeberin Sandra Maischberger. Zu einem "Maischberger XXL" hatte sie geladen, zu einem Thema in Übergröße: "Wozu brauchen wir noch ARD und ZDF?".

Trotz verlängerter Sendezeit wurde die Runde weder einig noch fertig - und das Publikum um den Showdown zwischen WDR-Intendant Tom Buhrow und AfD-Vize Beatrix von Storch gebracht.

Wenn es denn überhaupt bis zum Ende der Sendung eine halbe Stunde nach Mitternacht durchgehalten hat. Genügend Rausschmeißer hatte Maischberger auf der 105-minütigen Strecke eingebaut: Zuerst ein eher launiges denn informatives Gespräch mit dem Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger über die "No Billag"-Abstimmung über die Abschaffung der Rundfunkbeiträge am kommenden Wochenende.

Maischberger stellte Steinberger als den in Deutschland bekanntesten Schweizer vor, offenbar weil sie noch nichts von Roger Federer gehört hat, und schmiss die Zuschauer dann ohne große Erklärungen in die unbekannten Weiten der Schweizer Politik.

Wenigstens erheiterte der mittlerweile 81-Jährige das Studio mit einem breiten "Gruezi, Frau Maischberger", fünf Minuten später entließ die Gastgeberin ihn und die Zuschauer schon wieder für einen 30-Minuten-Einspieler zur Lage der Öffentlich-Rechtlichen in Europa. Kann man machen, kostet dann wahrscheinlich den ein oder anderen Zuschauer.

"Macht ihr mal eure Politik"

So viele eindrucksvolle Beispiele das "Weltspiegel Extra" für den Druck, unter den die Öffentlich-Rechtlichen europaweit geraten, auch vorführte - den Beitrag hätte die ARD auch nach der Sendung platzieren können, in der Diskussion wurde er ohnehin kaum aufgegriffen: Es gibt in Deutschland genug zu diskutieren.

Vor allem, wenn Grundsatzkritiker wie Beatrix von Storch mitreden, die die Haushaltsabgabe komplett abschaffen und durch ein System der freiwilligen Abgabe ersetzen will. "Das funktioniert nicht", entgegnete Tom Buhrow, der immer wieder ganz im Stile des gelernten Nachrichtensprechers den Blick direkt in die Kamera richtete.

"Auch Kinderlose zahlen für Schulen mit." Allerdings über Steuern, konterte von Storch, transparent und kontrolliert. Ein falscher Vorwurf, so Buhrow, der sich als WDR-Intendant sehr wohl kontrolliert fühlt: "Da finden Sie kein Bundesministerium, das so reguliert ist."

Die Couch teilte sich der ehemalige Mister Tagesthemen mit dem zweiten Fundamentalkritiker in der Runde, mit Pro-Sieben-Gründer Georg Kofler. Der sieht im Acht-Milliarden-Budget der Öffentlich-Rechtlichen vor allem ein Hindernis für den fairen Wettbewerb der Medien: "Ich will mit den gleichen Waffen kämpfen."

Kofler schwebt eher ein Modell aus drei bis vier Sendern wie Phoenix und ZDF Neo vor, auf denen auch die Tagesthemen laufen: "Da reicht dann eine halbe Milliarde."

Überhaupt habe sich die Denkweise der Anstalten "privatisiert", das Stichwort für Thomas Gottschalk: ARD und ZDF achteten zu viel auf die Quote, sagte der 67-Jährige. Er empfiehlt stattdessen "Arroganz", die verloren gegangen sei.

Bis auf ein, zwei Ausflüge in den Anekdotenschatz hielt sich Gottschalk zurück, als Entertainer sei er wohl nicht gefragt, merkte er halb amüsiert, halb mokiert an, als Maischberger die Diskussion in Richtung Glaubwürdigkeit dreht: "Macht ihr mal eure Politik."

Einflussnahme hinter der Berichterstattung

Vor der Sendung hatte Maischberger die Zuschauer zu Fragen und Kritik aufgerufen, es wirkte fast ein wenig wie Vorwärtsverteidigung gegen die Nörgler auf Twitter. So durfte ein junger Mann aus Berlin in einem Einspieler fragen, warum die Journalisten der ARD klingen wie die Pressesprecher der Grünen.

Sie frage sich oft, wo solche Urteile herkommen, sagte Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay. Sicher habe der Sommer 2015 viel dazu beigetragen. "Das ganze Land stand vor einer Herausforderung, wir auch."

Als der Vorwurf kam, die Nachrichten zeigten nur Frauen und Kinder und nicht die jungen Männer, die auch über die Grenze kommen, hätte sich ihre Redaktion "vielleicht auch erstmal sortieren müssen", sagt Atalay.

Auch im Fall des Mordes an einer jungen Frau in Kandel habe die Redaktion sich für Abwarten und Recherchieren entschieden: Erst einen Tag später berichteten die "Tagesthemen" dann über die Tat eines unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlings.

Details, für die einige Zuschauer keinen Blick mehr haben. Zwanzig Prozent vermuten politische Einflussnahme hinter der Berichterstattung, zitierte Maischberger eine Studie. Die funktioniere natürlich nicht so, dass Frau Merkel in Redaktionen anruft, sagte AfD-Vize von Storch: "Das funktioniert über's Wording, da wird immer ein Denkkorsett mitgeliefert, das sollte man nicht machen."

Privatduell Tom Buhrow gegen Beatrix von Storch

Ihr Beispiel, wenig überraschend: Die AfD werde immer als rechtspopulistisch bezeichnet. "Warum? Wir sind eine ganz normale Partei." Die ihrerseits nicht zimperlich ist, wenn es ums Wording geht, wie Tom Buhrow einwarf: "Zwangsgebühren ist auch nicht der Gipfel der Neutralität." Die giftige Antwort: "Sie müssen neutral sein, ich nicht, ich bin Politikerin."

Die Streithähne wurden vom nächsten Thema wieder getrennt - natürlich musste es ums liebe Geld gehen, von dem der WDR-Intendant und seine Kollegen und Kolleginnen nach Meinung einiger Zuschauer zu viel verdienen.

Aber immer, wenn Buhrow und von Storch wieder zueinander oder besser gesagt gegeneinander fanden, wurde es wieder spannend. Die AfD-Frau plädierte erneut für eine deutlich abgespeckte Version der Öffentlich-Rechtlichen, was Buhrow aufregte: "Wollen Sie etwa amerikanische Verhältnisse?"

Eine interessante Frage, schließlich hat auch die Vorherrschaft der Privaten wie Fox News Donald Trump den Weg ins Weiße Haus geebnet. In Deutschland spielen die Öffentlich-Rechtlichen eine größere Rolle im Diskurs - um den Preis von 17,50 Euro im Monat Rundfunkabgabe, oder in von Storchs und Koflers Worten "Zwangsgebühren".

Geld, das nicht alle übrig haben, wie von Storch anmerkte. Und da hätte es so richtig spannend werden können. "Ich glaube Ihnen nicht", zischte Buhrow plötzlich. "Es geht Ihnen nicht darum. Wir stören Sie, Sie wollen uns klein haben oder weg." Und Maischberger? Brach die Diskussion ab, keine Zeit mehr. Und Thomas Gottschalk schritt nicht ein.

Frank Plasberg möchte am mit seinen Gästen diskutieren, ob die Große Koalition nach dem Ja der CDU nochmal einen Aufbruch schafft. Doch SPD-Politiker Thomas Oppermann lässt in der Sendung keinen Zweifel daran, dass die Regierung tatsächlich noch platzen könnte. Mehr noch: Er schockt regelrecht mit einem Zugeständnis.