Atomkraft, Kohlekraft, erneuerbare Energien: Markus Lanz diskutierte am Dienstag mit seinen Gästen über die energie- und klimapolitische Zukunft Deutschlands. Auch Klimaaktivistin Luisa Neubauer war zu Gast. Insbesondere sie sorgte für ordentlich Wind und lautstarke Debatten im Studio. Als der Moment der Sendung gekommen war, wurde es aber ziemlich still.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Marie Illner dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat sich auf seine Richtlinien-Kompetenz berufen und den Streit in der Ampel-Koalition um die Atomkraftwerke beendet. Alle drei AKW sollen bis April 2023 weiter laufen können. Dafür soll eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wollte eigentlich nur die AKW Isar 2 und Neckarwestheim 2 in eine Einsatzreserve überführen und damit bei Bedarf einen Weiterbetrieb bis Mitte April ermöglichen.

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Das ist das Thema bei "Markus Lanz"

Zu Beginn der Sendung attestierte Lanz in der Gesellschaft ein Gefühl der Ohnmacht und wollte mit seinen Gästen darüber diskutieren: "Was kann man dagegen tun?". In diesem Rahmen ging es um die Klimakrise, Energiesicherheit und den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke. Ausführlich widmete sich Lanz dem Interview mit Greta Thunberg, in dem sie sich für die zeitweise Verlängerung von Atomkraft ausgesprochen hatte. Außerdem kamen die radikalen Facetten des Klimaprotests auf den Tisch sowie die Stabilität der Demokratie.

Das sind die Gäste

  • Luisa Neubauer: Die Klimaaktivistin kritisierte die Diskussion über den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke. "Ein großer Fehler in der Debatte, wie sie gerade läuft, ist, dass man den Menschen impliziert, wir müssen uns jetzt alle zwischen Atomkraft und Kohlekraft entscheiden", meinte sie. Provisorisch werde man jetzt "ein bisschen hantieren" müssen, man müsse aber so schnell wie möglich auf erneuerbare Energien setzen. "Bis Dezember in diesem Jahr könnte man tatsächlich viele erneuerbare Anlagen, die schon aufgebaut, aber noch nicht genehmigt sind, genehmigen. Da ist ein großes Potenzial", schlug sie vor. Der Bereich Energiesparen und Energieeffizienz werde außerdem völlig unterschätzt.
  • Thomas De Maizière (CDU): Der CDU-Politiker meinte zur Klimabewegung: "Ich sehe keinen Generationenkonflikt. Mittlerweile malen Eltern Plakate für ihre Kinder und beschweren sich am Ende noch, wenn der Direktor sagt: Am Freitag geht ihr bitte zur Schule". Im Grunde seien solche Bewegungen kompromissfeindlich. "Mag ja sein, dass solche Bewegungen gerade modern sind, aber irgendwann muss auch jemand mal das Rentensystem sanieren", so De Maizière . Die Frage aktuell laute: "Ist Energiesicherheit wichtiger als Klimaschutz?" Die Abwägung in einer solchen Situation sei der Kern von Politik.
  • Anja Maier: Die Journalistin bemängelte: "Diese harte Ansprache dieser jungen Leute geht mir zu weit. Es stimmt nämlich einfach nicht, dass uns Älteren alles egal ist nach dem Motto 'Genug geflogen, genug gegessen, genug Autos verschrottet'" Das sei nicht die Einstellung, die sie wahrnehme. Sie war sich sicher: "Es ist klar und Konsens in diesem Land: Wir wollen die Erneuerbaren", sagte Maier.
  • Matthias Quent: "Es ist billig und es ist auch gefährlich in einer Weise", warnte der Extremismusforscher angesichts der Tatsache, dass Greta Thunbergs Zitat zu Atomkraftwerken von "politischen Trittbrettfahrern" genutzt wird. "Es ist Teil einer Strategie, die wir seit Jahrzehnten aus dem Spektrum der Klimawandelleugner sehen. Wir sehen dieses Cherry-Picking", erklärte er. Man nehme sich die süßeste Kirsche heraus, um andere bloßzustellen und vorzuführen. Mit dieser Methode solle ein seriöser Diskurs diskreditiert werden.

Das ist der Moment des Abends bei "Markus Lanz"

Neubauer hatte die Auslassungen der anderen Studiogäste schon länger kopfschüttelnd verfolgt, dann schlug sie sich sogar die Hand vor die Stirn. "Ehrlich gesagt, manchmal fühle ich mich wie in einem Paralleluniversum", gab sie zu und setzte nach: "Was machen wir denn hier!" In Richtung de Maizière sagte sie: "Sie reden über Sicherheit, was für eine Sicherheit soll es geben in einer Welt, in der uns die Lebensgrundlagen um die Ohren fliegen?". Man werde einen Großteil der Katastrophen nicht aufhalten können. Im Studio wurde es derweil immer leiser.

