Der Schalker Leon Goretzka spielt in der Nationalmannschaft beim Confed Cup groß auf und erhöht damit den Druck auf Schalke und den FC Bayern. Dass Goretzka ein Spieler für den Rekordmeister ist, steht außer Frage. Aber: Bekommen die Bayern ihren Wunschspieler überhaupt? Und wenn ja, wann?

Eine Szene ist in der abgelaufenen Saison vielleicht am meisten hängen geblieben, wenn man sich Leon Goretzkas Leistungen betrachtet.

Sieg gegen Australien zeigt, warum Löw den Confed Cup braucht.

Im Europapokal gegen Ajax, als es für Schalke um nichts weniger ging, als eine völlig verkorkste Saison doch noch irgendwie zu retten, ging Goretzka über die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit hinaus.

Eigentlich hätte er nach einem Zusammenprall und einer Gehirnerschütterung und einem ausgerenkten Kiefer längst vom Platz gehört, mit solchen gravierenden Kopfverletzungen ist nicht zu spaßen.

Aber Goretzka spielte weiter, immer weiter. In der Halbzeitpause übergab er sich in der Kabine.

Kurz vor Ende der regulären Spielzeit musste er von zwei Betreuern gestützt vom Platz geleitet werden. Völlig ausgepumpt und benommen. Sekunden zuvor hatte er sich auf dem Rasen übergeben.

Nun kann man einen Einsatz bis zum Letzten als fahrlässig bezeichnen, immerhin spielte der 22-Jährige mit seiner Gesundheit.

Auf der anderen Seite erzählte diese Episode aber auch so viel über den Charakter und die Opferbereitschaft eines Spielers, der in der abgelaufenen Saison seinen Durchbruch in der Bundesliga geschafft hat und derzeit drauf und dran ist, das auch bei der Nationalmannschaft zu schaffen.

Fast überall spitze

Leon Goretzka war ohne Zweifel Schalkes Spieler der Saison. In fast allen relevanten Statistiken schaffte es die Nachwuchshoffnung unter die besten drei Spieler seiner Mannschaft.

30 Mal stand Goretzka in der Bundesliga auf dem Platz, 30 Mal von Beginn an. Nur Benedikt Höwedes stand länger auf dem Platz als Goretzka, nur Laufwunder Alessandro Schöpf spulte mehr Kilometer ab.

Er war - als zentraler Mittelfeldspieler - der Schalker mit den meisten Torschüssen, hat fünf Tore selbst erzielt und bei drei Treffern assistiert.

Kein anderer wurde auch nur annähernd so oft gefoult (54 Mal) und bestritt so viele Zweikämpfe wie Goretzka (749).

Man glaubt es aufgrund seiner schlaksigen Art und der hohen Übersetzung im Sprint kaum: Goretzka ist mit 34,4 km/h in der Spitze der schnellste Spieler im Schalker Kader.

Dass der geborene Bochumer in so vielen verschiedenen Kategorien Bestwerte aufweisen kann, verdeutlicht die unheimliche Flexibilität, die Goretzka im zentralen Mittelfeld einbringt.

Er kann zerstören und gestalten, aggressiv sein gegen Ball und Gegner und feinsinnig und elegant, wenn es um die eigenen Angriffe geht.

Wie er jetzt bei den Spielen der Nationalmannschaft gezeigt hat, besitzt er ein unheimlich gutes Raumgefühl und hat eine Antizipationsfähigkeit, die ihresgleichen sucht.

Goretzka erahnt, wohin er sich gleich wann bewegen muss, er diktiert den Spielzug mit seinen Laufwegen und bringt dann auch die nötige Technik mit, um den Angriff sauber zu Ende zu spielen.

Gegen Australien hat er einen Treffer vorbereitet und einen selbst erzielt, jeweils durch zwei energische Läufe in die Tiefe.

