Corona-Gipfel bei "Maischberger": Karl Lauterbach fürchtet sich vor impfresistenten Mutationen, Hendrik Streeck will einen Öffnungsplan für Deutschland. Robert Habeck überrascht mit Eigenlob und erklärt, wie die Grünen die Kanzlerkandidatur nicht entscheiden.

Fotos zur Ansicht, unbearbeitet, Christian Bartlau
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Eine Kritik

Ein Jubiläum, das wirklich niemand feiern will: Vor einem Jahr wurde in Deutschland der erste Corona-Fall bestätigt. Bei "Maischberger. Die Woche" streiten sich mit Karl Lauterbach und Hendrik Streeck zwei Antipoden um die richtige Strategie – und sparen nicht mit Unfreundlichkeiten. Robert Habeck verrät immerhin, wie die Grünen nicht über die Kanzlerkandidatur entscheiden.

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Das sind die Gäste bei Sandra Maischberger

"Als hätten wir drei Geisterfahrer im Land, aber sperren das ganze Straßennetz", so sieht "Bild"-Journalist Claus Strunz den Kampf gegen Corona. Er plädiert für eine Konzentration auf die Pflegeheime.

"Wir haben zu wenig gelernt und zu wenig geforscht“, beklagt der Virologe Hendrik Streeck. Noch immer sei unklar, wie sich das Infektionsgeschehen verhalte - schon deshalb sei es so schwer, eine Strategie zu entwickeln.

Der Impfstoff sollte ein "Gamechanger" sein, nun zofft sich die EU mit Astrazeneca, weil das Pharmaunternehmen zu wenig Dosen liefert. Karl Lauterbach (SPD) urteilt salomonisch: "Die EU ist moralisch im Recht, Astrazeneca rechtlich."

Mit Grenzschließungen innerhalb der EU kann "Funk"-Journalistin Eva Schulz nichts anfangen: "Das liefe allen europäischen Werten zuwider." Ihr Rezept: Intensiveres Testen.

Moderator Cherno Jobatey erinnert mit Blick auf die Corona-Krawalle in den Niederlanden an die Ausschreitungen in Stuttgart im Sommer: "Wir haben übersehen, dass da unter der Decke was gärt."

Robert Habeck wehrt sich gegen den Eindruck, die Grüne kuschelten sich Richtung Schwarz-Grün. "Opposition heißt nicht: Wann immer die hü machen, machen wir hott. Das ist albern, darauf habe ich keinen Bock."

Das ist das Rede-Duell des Abends

Als schaumgebremste Fachdiskussion unter Experten beginnt es: Karl Lauterbach und Hendrik Streeck sind geteilter Meinung, ob Mutationen wie B.1.1.7 normal seien. Der SPD-Politiker ist angesichts von "20 ausgetauschten Aminosäuren" sehr beunruhigt, damit habe niemand gerechnet: "Wir müssen die Zahlen niedrig halten, sonst kann es sein, dass man gegen weitere Mutationen nicht mehr impfen kann".

Streeck beruhigt, es sei eben "Evolution in the Making, Darwin wäre froh, dem beizuwohnen" - wenigstens einer, der dieser Pandemie etwas abgewinnen könnte, wenn er nicht schon tot wäre. Jedenfalls fürchtet Streeck höchstens, dass die Impfung nicht mehr so effizient wirkt, alles halb so wild.

Dann gefriert die Stimmung plötzlich, weil Streeck wissen will, wo die "maximale Kapazität" der Intensivmedizin in Deutschland liegt: "Mir fehlt ein Stresstest." Nur: Wofür? Will er an diese kritische Marke heran? Glaubt er, sie wird künstlich niedrig gehalten? Weil Maischberger nicht nachhakt, bleibt sein Hintergedanke im Dunkeln.

Karl Lauterbach ist jedenfalls empört: "Also, es festzumachen an der Zahl der Intensivbetten ..." - "Das sage ich nicht, Herr Lauterbach, Sie dürfen mich hier nicht wieder aus dem Kontext zitieren." - "Ich zitiere Sie nicht. (…) Ich habe das nachvollziehen können." - "Sie haben es falsch wiedergegeben." Das Thema geht, die passiv-aggressive Stimmung bleibt – und der Eindruck: Mit diesen beiden ist keine gemeinsame Anti-Corona-Strategie zu machen.

