In dieser Spielzeit greifen die Video-Assistenten besonders oft nach Toren ein, vor allem im Zusammenhang mit dem Thema Abseits. Das hat viel damit zu tun, dass die Schiedsrichter-Assistenten eine Anweisung, die ihre gewohnte Praxis berührt, mittlerweile zuverlässig umsetzen.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Als der Düsseldorfer Angreifer Dodi Lukebakio in der Partie seiner Fortuna beim FC Bayern München (3:3) nach 77 Minuten ein Zuspiel aufnahm, noch einige Meter lief und den Ball schließlich zum zweiten Mal ins Tor von Manuel Neuer schoss, währte seine Freude zunächst nur kurz.

Denn an der Seitenlinie hatte der Schiedsrichter-Assistent ihn im Abseits gesehen und deshalb die Fahne gehoben. Das tat er reichlich spät, nämlich erst, als der Ball im Gehäuse der Münchner lag.

Doch anders als vor der Einführung der Video Assistentant Referees (VAR) ist diese verzögerte Zeichengebung – und der damit verbundene späte Abseitspfiff des Schiedsrichters – ausdrücklich gewollt. Denn nur so bekommt der Video-Assistent die Möglichkeit, die Szene zu überprüfen.

Schließlich darf und soll er im Falle eines Tores die Entscheidung des Unparteiischen einem Check unterziehen, ganz gleich, ob dieser den Treffer anerkannt hat oder nicht.

Hebt der Schiedsrichter-Assistent hingegen frühzeitig seine Fahne und pfeift der Referee daraufhin, bevor der Ball ins Tor gegangen ist, dann ist keine Videoprüfung mehr zulässig.

Die Schiedsrichter-Assistenten mussten sich umstellen

Sollte sich die Abseitsentscheidung anschließend als falsch erweisen, ist die Torchance unwiderruflich dahin. Deshalb sind die Schiedsrichter-Assistenten mittlerweile aufgerufen, bei engen Situationen in der Nähe der Tore zu warten, bis der Angriff abgeschlossen ist. Erst dann sollen sie ihr Fahnenzeichen geben, falls sie ein strafbares Abseits wahrgenommen haben.

Was für eine Blamage für den FC Bayern. Der Rekordmeister führt zu Hause gegen Düsseldorf zweimal mit zwei Toren und gewinnt am Ende dennoch nicht. Derweil marschiert Borussia Dortmund weiter.

Was nachvollziehbar und einfach klingt, ist in der Praxis jedoch nicht so leicht umzusetzen. Schließlich waren es die Assistenten jahrelang gewohnt, sofort die Fahne zu heben, wenn sie eine ahndungswürdige Abseitsstellung erkannten.

Sich einen solchen Automatismus abzutrainieren, braucht Zeit und ist ein bisschen so, als würde man einen Autofahrer auffordern, in bestimmten Situationen künftig mit dem Bremsen zu warten.

Doch inzwischen setzen die Helfer an den Seitenlinien diese Veränderung immer zuverlässiger um, so auch im Spiel zwischen dem Deutschen Meister und dem Aufsteiger aus Nordrhein-Westfalen.

Als der VAR die Überprüfung der Abseitsentscheidung beendet hatte, musste er Schiedsrichter Sven Jablonski allerdings mitteilen, dass der Schiedsrichter-Assistent sich geirrt hatte. Zur Freude von Dodi Lukebakio natürlich, dessen Tor am Ende doch zählte.

50 Prozent der Änderungen betreffen Torerzielungen

Dass die Assistenten die geänderte Anweisung verinnerlicht haben, spiegelt sich auch in Zahlen wider.

Bislang wurden 32 Entscheidungen in dieser Saison nach einem Eingriff des VAR geändert. Zwölf davon betrafen das Thema Abseits nach einer Torerzielung: Neunmal wurde ein Treffer wegen einer Abseitsstellung aberkannt, dreimal wurde ein ursprünglich annulliertes Tor doch noch für gültig erklärt.

