Der FC Bayern München hat einen nahezu unbekannten Franzosen zum wohl teuersten Transfer seiner Geschichte gemacht. Wer ist Corentin Tolisso, was sind die Stärken und Schwächen des 22-Jährigen - und passt er überhaupt zu den Bayern?

Für bis zu 50 Millionen Euro - zählt man den Sockelbetrag von 35 Millionen plus etwaige Bonuszahlungen zusammen - soll Corentin Tolisso also von Olympique Lyon zum FC Bayern München gewechselt sein.

Damit ist er nicht nur einer der teuersten Transfers des Sommers, sondern auch der teuerste der Bayern-Historie. Zuvor hielt 40-Millionen-Mann Javi Martinez diesen Rekord.

Bei einer bestimmten Frage platzt Rumäniens Nationaltrainer der Kragen.

Ähnlich wie bei Martinez damals geben die Bayern auch jetzt unheimlich viel Geld für einen Spieler aus, den man auf den ersten Blick nicht im obersten Regal der europäischen Top-Stars vermutet.

Und tatsächlich hat Tolisso (noch) nicht den großen Namen, in Deutschland ist der 22-Jährige beinahe unbekannt. Mit dem Abgang von Xabi Alonso entstand bei den Bayern ein Vakuum im zentralen Mittelfeld.

Mit Sebastian Rudy holte der Rekordmeister einen Spieler, der quasi eins-zu-eins auf Alonsos Position vor der Abwehr einsetzbar ist.

Bärenstark auf der Acht

Tolisso kann im Prinzip auch auf der Sechs spielen, bringt seine Qualitäten aber deutlich besser auf einer der Halbpositionen, also auf der Acht, ein.

In Lyons 4-3-3-Grundordnung gab er einen der beiden vorgezogenen Mittelfeldspieler, kam in 47 Pflichtspielen der abgelaufenen Saison auf 21 Scorerpunkte. 14 Treffer erzielte er selbst, sieben Mal bereitete er für einen Teamkollegen vor.

Sein Passspiel ist unglaublich fein und präzise, damit hielt er den Offensivmotor bei Olympique am Laufen.

Lyon wie auch der FC Bayern definiert sich über Ballbesitzfußball und ein geschmeidiges Positionsspiel, dafür sind passsichere und kreative Spieler unabdingbar. Diese beiden Eigenschaften bringt Tolisso in herausragender Qualität mit.

Dazu hat er einen guten Zug zum Tor, sucht auch aus der zweiten Reihe den Abschluss und bringt eine starke Geschwindigkeit in seinen Aktionen mit.

Und, besonders wichtig: Er hat das Gespür für Situationen, antizipiert trotz seines jungen Alters schon wie ein erfahrener Spieler und hat die Qualität, den letzten Pass zu spielen. Auch sein Offensivkopfball kann sich sehen lassen.

Was er weniger oft einsetzt, sind Dribblings. Das mag damit zu tun haben, dass er nicht der begnadete Dribbler ist, sollte aber auf der anderen Seite sein vorausschauendes Spiel nochmals unterstreichen.

Tolisso begibt sich durch eine starke Vororientierung erst gar nicht in Situationen, in denen ein Ballverlust wahrscheinlich erscheint. Diese Stärke hat er mit Alonso gemein.

Ein paar Schwächen

An seinem Rhythmusgefühl wird er aber noch arbeiten müssen. Bei den Bayern wird ein anderer Fußball verlangt als bei OL, das in der abgelaufenen Saison nicht mit den Spitzenteams der Ligue 1 mithalten konnte.

Bei den Bayern, die automatisch in jedem Spiel Favorit sind, sind mehr Tempowechsel gefragt, nicht immer Vollgasfußball.

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Im Spiel gegen den Ball gibt es noch das meiste Entwicklungspotenzial. Sein Stellungsspiel und das Rausrücken sind nicht immer gut, Ballgewinne durch einen von Tolisso abgefangenen Ball hatte OL in der abgelaufenen Saison weniger als einen pro Spiel.

Immerhin versteht er wie andere spielintelligente Spieler auch das Tackling nur als äußerste Notlösung.

Die Bayern waren in einigen Partien der jüngeren Vergangenheit - insbesondere mit Pep Guardiola - im Mittelfeld eine Spur zu offensiv ausgerichtet. Mit Tolisso dürfte sich dieser Effekt eher noch verstärken.

Wohl kein neuer Problemfall

Tolissos Qualitäten und seine Stärken sollten prinzipiell aber auch auf dem Niveau der Bayern ausreichen, um sich dauerhaft beim deutschen Rekordmeister zu etablieren.

Allerdings gab es in der Geschichte der Münchner schon gut zwei Dutzend anderer Spieler, die mit ebenso großen Vorschusslorbeeren angekommen waren und dann teilweise kläglich gescheitert sind.

Als letztes "abschreckendes" Beispiel gilt in München Renato Sanches. Der kostete die Bayern über 30 Millionen Euro und hat eine enttäuschende erste Saison in München hinter sich.

Der Portugiese hat nur etwas mehr als 900 Einsatzminuten bekommen, war in den wichtigen Partien nie eine Option. Sanches wirkte wie isoliert von der Mannschaft und tat seine Unzufriedenheit nicht nur einmal auch öffentlich kund.

Trotzdem soll er bei den Bayern bleiben. "Er wird nächste Saison definitiv hier sein, zu hundert Prozent. Wir werden ihn weder abgeben noch verleihen", sagte Trainer Carlo Ancelotti im Frühjahr und betonte zuletzt nochmal: "Wir müssen Geduld mit ihm haben - und der FC Bayern ist geduldig. Er ist hier nächste Saison."

Dass Tolisso ähnlich unbedarft an die Aufgabe FC Bayern herangeht wie Sanches in den ersten zwölf Monaten, ist kaum zu erwarten.

Zum einen sind mit Franck Ribéry und Kingsley Coman zwei weitere Franzosen im Kader, die den Anschluss erleichtern sollten. Dazu kommt noch Willy Sagnol als neuer Co-Trainer der Bayern.

Und zum anderen bringt Tolisso trotz seiner 22 Jahre schon ungeheuer viel Erfahrung mit. Rund 200 Pflichtspiele hat er für Lyon und die französischen Auswahlmannschaften bereits bestritten.

Und außerdem haben die Bayern noch einmal erfahren, wie wichtig eine schnelle Integration eines ausländischen Spielers ist. Es ist anzunehmen, dass sich die Münchner noch eine Spur intensiver um Tolisso kümmern werden.

Angst vor Neapel?

Vor einem Jahr war Tolisso übrigens schon so gut wie beim SSC Neapel gelandet. Der Deal galt als fix, als Ablöse standen 37 Millionen Euro im Raum. Im letzten Moment machte der Spieler dann aber doch noch einen Rückzieher.

Angeblich, weil er sich privat für die falsche Fernseh-Serie entschied. Tolisso soll von den Staffeln der Reihe "Gomorrha", die in Neapel spielt, so abgeschreckt worden sein, dass er sich nicht mehr traute, bei Napoli zu unterschreiben. "Irgendetwas hat in ihm Ängste vor der Stadt Neapel hervorgerufen. Ich gehe davon aus, dass ihn diese Serie beeinflusst hat", behauptete zumindest sein Berater.

Ob das alles nur der Legendenbildung diente oder tatsächlich ein Grund war, bleibt bis heute ein Rätsel. Sicher ist, dass Corentin Tolisso Ängste dieser Art in München eher nicht fürchten braucht.