Große Emotionen am 23. Spieltag: In Köln zeigt sich beim Videobeweis eine "Gerechtigkeitslücke", die kaum zu schließen ist. Und auf Schalke sorgt der Bruder von Bayern-Torwart Manuel Neuer dafür, dass ein Fünftliga-Schiedsrichter völlig unerwartet zum Einsatz kommt.

Alex Feuerherdt
Meine Meinung
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Als Claudio Pizarro am Samstag in der vierten Minute der Nachspielzeit mit einem famosen Flugkopfball ins Tor von Hannover 96 traf, erbebte die Arena im Kölner Stadtteil Müngersdorf förmlich.

Denn der 39-jährige Peruaner schien mit dem späten Treffer, seinem ersten für den 1. FC Köln, den Rheinländern nicht nur im letzten Moment drei Punkte gesichert, sondern auch neue Hoffnung im verzweifelten Kampf gegen den Abstieg gegeben zu haben.

Drei Tage nach Aschermittwoch spielte die Stadionregie wieder Karnevalsmusik ein, die Kölner Fans riefen glückselig den Nachnamen des Torschützen. Es war ein besonderer, höchst emotionaler Moment.

Doch seit dieser Saison genügt nicht mehr der kurze Blick zum Schiedsrichter und zum zuständigen Assistenten an der Seitenlinie, um sicher sein zu können, dass ein Tor auch wirklich zählt.

Denn wenige Kilometer vom Kölner Stadion entfernt überprüfen Video-Assistenten in einer Zentrale jeden Treffer noch einmal ganz genau. Das dauert manchmal eine Weile.

Korrekt, aber emotional schwer zu ertragen

So kann es passieren, dass die Tormelodie schon gespielt, der Schütze schon gefeiert, der vermeintlich neue Spielstand schon bekannt gegeben und der Ball schon auf den Anstoßpunkt gelegt wurde, ehe der Referee plötzlich die Umrisse eines Monitors in die Luft zeichnet und anzeigt: Das Tor wird annulliert.

So wie Markus Schmidt in Müngersdorf.

Seine Entscheidung, die er auf Empfehlung des Video-Assistenten Marco Fritz traf, war unzweifelhaft richtig, denn der Vorlagengeber Marcel Risse hatte, vom Schiedsrichter-Assistenten unbemerkt, einen halben Schritt im Abseits gestanden.

Emotional aber war die Rücknahme des Treffers für die Kölner Fans naturgemäß schwer zu ertragen, denn die Enttäuschung ist bekanntlich besonders groß, wenn sie einen Zustand der Euphorie jäh beendet.

Was den Kölner Missmut noch steigerte, war, dass der Assistent sich zuvor bereits zweimal bei Abseitsentscheidungen zuungunsten der Domstädter geirrt hatte, wodurch Simon Terodde und Simon Zoller um sehr gute Torchancen gebracht wurden.

Anders als bei Pizarros Tor ließen sich diese Fehler allerdings nicht mithilfe des Videobeweises korrigieren.

Sollen die Assistenten kein Abseits mehr anzeigen?

Das verweist auf etwas, das gerne als "Gerechtigkeitslücke" im Reglement bezeichnet wird: Ein Abseitstor kann mithilfe des Videobeweises zurückgenommen werden, eine falsche Abseitsentscheidung dagegen macht eine Tormöglichkeit unwiderruflich zunichte. Denn die Chance lässt sich nicht wiederherstellen.

Die Schiedsrichter sind deshalb eigentlich angewiesen, bei engen abseitsverdächtigen Situationen in Tornähe nicht sofort zu pfeifen, wenn der Assistent die Fahne hebt, sondern die Szene zu Ende spielen zu lassen und bei einem Torerfolg den Video-Assistenten zu Rate zu ziehen.

Bei Teroddes und Zollers Chancen wäre das möglich gewesen. Optimal ist das gleichwohl nicht, denn auch, wenn nicht ein Fahnenzeichen, sondern erst ein Pfiff das Spiel unterbricht, werden zumindest die Verteidiger irritiert reagieren. Ärger ist deshalb programmiert.

Manch einer schlägt deshalb vor, die Assistenten sollten einfach grundsätzlich kein Abseits mehr anzeigen. Wenn sich dann im Zuge der Videoprüfung nach einer Torerzielung herausstelle, dass eine strafbare Abseitsstellung vorlag, werde der Treffer eben aberkannt.

Eine kaum zu schließende "Gerechtigkeitslücke"

Was spontan nachvollziehbar klingt, ist allerdings auch nicht ideal: Was wäre beispielsweise, wenn aus einem Abseits zwar kein Tor resultiert, aber ein Freistoß oder Eckstoß für die angreifende Mannschaft, der dann zu einem regulären Treffer führt?

In diesem Fall dürfte der Video-Assistent vor dem Freistoß oder Eckstoß nicht eingreifen, weil deren Berechtigung nicht überprüft wird.

Das sei aber bereits jetzt ein Problem, wird daraufhin eingewendet. Gefolgt von der Anregung, die Regeln noch radikaler zu ändern und die Video-Assistenten nach ausnahmslos jedem Angriff in der nächsten Spielunterbrechung nachsehen zu lassen, ob ein Abseits vorlag.

Die unweigerliche Folge davon wären allerdings zahlreiche Spielunterbrechungen – einmal abgesehen davon, dass die Schiedsrichter-Assistenten ihre wichtigste Aufgabe verlören.

Eine Aufgabe, bei der sie in der Bundesliga normalerweise eine Trefferquote von deutlich über 90 Prozent haben. Die "Gerechtigkeitslücke" wäre also nicht zu schließen, ohne den Fußball drastisch zu verändern. Ob das wirklich eine gute Idee wäre?

Von der fünften Liga zum Vierten Offiziellen

Zu einem seltenen Kuriosum kam es derweil beim Spiel des FC Schalke 04 gegen die TSG 1899 Hoffenheim (2:1). Kurz nach der Pause verletzte sich Schiedsrichter-Assistent Robert Schröder bei einem Sprint kurz nach der Pause so schwer, dass er durch den Vierten Offiziellen Guido Kleve ersetzt werden musste.

Er konnte auch nicht dessen Funktion übernehmen. Also wurde ein qualifizierter Schiedsrichter gesucht, der die Funktion des Vierten Offiziellen übernimmt. Das dauerte einige Minuten, doch dann fand sich Stefan Tendyck an der Seitenlinie ein.

Der IT-Berater pfeift normalerweise Spiele in der Oberliga Westfalen, also der fünfthöchsten Klasse.

Das Spiel hatte er zunächst in der Nordkurve verfolgt, dort, wo die lautesten und engagiertesten Schalker Fans stehen. Dann aber ereilte ihn, wie die WAZ berichtet, der Anruf von Marcel Neuer.

Der ältere Bruder des Bayern-Torhüters ist selbst Unparteiischer und außerdem Schiedsrichter-Betreuer des FC Schalke 04. Sein dringender Auftrag an Tendyck lautete: Komm runter und spring ein.

So kam der 33-Jährige zu einem gänzlich unerwarteten und ganz besonderen Einsatz – den er mit Sicherheit so bald nicht vergessen wird.