• Kimi Räikkönen verlässt nach 19 Saisons die große Motorsport-Bühne Formel 1.
  • Der Finne war einer der letzten echten Typen in der Königsklasse, er wird der Formel 1 fehlen.
  • Doch warum ist er, der fast immer knorrig und wortkarg ist, so beliebt?
Ein Porträt

Das Ende war nach 19 Saisons, 21 Rennsiegen und einem Weltmeistertitel dann doch etwas unwürdig. Denn zum Ende seiner Karriere kletterte Kimi Räikkönen zum letzten Mal aus einem Formel-1-Auto, als der Große Preis von Abu Dhabi noch lief. Vorzeitige Aufgabe wegen eines Bremsproblems – so endete die große Karriere des Finnen eher unspektakulär.

Und wie nahm der "Iceman" das Ende auf? Cool, natürlich. "Manchmal läuft es im Sport so", sagte er bei Sky Sports: "Das ist ein Teil des Spiels und ehrlich gesagt war das Endergebnis für mich völlig egal." Vermissen wird er wohl nicht viel, dafür die Fans ihn umso mehr, denn der 42-Jährige ist Kult. Er war eine prägende Figur, weil er so anders war als alle anderen.

Er pfiff auf die Etikette. 2006 verriet er zum Beispiel live im TV, warum er die Ehrung vor Michael Schumachers (vermeintlich) letztem Karriererennen verpasst hat. "I was having a shit." (Nett umschrieben: "Ich war auf der Toilette.") Ein echter Räikkönen, denn weichgespülte PR-Akrobatik war nicht sein Ding.

Dafür war er vor allem eines: authentisch. Dazu knorrig, wortkarg, bisweilen gelangweilt, dabei stets trocken. Cool eben. Der "Iceman" war eine Marke für sich, wie sie die Formel 1 brauchte - und heute mehr denn je braucht. Denn viele der neuen Piloten sind vor allem eines: nichtssagend.

Kimi Räikkönen: Mehr als der kühle "Iceman"

Streng genommen war Räikkönen das eigentlich auch, für Journalisten konnte seine Art schon mal anstrengend werden, weil er nie einen Hehl daraus machte, dass er auf Pressearbeit schlicht keine Lust hatte. Bei den Medien gab es daher das Räikkönen-Bingo: Wie viele seiner kurzen Stehsätze wird er dieses Mal wohl sagen? "Das Rennen ist morgen" oder "Ich will gewinnen" oder "Es war schwierig" oder "Es ist für alle gleich" oder "Es ist mir egal". Über seine Eigenart, Antworten oft mit einem "Boah" (oder ist es doch eher ein "Bwah" oder "Bwoah"?) zu beginnen, gibt es ganze Compilations.

So oder so: Die Fans haben es geliebt, auch seine Funksprüche. Denn auch im Cockpit ist Räikkönen kein Freund großer Unterhaltungen gewesen. "Leave me alone, I know what I'm doing", schimpfte er 2012 in Abu Dhabi in Richtung Lotus-Renningenieur. Räikkönen gewann am Ende das Rennen. Zum Abschied spielte sein aktueller Rennstall Alfa Romeo auf den legendären Spruch an. "Dear Kimi. We will leave you alone now", stand beim 350. und letzten Rennen auf seinem Auto.

Ein Phänomen in der Formel 1

Räikkönen war stets ein Phänomen. Wo andere verkrampft und verzweifelt versuchen, sich als Marke aufzubauen, ist Räikkönen populär, obwohl (oder weil?) er im Grunde nie etwas dafür tat. Er lebte sein introvertiertes Image, tat, was er wollte und blieb sich treu. "Ich mache Dinge so, wie ich sie für richtig halte. Der Rest kümmert mich nicht", sagte er mal der Deutschen Presse-Agentur. Man könne natürlich vorgeben, jemand anderes zu sein, das gehe ein Jahr, vielleicht auch zwei Jahre gut. Auf lange Sicht mache einen das aber kaputt: "Die Leute mögen vermutlich, dass ich mich so gebe, wie ich auch tatsächlich bin."

"Er ist immer sehr ehrlich und das mag ich an Kimi sehr", sagte auch sein Ex-Teamkollege Fernando Alonso: "Nach außen hin ist er der kalte 'Iceman', aber wenn die Maske unten ist, ist er ein sehr guter Mensch." Und sein Kumpel Sebastian Vettel wird vor allem "die Ruhe" vermissen, beide sind in den gemeinsamen Jahren bei Ferrari Freunde geworden.

"Ich habe genug gesoffen"

Räikkönen hat der Formel 1 mit seiner Art immer auch den Spiegel vorgehalten, sich und den ganzen Zirkus nicht zu ernst genommen. "Ich habe einen Großteil meines Lebens in der Formel 1 verbracht. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Aber es war nie das Wichtigste in meinem Leben", sagte er bei seiner letzten Pressekonferenz, zu der er zu spät kam.

Er war einer der letzten echten Haudegen, ein bisschen der unnahbare Rebell, eine Reminiszenz an die wilden Formel-1-Jahre mit den Laudas, Stewarts und Hunts. Zwischendurch mit Partys, Zigaretten und Alkohol inklusive. Einblicke in den privaten Räikkönen gewährte er mal in seiner Autobiografie "The Unknown Kimi Räikkönen". Dort schrieb er über eine schwierige Kindheit, über Eltern, die das wenige Geld in seine Karriere steckten, und den Alkohol.

Ärger gab es deswegen schon im Militärdienst, weil er betrunken zu spät oder gar nicht kam. 2012 war er zwischen zwei Formel-1-Rennen 16 Tage am Stück betrunken - um schließlich im nächsten Rennen Dritter zu werden. "Es hat meiner Karriere nicht geschadet", heißt es in dem Buch. "Ich habe halt auch noch für die anderen getrunken. Heute bin ich nicht mehr hinter dem Alkohol her. Und ich sitze auch nicht bloß da und warte, dass meine Karriere vorbei ist, damit ich wieder zu trinken anfangen kann. Ich habe genug gesoffen."

Können sich die Fans denn Hoffnungen machen, dass er vielleicht in anderer Funktion zurückkehrt? Im Management eines Formel-1-Teams? Die Antwort überrascht nicht: "Nein, da steckt zu viel Blödsinn und Politik drin. Ich finde das lächerlich. Aber so ist es eben, es scheint, dass es schlimmer und schlimmer wird."

Verwendete Quellen:

  • Sportschau.de: Räikkönen über Kumpel Vettel: "Mit Sebastian war es enger"
Interessiert Sie, wie unsere Redaktion arbeitet? In unserer Rubrik "Einblick" finden Sie unter anderem Informationen dazu, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte kommen.

Mehr Formel-1-Themen finden Sie hier

Formel 1: Mercedes verzichtet auf Berufung - Verstappen bleibt Weltmeister

Lewis Hamiltons Mercedes-Team verzichtet nach dem umstrittenen Formel-1-Finale nun doch auf eine Berufung, Max Verstappens erster Weltmeistertitel gerät damit nicht mehr in Gefahr. Wie die Silberpfeile am Donnerstag mitteilten, werden sie nicht mehr gegen das Ergebnis des letzten Saisonrennens in Abu Dhabi vorgehen. © ProSiebenSat.1