Das dritte Tor hat er quasi auch vorbereitet: Goretzka hat nach einem Doppelpass auf engstem Raum den Elfmeter zum 2:1 rausgeholt.

Vergleiche mit Schweinsteiger

"Im zentralen Bereich im Mittelfeld gibt es kaum jemanden, der so viel Dynamik, Technik und Spielintelligenz mitbringt. Er kann ein Spiel lesen, ist flexibel und von seinem Persönlichkeitsbild außergewöhnlich. Und das in dem Alter", sagt sein "Entdecker" und erster Förderer Peter Neururer bei "t-online.de".

Für den ehemaligen Bochum-Coach steht fest: "Goretzka kann mit seinen Qualitäten auf seiner Position Ähnliches leisten wie Bastian Schweinsteiger."

In den letzten Jahren war er häufiger verletzt, weshalb er sich in diesen Spielzeiten auch immer ein wenig unter dem öffentlichen Radar bewegt hat.

Spätestens nach der bärenstarken letzten Saison aber sind auch die ganz großen Klubs wieder hellhörig geworden. Und das ist kein gutes Zeichen für Schalke - und die Bayern.

Die Avancen des Rekordmeisters sind keine Neuigkeit, schon während der Saison musste sich Schalkes Sportdirektor Christian Heidel mit enervierenden Debatten um Goretzkas Zukunft herumschlagen.

Dass dann Goretzkas Berater Jörg Neubauer medienwirksam auf dem Münchener Flughafen einschwebte und sich zu Sondierungsgesprächen an die Säbener Straße begab, verschärfte die Spekulationen nur noch.

Noch mehr Bewerber als die Bayern?

Goretzka besitzt auf Schalke noch einen Vertrag bis zum nächsten Sommer. Danach ist der Spieler ablösefrei zu haben.

Schalke will natürlich unbedingt verlängern, allein schon aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Der Spieler ziert sich aber und will "keine Zwischenmeldungen zu meiner Zukunft" abgeben.

Bisher war der angebliche Plan, dass Goretzka noch ein Jahr in Gelsenkirchen bleibt und dann 2018 zu den Bayern wechselt. Ohne Ablöse für Schalke, aber mit einem dicken Handgeld für den Spieler.

Die zuletzt gezeigten Leistungen aber rufen unter Umständen noch einige Bewerber auf den Plan, die vorher vielleicht nicht ganz so interessiert waren.

Das ist gut für Goretzka und Neubauer, weil die Nachfrage ja bekanntlich unmittelbar den Preis bestimmt.

Für die Bayern aber könnte die "gmaade Wiesn" doch kein so leichtes Geschäft mehr sein. Die Münchener müssen abwägen, ob sie das Risiko eingehen und noch ein Jahr warten wollen, um den Spieler dann fast zum Nulltarif zu bekommen.

Kein zweiter Sané

Oder ob sie schon in diesem Sommer aktiv werden, mehr Geld als die bisher kolportierten 15 Millionen Euro in die Hand nehmen und sich Goretzka sichern, bevor er bei einem anderen Big Player unterschreibt.

Vor ziemlich genau einem Jahr haben die Bayern im Rennen um Leroy Sané einen Rückzieher gemacht.

Eigentlich wollten sie den Spieler unbedingt, fanden dann aber keinen geeigneten Platz für den Flügelspieler im Konzept von Carlo Ancelotti und stiegen aus dem Poker aus. Sané wechselte für 50 Millionen Euro zu Manchester City.

Das sollte im Fall von Goretzka kein zweites Mal passieren. Die Münchener verfolgen mehr denn je ihr altes Credo vom FC Bayern Deutschland, wollen die besten jungen Spieler des Landes in Rot spielen sehen und wieder eine große Mannschaft aufbauen.

Leon Goretzka scheint dafür ein wichtiger Mosaikstein zu sein. Bleibt nur die Frage, wann er tatsächlich zu den Bayern wechselt.