Das polnisch-russische Verhältnis ist bereits seit Jahren angespannt. Nun ist der Konflikt zwischen Warschau und Moskau erneut eskaliert. Polen bestellte den russischen Botschafter ein und schickte mehrere schwere Vorwürfe in Richtung Kreml. Der Grund: Äußerungen von Wladimir Putin zum Zweiten Weltkrieg.

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Der Konflikt zwischen Polen und Russland schaukelt sich hoch. Entzündet hatte sich der Streit an den Äußerungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs und an einem Antisemitismus-Vorwurf. Die neuesten Eskalationsstufen: Polen bestellte am Freitag den russischen Botschafter ins Außenministerium ein. Doch offenbar reichte das Gespräch nicht aus, das der Moskauer Botschafter in Polen, Sergej Andrejew, als schwierig, aber korrekt bezeichnete.

Denn erst bekräftigte Warschau am Samstag seinen "vehementen Einspruch gegen die historischen Unterstellungen höchster russischer Stellen", wie der stellvertretende polnische Außenminister Marcin Przydacz der polnischen Nachrichtenagentur PAP sagte. "Wir sind bereit, Russlands Diplomaten die historische Wahrheit so lange wie nötig zu erklären", schrieb Przydacz auf Twitter.

Dann legte am Sonntag Polens Premierminister Mateusz Morawiecki mit einer vierseitigen Stellungnahme nach. In dem Schreiben wirft er Putin vor, "absichtlich" und "bei zahlreichen Gelegenheiten über Polen gelogen" zu haben.

Putins Darstellung widerspricht historischen Fakten

Woran stört sich Polen? Am 20. Dezember hatte Putin im Rahmen eines inoffiziellen Treffens der Staatschefs der GUS-Mitgliedstaaten ausführlich über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs referiert. Dabei stellte der Kremlchef ausgerechnet Polen als Hauptakteur der Teilung der Tschechoslowakei im Jahr 1938 dar.

Auch Putins Einschätzung zur sowjetischen Invasion in Polen im September 1939 widerspricht historischen Fakten, wie unter anderem die russische Internetzeitung "Znak" detailliert auflistet. So behauptete Putin in seiner Rede: "Die Rote Armee rückte dort erst vor, nachdem diese Gebiete von deutschen Truppen besetzt waren. Die Rote Armee führte dort keine Kämpfe mit irgendjemandem, sie kämpfte nicht mit den Polen." Fakt ist: Einheiten des sowjetischen Innenministeriums NKWD ermordeten allein im Frühjahr 1940 in der Stadt Katyn mehr als 4.000 kapitulierende Polen, zumeist Offiziere. Das systematische Massaker belastet nach wie vor die polnisch-russischen Beziehungen schwer.

Warschau kritisiert noch eine weitere Aussage Putins. Nach Kremlangaben bezeichnete Putin am Dienstag bei einer Sitzung des Verteidigungsministeriums den polnischen Botschafter in Berlin in den Jahren 1933 bis 1939, Jozef Lipski, als "Drecksack" und "antisemitisches Schwein". Der Diplomat habe Adolf Hitler bewundert und angeblich versprochen, eine Statue des Reichskanzlers in Warschau zu errichten – als Dank für Hitlers Ankündigung, Juden und Jüdinnen nach Afrika zu deportieren.

Putin verteidigt den Hitler-Stalin-Pakt

Putin hatte zuletzt immer wieder davor gewarnt, der Sowjetunion unter Diktator Josef Stalin eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg zu geben. Bereits während der traditionellen großen Pressekonferenz zum Jahresende am 19. Dezember dominierte das Thema. Putin verteidigte zu dem Anlass den Hitler-Stalin-Pakt 1939 einschließlich der Aufteilung Osteuropas zwischen Deutschland und der Sowjetunion und stellte dort ebenfalls falsche Behauptungen auf.

In dem geheimen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt hatten Nazi-Deutschland und die Sowjetunion vereinbart, Polen unter sich aufzuteilen. Mit dem Angriff deutscher Truppen auf Polen begann im September 1939 der Zweite Weltkrieg. Im Juni 1941 überfiel Hitler-Deutschland ohne vorherige Kriegserklärung auch die Sowjetunion.

Russland will im kommenden Jahr ausführlich den 75. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg gegen Nazi-Deutschland feiern. In der russischen Bevölkerung wird Stalins Wirken über alle Generationen hinweg mehrheitlich positiv gesehen – ein Trend, der sich in den vergangenen Jahren noch verstärkt hat.

Morawiecki: Putin will Probleme "vertuschen"

Polens Premier Morawiecki warnte hingegen eindringlich davor, Stalin durch Putin zu rehabilitieren. Der Politiker der polnischen Regierungspartei PiS sieht in den Äußerungen des langjährigen russischen Präsidenten den Versuch, innen- und außenpolitische Probleme "zu vertuschen".

Morawiecki zufolge stehe Moskau nach der Annexion der Krim, EU- und US-Sanktionen sowie der Doping-Sperre, die über die Nation Russland verhängt wurde, international unter Druck, weshalb es nun die Geschichte bemühen müsse. "Russlands Staatschef weiß sehr gut, dass seine Anschuldigungen nichts mit der Wirklichkeit gemein haben – und dass in Polen weder Denkmäler für Hitler noch für Stalin stehen", erklärte der 51-Jährige.

Mit Material von dpa.

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