Die Medienlandschaft in den USA kennt derzeit nur ein Thema: Die Präsidentschaftswahl in den USA. Für Aufruhr sorgen dabei abgebrochene Live-Übertragungen, Beleidigungen als "fette Schildkröte" und wütende Anrufe in Redaktionen. Wir analysieren die mediale Berichterstattung – die ungewohnte Töne bereithält.

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Es ist ein ungewohnter Ton, den die US-Medien derzeit anschlagen – und er dürfte Donald Trump nicht gefallen. "Ehrlich gesagt: Es reicht!", kommentierte CNBC-Moderator Shepard Smith die Pressekonferenz, die Donald Trump am Donnerstagabend abhielt. Gemeinsam mit den Sendern ABC, CBS, NBC und MSNBC hatte der recht neutrale Wirtschaftssender die Übertragung der Konferenz im Weißen Haus vorzeitig abgebrochen.

Grund dafür: Trump hatte minutenlang von Manipulationen bei der Wahl gesprochen – ohne jedoch Beweise zu liefern. Normalerweise werden Statements und Pressekonferenzen des Präsidenten von den größten US-Sendern unkommentiert und in voller Länge übertragen.

Live-Übertragung abgebrochen

Smith erklärte jedoch nach dem Wechsel zum regulären Programm: "In meiner 30-jährigen Karriere habe ich niemals einen Präsidenten der Vereinigten Staaten unterbrochen. Wir haben uns immer wieder davor gescheut, auch als es andere getan haben. Aber wenn irgendein anderer Mensch unsere Plattform nutzen würde, um unsere Zuschauer anzulügen, dann würden wir ihn stoppen."

Ein ähnliches Bild bei NBC: Der dortige Moderator Brian Williams erklärte: "Jetzt sind wir wieder einmal in der ungewöhnlichen Position, den Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht nur zu unterbrechen, sondern den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu korrigieren. Es gab keine illegalen Stimmen, von denen wir wissen. Es gab keinen Trump-Sieg, von dem wir wissen."

Moderator nennt Trump "fette Schildkröte"

Der Sender MSNBC hatte schon am Mittwochmorgen eine Rede von Trump im Weißen Haus unterbrochen. Darin hatte sich Trump - noch vor der Auszählung aller Wahlstimmen – zum Sieger erklärt und die Stimmauszählung gefordert. Der MSNBC-Modertor sagte im Anschluss: "Ich möchte nicht eingreifen, ich muss aber unbedingt darauf hinweisen, wenn er sagt, 'Wir haben diese Wahl gewonnen', wir haben bereits gewonnen‘, dann basiert das überhaupt nicht auf Fakten. Es gibt noch Millionen von Stimmen, die gezählt werden müssen."

CNN übertrug die Konferenzen in gesamter Länge – jedoch nicht, ohne scharfe Kritik folgen zu lassen. Moderator Anderson Cooper ließ sich sogar dazu hinreißen, Trump nach seinen Statements am Donnerstag als "fette Schildkröte, die in der heißen Sonne auf dem Rücken liegt und mit den Beinen rudert, weil sie realisiert, dass ihre Zeit vorbei ist" zu bezeichnen. Es dauerte nicht lange, bis Schildkröten-Memes in der Twitter-Gemeinde kursierten und Nutzer Coopers Aufnahme in die "hall of fame" forderten.

Fox News bleibt auf Linie

Auch Fox News, bekannt als Haussender des Präsidenten, strahlte die Pressekonferenz am Donnerstag vollständig aus. Hier blieb die Kritik erwartungsgemäß aus, die Kommentatoren Bill Bennet und Bryon York stärkten Trump eher den Rücken, als sie sagten, die Tatsache, dass Trump keine konkreten Betrugsfälle aufgezeigt habe, bedeute nicht, dass es sie nicht gegeben habe.

Zwar blieb Fox News damit erwartungsgemäß auf Linie des Republikaners, die sonstige Hofberichterstattung ist aber auch bei dem konservativen Sender einem neuen Ton gewichen: John Roberts, Fox-Korrespondent im Weißen Haus, sagte, Trump werde angesichts des Stands der Stimmauszählung wohl seine Niederlage bewusst. Die Klagen seien der Versuch "einen alternativen Weg zu finden, das Weiße Haus zu behalten."

Ärger wegen verfrühter Wahlprognose

Nicht nur das hatte bei Trump für Ärger gesorgt. Wütend machte ihn vor allem eine verfrüht ausgerufene Wahlprognose für den Swing-State Arizona. Am frühen Mittwochmorgen hieß es bei dem Sender, der ehemalige Astronaut Mark Kelly habe die republikanische Senatorin Martha McSally in Arizona geschlagen. Andere Sender bezeichneten den Bundesstaat da noch als unentschieden.

