Erfreulich wenig Testosteron, unerfreulich wenig Fakten präsentiert Maybrit Illner zum bitteren Thema Eltern und Armut. Eine Wissenschaftlerin haut auf den Tisch, Familienministerin Franziska Giffey verheddert sich.

Eine Kritik
von Christian Bartlau, Freier Autor

Hach ja, die Kinder. Unser großes Glück, sagen stolze Eltern und Großeltern. Unsere Zukunft, sagen Politiker. Ein verdammt großes Armutsrisiko, sagen Studien.

Seit 2011 ist die Armutsrisikoquote von Paaren mit drei oder mehr Kindern von 22,4 auf 30 Prozent gestiegen. Noch stärker betroffen sind Alleinerziehende. Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut.

Diesen bitteren Zahlen widmete "Maybrit Illner" ihre Sendung am Donnerstagabend. Es war ein Abend, der viele unangenehme Wahrheiten ans Licht brachte, die gern hinter dem romantischen Bild vom Familienidyll mit Kindern versteckt werden.

Das ist das Thema: Armutsrisiko Familie

So ein Kind ist, ganz nüchtern betrachtet, ein ziemlicher Kostenfaktor. Rund 150.000 Euro geben Eltern bis zur Volljährigkeit aus - ganz zu schweigen von den Langzeitfolgen: Gerade die Mütter geben oft auch ihre Karriere auf und landen in Arbeitslosigkeit oder Teilzeit und später in der Rentenfalle. "Armutsrisiko Familie – heute Eltern, morgen arm?", fragte Maybrit Illner deswegen in ihre Runde.

Das sind die Gäste bei "Maybrit Illner"

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) pries, Überraschung, ihre eigenen Gesetzesinitiativen an, denen sie das Gütesiegel gleich im Namen mitverliehen hat: Das "Gute-Kita-Gesetz" und das "Starke-Familien-Gesetz" sollten auch den Kindern helfen, die nicht ins "wohlbehütete Wohlstandsnest" geboren wurden. Das alles seien aber nur Vorbereitungen für ein großes SPD-Projekt: die Kindergrundsicherung.

Warum Kinder Anspruch haben sollten auf eine solche Leistung, zeigt die Geschichte von Fee Linke. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder fand nach der Ausbildung keinen Job mehr, fiel zeitweise unter den Hartz IV-Satz und meldete sich schließlich doch arbeitssuchend. Linke schilderte ihren Irrweg durch den Dschungel der Sozialleistungen, der besonders für Alleinerziehende manchmal undurchdringlich scheint: "Was uns fehlt, ist Planungssicherheit."

Linke steht stellvertretend für Millionen von Frauen, die auch 2019 noch in überwältigender Mehrheit das Gros der Erziehungsarbeit leisten – und das Armutsrisiko tragen, wie Jutta Allmendinger betonte. Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung plädiert für eine radikale Änderung der Arbeitszeit: "Warum soll es nicht normal sein, 32 Stunden die Woche zu arbeiten, gut verteilt zwischen Mann und Frau?"

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Johannes Vogel, einziger Mann in der Runde, scheut in klassisch liberaler Tradition gesetzliche Regelungen – und belässt es bei einem Appell an die Geschlechtergenossen:"Wir brauchen eine gerechte Verteilung der Arbeit."

Die Unternehmerin Marie-Christine Ostermann regt flexible Verhandlungen in den Betrieben an. Vor allem aber müsse in Zeiten des Fachkräftemangels der Staat eine gute Kinderbetreuung sicherstellen: "Für uns ist es wichtig, dass Mütter und Väter in Vollzeit zurückkommen."

AfD-Frau Iris Dworeck-Danielowski, familienpolitische Sprecherin der NRW-Landtagsfraktion, verlangte Erleichterungen für Frauen, die sich zuhause um die Kinder kümmern wollen, aber zur Arbeit gezwungen seien: "Die haben keine freie Wahl, weil der Einkommensdruck zu groß ist."

Der Moment des Abends

Es war wie eine Art Test für Dworeck-Danielowski: Per Einspieler konfrontierte Maybrit Illner sie mit einigen Aussagen ihrer AfD-Parteifreundin Beatrix von Storch, die von einer "Ganztagsindoktrination" in Kindergarten dröhnte und behauptete, der Staat wolle "die Mütter abschaffen". Und Dworeck-Danielowski? Fuhr über von Storch drüber, die keine Kinder habe und das Kita-Leben deshalb auch nicht kenne. Als sie merkte, dass ihre Aussage für Unruhe sorgte, legte sie im Ruhrpott-Slang nach: "Das muss man mal zugeben, was soll der Quatsch." Auch wenn Dworeck-Danielowski auf die Verschwörungs-Rhetorik verzichtete, inhaltlich präsentierte sie sich erzkonservativ – so nannte sie die Konstellation Vater-Mutter-Kind demonstrativ die "normale" Familie, für die sich ihre Partei einsetzen wolle, für Schwule und Lesben seien schließlich schon Grüne und SPD da.

