Bisher überwiegen die Fragezeichen für den bevorstehenden Transfersommer des FC Bayern München. Doch eine Personalie kann den Bayern-Fans Hoffnung machen. Der einzige bisher feststehende Neuzugang Noussair Mazraoui (24) könnte eine Dauerbaustelle im Kader schließen.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
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Während sich die Bosse des FC Bayern aktuell mit kniffligen Fragen zu Vertragsverlängerungen und weiteren Neuzugängen beschäftigen, ist eine Personalie bereits so gut wie unter Dach und Fach. Noussair Mazraoui wird den FC Bayern ablösefrei von Ajax Amsterdam verstärken. Das bestätigten Spieler und zuletzt auch Bayern-Coach Nagelsmann ziemlich unmissverständlich.

Mazraoui ist einer von gleich mehreren Ajax-Spielern, die schon in den vergangenen Monaten immer wieder mit den Münchnern in Verbindung gebracht wurden. Dass es nun mit ihm als erstes klappte, liegt wohl auch daran, dass der 24-Jährige unbedingt zum FC Bayern wollte.

Als agiler, offensivstarker Rechtsverteidiger schließt der marokkanische Nationalspieler eine Lücke in München, die eigentlich bereits seit dem Abgang von Philipp Lahm im Sommer 2017 offen geblieben war. Seitdem wurde viel experimentiert in München. Innenverteidiger wie Jerome Boateng oder Niklas Süle mussten oft rechts in der Viererkette aushelfen. Neuzugänge wie Alvaro Odriozola oder Bouna Sarr funktionierten nicht.

Am häufigsten durfte Benjamin Pavard die komplexe Rolle auf dem rechten Flügel ausfüllen. Pavard ist ein guter Verteidiger, der vor allem defensiv sehr solide agierte. Offensiv spielt er deutlich dosierter als Alphonso Davies auf der anderen Seite. Ein Hinterlaufen des Flügelstürmers ist bei ihm eher die absolute Ausnahme. Bayerns Spiel hatte so häufig eine gewisse Schieflage, die aber zuletzt durchaus auch gewollt war, da Nagelsmann gern mit einer Dreierkette aufbaut.

Mazraoui soll den Etablierten Dampf machen

Nun also Mazraoui. Er ist anders als Frenkie de Jong oder Matthijs de Ligt kein Ajax-Spieler, dem der Sprung zu einem der absoluten Top-Clubs in Europa schon seit Jahren vorausgesagt wurde. Er musste sich in Amsterdam durchbeißen. Stand immer mal wieder auf der Kippe. Gut möglich, dass die Münchner genau das beeindruckt hat.

Nagelsmann deutete in der Vorwoche in der Pressekonferenz vor dem letzten Saisonspiel gegen Wolfsburg bereits an, was ihm an Mazraoui imponiert: "Das erste Gespräch war so, dass er extrem gebrannt und gesagt hat, er will nur für Bayern München spielen." Der FC Bayern brauche laut Nagelsmann Spieler "die brennen, die diesen Hunger haben, die auch die anderen Spieler, die hier sind, zu Höchstleistungen pushen. Dann werden wir besser werden."

Nagelsmanns Analyse ist klug. Es wäre falsch, der Bayern-Mannschaft nach der gerade gewonnenen zehnten Meisterschaft in Folge Sattheit zu unterstellen. Doch die einstmals so erfolgreiche Strategie, die Mannschaft auch durch hohen Konkurrenzkampf zu Höchstleistungen anzutreiben, hat zuletzt etwas gelitten. Zu groß war der Qualitätsabfall ab dem Kaderplatz 13 oder14. Es kann den Münchnern nur gut tun, wenn sich das ändert.

Mehr Druck in Richtung Tor

Sportlich bringt Mazraoui eine spannende Mischung mit. Er ist kein kleiner Flügeldribbler, sondern eher ein dynamischer, trotz seiner recht gewöhnlichen 1,83 Meter durchaus schlaksiger Außenspieler, der mit Wucht, Tempo, aber auch einer gewissen Finesse agiert. Also eher der Typ Lucio als der Typ Lahm. Die sieben Torbeteiligungen in der niederländischen Ehrendivision in dieser Saison sind zwar eher ein Ausreißer nach oben, doch der Zug in Richtung Tor ist in seinem Spiel immer sehr präsent. Gern rückt er dabei sogar bis zur gegnerischen Grundlinie vor, um mit scharfen Hereingaben für Gefahr zu sorgen. Solche Situationen waren für Pavard eher die absolute Ausnahme.

Defensiv hat Mazraoui eine Tendenz, etwas zu früh abzutauchen und den Ball per Grätsche zu klären, ist dafür aber stark im Gegenpressing. Seinen linken Fuß kann man als Schwäche bezeichnen. Trotzdem wird Bayerns Spiel durch ihn deutlich variabler auch im Ballbesitzspiel. Nagelsmann kann nun wählen zwischen einer sichernden (Pavard) und einer druckvollen (Mazraoui) Variante für die rechte Abwehrseite. Gut möglich, dass Pavard insgesamt auch deutlich häufiger wieder ins Abwehrzentrum rückt, wo er seine Stärken ebenfalls ausspielen kann.

Natürlich beweist sich die tatsächliche Qualität eines Transfers erst in der Realität auf dem Platz. Doch der FC Bayern kann sich glücklich schätzen, einen starken, hungrigen Spieler dazugewonnen zu haben, der zudem auf einer Problemposition im internationalen Fußball sofort weiterhilft.

Mazraoui ist inmitten der komplizierten Diskussionen um die Verträge von Lewandowski und Gnabry und dem auch ansonsten komplizierten Markt für Neuzugänge ein echter Hoffnungsschimmer für den deutschen Rekordmeister.

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