Der Schwerpunkt bei den Einsätzen der Video-Assistenten hat sich verschoben: In der vergangenen Saison bezogen sich geänderte Entscheidungen in mehr als der Hälfte der Fälle auf Strafstöße, die nachträglich gegeben oder revidiert wurden. In dieser Spielzeit dagegen sind bislang 50 Prozent der Änderungen nach einer Torerzielung erfolgt.

Auffällig ist zudem, dass die Korrekturen, die auf einen Eingriff des Video-Assistenten zurückgehen, fast zu gleichen Teilen faktische und subjektive Entscheidungen betreffen.

Bei faktischen Entscheidungen gibt es nur schwarz und weiß, wie es etwa bei der Frage der Fall ist, ob ein Abseits vorgelegen oder ein Vergehen innerhalb oder außerhalb des Strafraums stattgefunden hat.

Subjektive Entscheidungen hingegen bewegen sich in einer Grauzone: Lag ein Foulspiel vor oder doch noch ein regelgerecht geführter Zweikampf? War das Handspiel strafbar oder nicht? Und ist die Antwort, die der Schiedsrichter auf eine dieser Fragen gegeben hat, klar und offensichtlich falsch oder gerade noch zu rechtfertigen?

Warum Thomas Müller keinen Elfmeter bekam

In der vergangenen Saison betrafen weit mehr als zwei Drittel der Änderungen nach einem Eingriff des VAR subjektive Entscheidungen, in dieser Spielzeit dagegen gab es 15 von 32 Korrekturen nach faktischen Entscheidungen.

Diese führen in der Regel nicht zu Debatten, weil es bei ihnen keinen Entscheidungsspielraum gibt. Manchmal sind die zur Verfügung stehenden Bilder jedoch nicht eindeutig genug, um zu beurteilen, ob der Schiedsrichter sich geirrt hat.

So wie etwa in der 85. Minute der Begegnung zwischen Bayern und Düsseldorf, als Thomas Müller an der Strafraumgrenze von Kevin Stöger gefoult wurde und Sven Jablonski auf Freistoß für die Gastgeber erkannte. Er hatte den Tatort also außerhalb des Sechzehnmeterraums ausgemacht.

Das Videomaterial legt zwar nahe, dass der Münchner auf der Strafraumlinie zu Fall kam, doch keine Perspektive schafft völlige Klarheit. Es lässt sich nicht zweifelsfrei sagen, welcher der beinahe gleichzeitig stattfindenden Kontakte an Fuß, Wade und Oberschenkel ursächlich dafür war, dass Müller zu Boden ging.

Darüber hinaus kann man auch nicht mit Sicherheit sagen, ob sich alle diese Körperpartien im maßgeblichen Moment innerhalb des Strafraums befanden.

In Leverkusen war der Fall klarer

Da die Video-Assistenten sich nach dem Wunsch ihrer sportlichen Leitung nicht als Detektive betätigen sollen und die Entscheidung des Referees, einen Freistoß statt eines Elfmeters zu geben, somit nicht offensichtlich falsch war, gab es aus der Kölner Videozentrale auch keinen Einwand.

Denn wenn beim VAR nach dem Betrachten der Bilder noch Restzweifel bestehen, soll es bei der auf dem Platz geschehenen Entscheidung bleiben.

Anders lag der Fall in der 14. Minute der Partie zwischen Bayer 04 Leverkusen und dem VfB Stuttgart (2:0). Hier ließ sich problemlos nachweisen, dass das Handspiel des Stuttgarters Emiliano Insua, das zu einem Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Robert Schröder führte, außerhalb des Strafraums stattgefunden hatte.

Deshalb intervenierte der Video-Assistent, und der Unparteiische änderte seine Entscheidung auf Freistoß. Manchmal geht es nur um wenige Zentimeter – und darum, ob eine Kamera die betreffende Szene so eingefangen hat, dass es keine zwei Meinungen geben kann.

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