Das Rede-Duell des Abends

Einen großen Teil des Abends verbrachte Jutta Allmendinger mit Gesten, die wirkten wie Stoßgebete: Herr, lass Fakten regnen! Für einen Abend, der mit einem furztrockenen Einspieler voller Zahlen und Fakten zum Armutsrisiko Familie begonnen hatte, plauderte die Runde nämlich auffallend unfundiert daher. Als Franziska Giffey zu vorgerückter Stunde dann auch noch "eine Lanze für die Männer brechen" wollte und sie für immer mehr Anträge auf Elternzeit lobte, als Unternehmerin Ostermann behauptete, die Trendwende passiere "von allein", als Johannes Vogel von einem Freund berichtete, der Kind vor Karriere gewählt hat, da musste die Soziologin dann doch einschreiten: "Ja sorry, wir kennen alle super Väter, auch in meinem Institut, aber die meisten nehmen nur zwei Monate Elternzeit. Das sind ganz langsame Fortschritte." In der Wissenschaft nennt man die "Ich kenn' einen, der einen kennt"-Argument von Vogel und Ostermann übrigens "anekdotische Evidenz", sie verblassen meist neben den Fakten, und die sind eindeutig: mehr Frauen nehmen Elternzeit, und sie nehmen sie viel länger, im Schnitt elf Monate, Väter nur drei.

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

In einer Besetzung mit fünf Männern und einer Frau wäre Maybrit Illner mit ihren pointierten bis unverschämten Fragen an diesem Abend vielleicht Baden gegangen. "Sind Sie eine Rabenmutter?", fragte sie Alleinerzieherin Fee Linke. "Sie haben in dieser Regierung keine Mehrheit für die Kindergrundsicherung", ätzte sie gegen Franziska Giffey.

So aber passte der launige Plauderton zu einer bemerkenswert uneitlen Runde, in der selbst die Antipoden Iris Dworeck-Danielowski und Jutta Allmendinger noch im Streit freundlich miteinander umgingen. Illner kam ganz ohne Ermahnung aus - eine deutliche Empfehlung für weniger Testosteron in deutschen TV-Studios.

Das ist das Ergebnis

Franziska Giffey ist sehr gut darin, ihren Gesetzen wohlklingende Namen zu geben. Nicht so gut ist sie darin, das Konzept der SPD zur Kindergrundsicherung zu erklären. Dabei hatte Fee Linke nur eine einfache Frage gestellt: Soll diese Leistung nun auf Hartz IV angerechnet werden oder nicht? Statt eines Ja oder Nein brachte Giffey technische Details in verschachtelten Sätzen unter, von denen nur hängenblieb, dass Kinder aus Hartz IV rausmüssen, weil sie "keine kleinen Langzeitarbeitslosen" seien.

Vielleicht sollte die Bildungsministerin Nachhilfe bei ihrer Genossin Allmendinger nehmen, die in knackigen Sätzen ihre These untermauerte, dass die Frauen noch immer eine viel zu hohe Last tragen, weil sie es sind, die erst in Teilzeit und dann Altersarmut landen. Schuld habe auch die Politik, sagte Allmendinger. "Das Ehegattensplitting ist ein unglaublicher Anreiz, dass Frauen zuhause bleiben." Ein Instrument, das übrigens jede Frau in der Runde abschaffen will, auch AfD-Frau Dworeck-Danielowski: "Nur wegen eines Trauscheins werden Paare steuerlich bevorteilt, das sehe ich nicht ein."

Insgesamt schüttet der Staat 200 Milliarden Euro in hunderten verschiedenen Förderungen für Familien und Kinder aus, oft in Maßnahmen, die "wie Schwalbennester aneinandergebastelt werden", wie Giffey einmal dann doch recht pointiert bemerkte. Weil jede Diskussion, das zeigte dieser Abend, also zwangsläufig irgendwann sehr technisch wird, ist es eigentlich an der Zeit für ganz prinzipielle Fragen: Was und wen wollen wir eigentlich unterstützen, und können wir das nicht alles einfacher haben?

Diese grundlegenden Gedanken kamen ein wenig zu kurz bei "Maybrit Illner". Vor allem ein Gedanke, den FDP-Mann Vogel nebenbei aufbrachte: Kinder sind, anders als es all die Studien und Zahlen suggerieren, gar kein Armutsrisiko. Die niedrigen Löhne der Eltern sind ein Armutsrisiko, Arbeitslosigkeit ist ein Armutsrisiko, die explodierenden Wohnkosten sind ein Armutsrisiko. Und es ist ein Armutszeugnis, dass so viele Kinder in Deutschland darunter leiden.

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