"Unsere Infrastruktur ist nicht bereit dafür, die Menschen sind nicht ausreichend geschützt, vor den Hochwassern, den Dürren, den Ernteausfällen. Unsere Lieferketten sind nicht geschützt, die Ernährungsgrundlagen sind nicht sicher. Das Energiesystem kollabiert, wenn das Klima kollabiert", warnte sie. Es könne keine intakte Demokratie geben, wenn man von Notstand zu Notstand schlittere.

"In einer Welt, in der das Klima so unkontrollierbar wird, dass wir keine Möglichkeiten haben, da mitzuhalten." Dann teilte sie gegen de Maizière und Maier aus: "Sich jetzt hier hinzusetzen und zu sagen "Ja sorry, das ist mir ein bisschen zu radikal oder die Menschen stören die Leute im Berufsverkehr – ja warum machen sie denn das? Weil wir noch nie an einem Punkt waren in dieser Gesellschaft, an dem das so anerkannt wurde."

Das ist das Rede-Duell des Abends

Den Auftakt machte Neubauer mit ihrer Kritik: "Diese ganzen Räume, wo wir über die Energie-Krise reden, werden verstopft mit diesen oberflächlichen Atom-Diskussionen, ohne Tiefe, ohne, dass man bedenkt, was die Atomkraft leisten kann und was nicht."

Quent schloss sich an und attestierte einen "Pseudo-Diskurs". Es gehe nur um einen kleinen Teil am Strommix. "Diese ganze Debatte ist sehr aufgebauscht. Die Menschen auf der Straße wollen, dass der Strom da ist, dass es kein Blackout gibt und dass die Wohnungen warm bleiben", meinte er. Zur Atomkraft-Diskussion sagte er: "Die Polarisierung der Debatte ist ein Beitrag zur politischen Entfremdung." Es gehe um ein gegenseitiges Schuld-Zugeschiebe.

Da schaltete sich Lanz vehement ein: "Nein, da gehe ich wirklich nicht mit. Ich muss mich jetzt einmal wehren, auch als Bürger dieses Landes. " Zu unterstellen, dass es um ein bisschen "Halli-Galli" gehe, das medial hochgezogen werde, sei falsch. "Das ist kein Halli-Galli. Da geht es um existenzielle Fragen", betonte Lanz. Es gehe um den Industriestandort Deutschland und darum, dass Deutschland die viertgrößte Volkswirtschaft des Planeten sei.

"Es geht darum, dass wir Energiepreise haben, die zehnmal so hoch sind, wie die in den USA. Es geht darum, dass Unternehmen in den USA für ein Zehntel produzieren wie hier in Deutschland", führte er aus. Laut Berechnungen könnte es 12 Prozent sparen, Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen. "Das ist relevant. Für viele viele Menschen", so Lanz. Es gehe dem Land an den Kragen, wenn man die Energiepreise nicht in den Griff bekomme.

So hat sich Markus Lanz geschlagen

Dass Markus Lanz seine Rolle als Moderator sehr weit interpretiert und gerne mitdiskutiert, ist nichts Neues. Am Dienstag überspannte er den Bogen aber schon ziemlich. So weit, dass selbst CDU-Mann De Maizière kommentierte: "Interessant, dass unser Moderator jetzt Diskussions-Teilnehmer geworden ist".

Dabei war Lanz in seiner Rolle als Fragensteller eigentlich ziemlich gut eingestiegen. Wie es zu bewerten sei, dass "Greta Thunberg die neue 'Gallionsfigur' von FDP und CDU sei?" wollte er beispielsweise wissen. Ziemlich in die Mangel nahm er Klimaaktivistin Neubauer, als er bei der Atomkraft fragte: "Die eine entscheidende Frage kann ich Ihnen natürlich nicht ersparen: Was ist denn Ihre Haltung dazu? Soll die Atomkraft weiterlaufen?"

Neubauer redete um den heißen Brei herum, was Lanz dazu brachte, in Anspielung auf Greta Thunberg noch einmal zu fragen: "Würden Sie sich so einen Satz auch trauen?". Neubauer reagierte entnervt: "Wow, wollen Sie jetzt, dass ich ein Pseudo-Atomkraft-Statement mache?". Das spiegelte die Stimmung der gesamten Sendung gut wider – ziemlich angespannt.

Das ist das Ergebnis bei "Markus Lanz"

Viele große Linien, viele wichtige Grundsatzfragen: Die Sendung am Dienstag machte die ganz großen Fässer auf: Demokratie, Zukunft, Sicherheit. Gegen Ende der Sendung gab Journalistin Maier aber zu, dass sie sich die ganze Zeit frage: "Wo ist jetzt die Antwort?". Damit hatte sie recht. Das Studio schnitt die bedeutsamen Fragen zwar an, hielt sich dann aber doch länger damit auf, zu debattieren, wer welche Haltung zum Klimawandel hat. Immer wieder blitzte auch der Streit auf, der älteren Generation sei der Klimawandel egal. "Das ist eine Unterstellung", meinte Maier.

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