Fox News wies im Tagesverlauf außerdem einen deutlich größeren Vorsprung für Biden aus als die übrigen Sender. Erklären lässt sich das mit der Tatsache, dass die Medien unterschiedliche Datengrundlagen haben – durch eigene Befragungen, das selbstständige Sammeln von schon eingegangen Daten und unterschiedlichen Methoden.

Wütender Anruf von Jared Kushner

Trump soll laut Bericht der "Washington Post" seinen Schwiegersohn Jared Kushner dazu angehalten haben, Fox-News-Inhaber Rupert Murdoch zu kontaktieren und die Rücknahme der Entscheidung zu fordern. Fox News lenkte nicht ein. Dass Fox News – durch Trump noch stärker und erfolgreicher gemacht – während der US-Wahlen aktuell nicht als "Staatssender" auftritt, könnte an der Struktur des Senders liegen.

Im alltäglichen Nachrichtengeschehen und Abendprogramm dominieren Meinungsmacher wie Laura Ingraham und Sean Hannity – bei der Wahlberichterstattung aber hat der sogenannte "Decision Desk" den Hut auf. Darin sitzen neben Journalisten auch Statistiker. Wie die "New York Times" berichtet ist Leiter Arnon Mishkin nicht bei Fox News angestellt, sondern als externer Berater tätig und zudem Demokrat.

Viel erklären, viel entlarven

Generell zeigt die Analyse der Medienlandschaft: Von ABC über CBS bis hin zu Fox News wird ungewöhnlich viel erklärt und immer wieder darauf hingewiesen, dass Trump Falschnachrichten verbreitet. So lauten Überschriften von Artikeln und Berichten bei NBC etwa: "Warum dauert es so lange, Wahlergebnisse zu bekommen?", "Könnte der Supreme Court die Wahl entscheiden?" (NBC) oder "Trump erzählt eine Lüge nach der anderen über das Präsidentschaftsrennen. Hier sind die Fakten".

Woher kommt der plötzliche Fokus auf Einordnung und Erklärung bei den US-Medien? Dass das US-Wahlsystem mehr Erklärungsbedarf liefert, als das hiesige, ist bekannt. Neu ist das allerdings nicht: Die komplizierte Zusammensetzung des Electoral College sowie unterschiedliche Regelungen in einzelnen Staaten und das Zwei-Parteien-System fordern die Medien seit je her besonders hinsichtlich ihrer Erklärungsfunktion. Dass die aktuellen Berichte neutral und sachlich daherkommen, fällt aber auf: Anders als in Deutschland, wo es ein öffentlich-rechtliches Rundfunksystem gibt, sind die Sender in den USA rein kommerziell finanziert und dadurch oftmals auch politischer gefärbt.

Gelernt aus 2016?

Gut möglich auch, dass die Medien aus dem Wahljahr 2016 gelernt haben. Nachdem Experten und Medienkommentatoren die Umfrageergebnisse der demoskopischen Institute damals als klaren Sieg für Hillary Clinton gelesen hatten und sich dadurch blamiert hatten, ist vier Jahre später eine gewisse Vorsicht eingekehrt. Denn die Demoskopen lagen wieder daneben – so groß wie prognostiziert ist Bidens Vorsprung bei weitem nicht. Um einer erneuten Blamage und Kritik vorzubeugen, wollen die US-Medien ihre Schlüsse diesmal also besonders gut erklären und transparent machen.

Letztlich folgen die TV-Sender damit auch einem Trend, den Twitter eingeläutet hat. Allein seit der Wahlnacht hat das Unternehmen Tweets des amtierenden Präsidenten fünfmal als "umstritten und möglicherweise irreführend" markiert. Einmal wurde eine Aussage mit dem Zusatz "offizielle Quellen haben das Rennen als nicht entschieden gewertet, als das getwittert wurde" versehen. Trump reagierte wie gewohnt: "Twitter ist außer Kontrolle", schrieb er.

Verwendete Quellen:

  • Websites der US-TV Sender ABC, NBC, MSNBC, CNN, Fox News
  • Washington Post.de: Arnon Mishkin, the Fox News analyst who called Arizona for Biden, is under attack from the Trump campaign, 05.11.2020
  • New York Times.de: Trump Wants to Discredit the Election. This Nerd Could Stop Him. 27.09.2020
  • Twitter-Profil von Donald Trump
  • Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND.de): Sender MSNBC steigt aus Trump-Rede aus: „Das basiert überhaupt nicht auf den Fakten“, 04.11.2020
  • "Fette Schildkröte" Trump: Ton der US-Medien wandelt sich, 06.11.2020
  • Wegen Trump-Lügen: US-Sender brechen Übertragung von Pressekonferenz ab, 06.11.2020