• Ferrari hat sich nach zwei schwierigen Jahren in der Formel 1 zum Auftakt der neuen Saison in Bahrain mit einem Doppelsieg zurückgemeldet.
  • Mehr noch: Die Roten können sich in dieser Form Hoffnungen auf den WM-Titel machen.
  • Die Verantwortlichen versuchen trotzdem, die Euphorie einzufangen.

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Es gibt nicht allzu viele Dinge, auf die sich Formel-1-Fans im Titelkampf einigen können. Doch eine Sache trifft auf eine breite Zustimmung: Ferrari gehört zur Spitze der Motorsport-Königsklasse. Niemand will die Roten so blass erleben wie in den vergangenen Jahren. Deshalb war nicht nur in Maranello die Freude groß, dass Charles Leclerc und Carlos Sainz dem Traditionsrennstall beim Saisonauftakt in Bahrain einen Doppelsieg bescherten.

Den Verantwortlichen war die Mischung aus Freude, Genugtuung und Erleichterung deutlich anzusehen. "Ich wiederhole mich immer wieder", sagte Leclerc, "aber die letzten beiden Jahre waren unglaublich schwierig für das Team. Wir wussten, dass dies eine große Chance für das Team sein würde, und die Jungs haben einen unglaublichen Job gemacht, indem sie dieses tolle Auto gebaut haben." Sainz stellte klar, dass Ferrari zurück sei "mit diesem Doppelsieg. Wir sind jetzt da, wo das Team sein sollte. Die harte Arbeit des Teams hat sich ausgezahlt".

Die neuen Autos als große Chance

Die große Chance, die Leclerc meint, sind die neuen Autos und die damit verbundene Tatsache, dass die Teams 2022 mehr oder weniger bei Null angefangen haben. Und Ferrari hat die Hausaufgaben fraglos am besten erledigt, der Ferrari F1-75 war beim Auftakt in Bahrain das ganze Wochenende über das beste und zuverlässigste Auto, noch vor Red Bull Racing mit Titelverteidiger Max Verstappen, der ohne seinen späten Ausfall Zweiter geworden wäre. Der einstige Branchenprimus Mercedes ist aktuell sogar nur die dritte Kraft.

Neben einem schnellen und standfesten Auto hat Ferrari wohl auch den besten Motor – im Moment ist das eine unschlagbare Kombination. Leclerc zeigte sich zudem fehlerfrei, schnell und hart im Zweikampf gegen Verstappen: Auch der Monegasse legte einen titelreifen Auftritt hin.

Schlechter Scherz

Er konnte sich am Ende des Rennens sogar einen Scherz erlauben. Über Funk sagte er, mit dem Motor stimme etwas nicht. "Ich bin sicher, die Ingenieure haben fast eine Herz-Attacke bekommen. Natürlich war alles in Ordnung mit dem Motor", sagte Leclerc später. Eine kleine, aber feine Anspielung auf früheres, tragisches Scheitern auf hohem Niveau, was den Rennstall auch ausmacht. Doch ganz ohne Witz: Ferrari hat ein sportliches Ausrufezeichen gesetzt.

Diese Wiederauferstehung der Scuderia nach 910 Tagen ohne einen Sieg sorgt in der Heimat dann auch für jede Menge Euphorie - und eine Titel-Fantasie. Für den Corriere dello Sport ist Ferrari "der einzige Herrscher der Formel 1", die Gazzetta dello Sport jubelte: "Rote Euphorie! Ein legendärer Leclerc siegt im Duell mit Verstappen, Sainz vollendet das Meisterwerk." Der Corriere della Sera feiert wiederum eine “rote Renaissance!”, La Repubblica den "roten Wahnsinn".

Ferrari - mehr als ein Rennstall

Es ist nicht nur diese ganz eigene Art, einen Doppelsieg zum Auftakt einer Saison so emotional-verrückt zu feiern, die Ferrari ausmacht. Denn Ferrari ist nicht einfach nur ein Rennstall – Ferrari ist ein Gefühl, Ferrari ist anders, Ferrari verkörpert Historie, Emotionen, Tradition, Kult und Renngeist. Im Grunde vieles, was den Rennsport ausmacht.

Und nirgendwo liegen Triumphe, Tränen und Dramen näher beieinander, mit keinem Team kann man besser mitleiden, mitlachen, mitfiebern und sich mitfreuen. 2007 holte Kimi Räikkönen letztmals den Fahrertitel nach Maranello, 2008 reichte es noch für den Konstrukteurstitel. Seitdem? Gab es sehr oft Pleiten, Pech und Pannen.

Launische Diva und ein lahmer Gaul

Der Grund für die anhaltende Erfolglosigkeit ist eine Summe aus diversen, immer wieder auftretenden Problemen und Eigenheiten, die Ferrari so speziell machen. Viel Politik hinter den Kulissen, jede Menge Druck, aber auch strittige und kuriose sportliche Entscheidungen. Das springende Pferd ist oft eine widerspenstige, launische Diva, eine Zicke, vor allem aber war es in der jüngeren Vergangenheit ein lahmer Gaul. Doch mit dem neuen Reglement und dem Auftakterfolg kehrt die Hoffnung auf den alten Glanz zurück. Gerade die Traditionalisten und Puristen setzen darauf, dass Ferrari den Getränkehersteller-Rennstall Red Bull Racing und den Seriensieger Mercedes aufmischt.

Deshalb jubeln auch die Formel-1-Verantwortlichen. "Ohne Zweifel", sagte Geschäftsführer Stefano Domenicali, "ist es für jeden gut zu sehen, dass Ferrari wieder so wettbewerbsfähig ist". Und Sportchef Ross Brawn, der gemeinsam mit Legende Michael Schumacher fünf WM-Titel nach Maranello holte, "kann natürlich nicht leugnen, dass Ferrari bei mir noch immer im Herzen ist. Und sie hatten jetzt ein paar schwere Jahre. Wir freuen uns sehr für sie", so Brawn bei Sky.

Bereit für die WM?

Denn erstmals seit 2018 – damals noch mit Sebastian Vettel im Cockpit – scheint Ferrari tatsächlich bereit zu sein für den WM-Titel. Der Erfolg in Bahrain soll keine Eintagsfliege sein, kein One-Hit-Wonder. "Der Druck ist sehr, sehr hoch", sagte Teamchef Mattia Binotto, der auch dafür zuständig ist, die Euphorie ein bisschen einzufangen. "Aber wir müssen uns einfach nur auf das, was wir tun, konzentrieren und alles andere vergessen, sonst wäre es ein zu großer Stress."

Der Italiener schiebt die Favoritenrolle deshalb erst einmal noch zu Red Bull Racing. Man müsse "mindestens vier oder fünf Rennen abwarten", um über WM-Tauglichkeit reden zu können. "Da steckt aber noch mehr Potenzial im Auto", so Binotto. Das gilt es, in den kommenden Wochen und Monaten bei der Weiterentwicklung des Autos herauszukitzeln. Denn auch darauf kommt es an - zurücklehnen und ausruhen auf dem Erfolg kann und darf sich Ferrari nicht. "Wir werden um den Titel kämpfen, ganz sicher", versprach Leclerc. Die Fans werden es gerne hören.

Verwendete Quellen:

  • Pressekonferenzen
  • Sky TV-Übertragung

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