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Das ist der Moment des Abends bei "Maischberger. die Woche"

Das muss man erstmal bringen: Robert Habeck, der um seinen Ruf als arroganter Besserwisser natürlich weiß, schaut sich gemeinsam mit Maischberger ein altes Video an, in dem er eine Rede von Donald Trump als "schlechteste Rede, die ich je gehört habe" bezeichnet. Und sagt: "Ich hatte Recht, oder? Es ist das erste Mal, dass ich das sehe, und ich denke mir: Weise gesprochen."

Wo der Grünen-Co-Chef Recht hat: Gegen Trump nachzutreten, sei "keine Heldentat", genausowenig wie sein Twitterkonto zu sperren, als er schon abgewählt war. Ob sich Habeck auch im Regierungsamt so weit aus dem Fenster gewagt hätte, will Maischberger wissen. "Klar, wenn man verhandelt, braucht es Contenance, aber ein bisschen Klartext wäre hilfreich."

Vielleicht kommt Habeck in die Verlegenheit, bald gegenüber China oder Russland "Klartext" zu sprechen, ganz vielleicht sogar als Kanzler. Maischberger verrät er immerhin, dass die Grünen ihren Kandidaten nicht nach Quote küren. "Wenn die Frauenquote darüber entscheiden würde, dann wäre es völlig klar. (…) Aber Annalena Baerbock hat mehrfach gesagt: Das ist nicht die Karte, die sie spielen will."

So hat sich Sandra Maischberger geschlagen

Einmal im Kopf von Claus Strunz leben. Jeden Tag Silvester, Böllerverbot hin oder her, wie aus einer Katjuscha feuert der Mann ein Thesen-Feuerwerk nach dem anderen ab, und immer zielt er ganz nach oben.

Wenn Angela Merkel einen Fehler in der Impfstoffbeschaffung einräumt, markiert das natürlich nicht weniger als "einen absoluten Wendepunkt in ihrer Kanzlerschaft auf den letzten Metern", wenn Bodo Ramelow in der stundenlangen Ministerpräsidentenkonferenz eine Runde Candy Crush daddelt, "verhöhnt er Menschen, die im Lockdown sitzen, die Angehörigen von Verstorbenen, die Kanzlerin", letztlich uns alle, ganz besonders aber Claus Strunz, und das lässt Claus Strunz nicht auf sich sitzen.

Claus Strunz lebt übrigens im Kopf von Angela Merkel, anders lässt sich nicht erklären, wie gut der "Bild-Live"-Chef die Kanzlerin lesen kann. "Das Ding ist uns entglitten", soll Merkel in einer internen CDU-Parteischalte gesagt haben, und schon diese Überlieferung reicht dem großen Auguren Strunz, denn "ich spüre da raus, dass sie merkt, dass (…) Corona aufdeckt, dass diese wunderschöne Bundesrepublik nicht auf der Höhe der Zeit ist."

Man kann sich als Gastgeberin Claus Strunz einladen, wenn man ein Faible hat für diese Polit-Esoterik aus herbeifantasierten Assoziationsgewittern und Küchenpsychologie. Keine Schande, manche Leute finden das spannender als schnöde faktenbasierte Analysen. Vielleicht sollte man mit der Sendung dann aber zu Astro TV wechseln. Oder zu "Bild Live".

Das ist das Ergebnis

100.000 Infizierte pro Tag, hat Christian Drosten das wirklich so gemeint? Nun ja, die neuen Varianten seien nunmal vier- bis achtmal so ansteckend, erklärt Lauterbach, deswegen solle man nicht unvorsichtig werden. Streeck wiegelt ab: Drosten spreche von einem Szenario ohne Gegenmaßnahmen. "Diesen Fehler würden wir nicht machen." Aber was tun wir dann?

Salamitaktik will keiner mehr, darauf können sich sogar die beiden Streithähne einigen. Lauterbach schweben klare Grenzen vor: Ein Bundesland mit R-Wert unter 0,7 und einer 7-Tages-Inzidenz unter 25 darf lockern.

Der Virologe Streeck kann sich für den Öffnungsplan von Schleswig-Holstein begeistern: Stufenweises Hochfahren bestimmter Bereiche, basierend auf stabilen Inzidenzwerten: "So etwas müssen wir für ganz Deutschland aufstellen."

Markus Söder will Corona-Regeln erst ab Inzidenz von unter 50 lockern

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat sich im Gespräch mit "ntv" zu möglichen Corona-Lockerungen geäußert. Wie er dabei erklärte, könnten die Maßnahmen aus seiner Sicht erst entschärft werden, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz wieder unter den Wert von 50 sinkt. Gleichzeitig machte sich Söder dafür stark, das Tempo bei den Impfungen in Deutschland zu erhöhen. (Teaserbild/:picture alliance/SvenSimon)