• In "Die ProSieben Politikshow" diskutierten Jens Spahn, Kevin Kühnert und Katrin Göring-Eckhardt über die Energiekrise.
  • Einig waren sie sich selten. Wozu Lösungen anbieten, wenn man der jeweils anderen Partei die Schuld zuschieben kann.
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Datum: Thu Jul 23 00:00:00 CEST 2020
Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Felix Reek dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Die erste Ausgabe von "Die ProSieben Politikshow" hatte zum Auftakt eigentlich gleich einen Knaller angekündigt: Robert Habeck, Minister für Wirtschaft und Klimaschutz, sollte sich zwei Stunden lang seiner einjährigen Bilanz stellen. Der Mann, der als Vorzeigepolitiker der neuen Regierung startete, beliebter als Bundeskanzler Olaf Scholz, und innerhalb weniger Monate in der Gunst der öffentlichen Meinung abstürzte, sich verrannte, für Gas bei "befreundeten" Staaten hausieren gehen und am Ende die Laufzeit von Atomkraftwerken verlängern musste. Nur sagte Habeck kurzfristig ab. Termine. Davon dürfte der Vizekanzler kurz nach der Vorstellung der Vorschläge der Expertenkommission für die Entlastungen der Bürger in diesem Winter einige haben. Beschlossen ist schließlich noch nichts.

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Der Coup zum Auftakt von "Die ProSieben Politikshow" am Montagabend blieb also aus. Stattdessen musste der Sender auf einige Talkshow-Dauergäste ausweichen, die sich zur aktuellen Energiekrise äußern sollten: Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne), SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert und der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion Jens Spahn. Die Lösungsansätze sollten "unabhängige Experten", in diesem Fall die Journalistin Kristina Dunz des Redaktionsnetzwerk Deutschland und die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert, liefern. Nur Lösungen hatten die gar nicht dabei. Die Gäste beschäftigten sich lieber damit, der jeweils anderen Partei die Schuld an der Gesamtsituation zuzuschieben.

"Die Situation, die zermürbt uns"

Zwar gab sich das Moderatorenduo Linda Zervakis und Louis Klamroth Mühe, das Thema Energiekrise möglichst emotional zu verkaufen, doch die Politikerrunde war viel zu sehr Profi, um sich davon erweichen zu lassen. Bäcker Bernhard Kretzmann beispielsweise erklärte, dass seine Energiekosten um 11.000 Euro gestiegen seien - pro Monat. Die Situation, "die zermürbt uns". Maximal ein halbes Jahr könne sein Betrieb noch durchhalten. Die Preisbremse greift laut den Vorschlägen der Expertenkommission aber erst im Frühjahr. Für ihn vielleicht schon zu spät. Kevin Kühnert antwortete darauf mit einer Erklärung, warum es so kompliziert sei, schnell zu handeln und gleichzeitig präzise genug, sodass es bei der Entlastung die Richtigen treffe. Beruhigt sah Kretzmann danach nicht aus.

Ähnlich erging es einer Gastwirtin, die klagte, dass ihre Nebenkosten nun mehrere tausend Euro höher seien und dass sie auf die Entlastungen hoffe. Karin Göring-Eckhardt erklärte ihr lieber, dass wir uns erst einmal "entgiften" müssten von den fossilen Brennstoffen. Heißt, die Gastwirtin dürfte bis März weiterhin die hohen Preise zahlen müssen. Wenn sie es sich leisten kann. Die passende Antwort lieferte ein Social-Media-Beitrag: "Danke für nichts."

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Theoretisch geht alles, praktisch nicht viel

Nach gut einer Stunde Sendezeit dümpelte der Talk so vor sich hin, dass sogar der Minister in Abwesenheit bemüht werden musste - als Pointe, wie sehr seine Umfragewerte gelitten haben. Lange aufhalten wollte sich die anwesende Runde damit nicht. Sie war vielmehr damit beschäftigt, durcheinander zu reden, sich ins Wort zu fallen und die ewig gleichen Phrasen zu dreschen: Spahn warf der Bundesregierung vor, zu langsam zu sein, die prompte Antwort: Die CDU habe ja 16 Jahre regiert und sei deswegen für die aktuelle Situation verantwortlich. Auf die Idee, dass das auch nicht weiter hilft und nur eine gemeinsame Lösung zum Ziel führt, schien keiner zu kommen. Karin Göring-Eckhardt referierte lieber weiter über erneuerbare Energien und gab zu, dass ihr beim Gedanken an verlängerte Kernkraftwerke als Grüne erstmal "das Herz blutete".

Dass es auch anders gehen könnte, zeigte ProSieben mit dem Energie-autarken Feldheim. Dank Windrädern und Biomasse-Anlagen produziert der Ort in Brandenburg alles zur Versorgung selbst. Ein Beispiel für den Rest von Deutschland? Theoretisch ja, wenn da nicht die Bürokratie wäre. Die Expertinnen fragten nicht unberechtigt: Warum kann Kanzler Scholz Flüssiggasterminals in sechs Monaten ermöglichen, die Genehmigung für ein Windrad aber dauert sechs Jahre? "Wenn Sie das wollen, dann machen Sie es doch endlich!", forderte Wirtschaftsexpertin Claudia Kemfert energisch. Eine konkrete Antwort bekam sie nicht. Jens Spahn redete lieber über Tierschutz und Bürgerinitiativen. Fast schon philosophisch sagte Kevin Kühnert irgendwann: "Alles hat hier mit allem zu tun." Und Schuld sind immer die anderen. Es wird ein kalter Winter. Ziehen wir uns warm an.

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