In den beiden höchsten deutschen Fußballligen treffen die Unparteiischen am Wochenende nach zuletzt schwierigen Tagen einige beachtliche Entscheidungen – insbesondere in Bochum, Nürnberg und Berlin. Der FC St. Pauli dagegen hadert mit dem Referee.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

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Die Schiedsrichter in der Bundesliga mussten zuletzt einiges an Kritik verarbeiten. Christian Dingert beispielsweise wurde vom Sportgericht des DFB deutlich dafür getadelt, zum Auswechselchaos im Spiel des SC Freiburg gegen den FC Bayern München entscheidend beigetragen zu haben.

Er sei seinen Pflichten "in mehrfacher Hinsicht schuldhaft nicht nachgekommen", es gebe ein "gravierendes Fehlverhalten des Schiedsrichterteams in seinem originären Verantwortungsbereich", hieß es in dem am vergangenen Freitag ergangenen Urteil zum Einspruch der Breisgauer.

Im Nachholspiel zwischen dem FC Augsburg und dem 1. FSV Mainz 05 am Mittwoch wiederum traf Matthias Jöllenbeck eine Elfmeterentscheidung zugunsten der Hausherren, die er im Interview des Senders Sky in außergewöhnlicher Offenheit selbst als klaren Fehler bezeichnete. Der Video-Assistent hatte jedoch nicht interveniert.

Diaby macht’s wie Kainz im Pokal

An diesem Wochenende dagegen waren die Entscheidungen der Unparteiischen oft bemerkenswert gut, auch in Spielsituationen, die sich nur selten ereignen und zudem eine regeltechnische Herausforderung sind. So wie die Ausführung des Strafstoßes, den Referee Felix Zwayer in der Partie zwischen dem VfL Bochum und Bayer 04 Leverkusen (0:0) nach 64 Minuten den Gästen zusprach.

Moussa Diaby rutschte beim Schuss weg und schoss sich den Ball dadurch mit seinem linken Fuß gegen den rechten. Die Kugel flog ins Tor, und schon angesichts ihrer eigentümlichen Flugbahn dürfte Zwayer klar gewesen sein: Da stimmte etwas nicht, das war nicht regelkonform.

Deshalb entschied er sofort, also ohne Beratung mit dem VAR, auf indirekten Freistoß für den Gegner, die Bochumer. Diese Spielfortsetzung ist vorgesehen, wenn der Elfmeterschütze den Ball nach der Ausführung ein zweites Mal berührt, ohne dass vorher ein anderer Spieler am Ball war. Ob zwischen den beiden Kontakten nur einige Wimpernschläge liegen oder mehrere Sekunden, spielt dabei keine Rolle.

Der Strafstoß war eine Kopie des entscheidenden Elfmeters von Florian Kainz im Elfmeterschießen des DFB-Pokal-Achtelfinalspiels zwischen dem 1. FC Köln und dem Hamburger SV im Januar. Auch damals hatte der Schiedsrichter den kuriosen Verstoß bei der Ausführung bemerkt und den Elfmeter richtigerweise als vergeben bewertet.

Tor statt Strafstoß – und dadurch Gelb statt Rot

Auch in der Zweiten Liga kam es bei der Partie 1. FC Nürnberg gegen SV Darmstadt 98 (3:1) zu einer regeltechnischen Seltenheit. In der 58. Minute zielte der Darmstädter Phillip Tietz im Strafraum auf das Tor der Gastgeber, und dort verhinderte der Nürnberger Pascal Köpke mit einer Glanzparade, dass der Ball einschlägt.

Anders als sein Vater Andreas Köpke, langjähriger Nationalkeeper und Bundestorwarttrainer, ist Pascal allerdings kein Torhüter, sondern Angreifer – es handelte sich also um ein strafbares Handspiel. Der Ball gelangte gleichwohl zum Darmstädter Luca Pfeiffer, der ihn zum 1:1 im Nürnberger Tor versenkte.

Bei Vergehen, die einen Feldverweis nach sich ziehen, soll der Schiedsrichter zwar nur im Ausnahmefall die Vorteilsbestimmung anwenden. Eine solche Ausnahme war hier aber gegeben, weil eine Torerzielung möglich und sogar wahrscheinlich war.
Schiedsrichter Timo Gerach pfiff deshalb nach dem Handspiel auch nicht, sondern wartete intuitiv ab, ob sich ein Vorteil ergeben würde, und gab schließlich den Treffer. Zudem zeigte er Köpke die Gelbe Karte – und auch das war richtig.

Strafrabatt, wenn der Erfolg ausbleibt

Denn die Fußballregeln sehen eine Art "Strafrabatt" vor, wenn der Versuch, mit einem strafbaren Handspiel ein Tor zu verhindern, erfolglos bleibt: Statt des Feldverweises gibt es dann nur die Verwarnung, weil das unsportliche Vorhaben nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hat.

Nicht nur wegen dieser richtigen Entscheidungen in einer selten vorkommenden und schon deshalb nicht einfach zu lösenden Situation zeigte der Referee eine starke Leistung. Dafür erfuhr er Anerkennung, selbst vom Trainer des unterlegenen Teams.
Der Darmstädter Coach Torsten Lieberknecht, für die Unparteiischen aufgrund seiner Emotionalität nicht immer einfach im Umgang, lobte Gerach und dessen Team auf der Pressekonferenz nach dem Spiel ausdrücklich. "Die Schiedsrichter fand ich heute auch sehr aufmerksam", sagte er. Den Vierten Offiziellen Tom Bauer hob Lieberknecht sogar explizit hervor: "Er hat sehr beruhigend auf viele Dinge eingewirkt."

Jablonski glänzt im Berliner Stadtduell

Auch Sven Jablonski überzeugte als Leiter des emotionalen Berliner Stadtduells zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union (1:4) am Samstagabend.

Mit der Gelben Karte gegen den Hertha-Torwart Marcel Lotka, der sich nach 13 Minuten mit einem Rempler gegen die Brust von Grischa Prömel für dessen unmittelbar vorangegangenes Foulspiel revanchiert hatte, setzte der Unparteiische aus Bremen ein deutliches und wegweisendes Zeichen. Auch ansonsten gefiel Jablonski durch eine klare Linie, eine souveräne Spielkontrolle und ein sicheres Auftreten.

Unmut über den Unparteiischen herrschte hingegen beim FC St. Pauli nach dem Topspiel in der Zweiten Liga gegen den SV Werder Bremen (1:1). Denn Referee Florian Badstübner hatte nach 58 Minuten ein Handspiel des Bremers Felix Agu in der Entstehung des Ausgleichstreffers der Gäste nicht bestraft.

Agu hatte den Ball beim Versuch, auf der linken Außenbahn an seinem Gegenspieler Marcel Beifus vorbeizuziehen, mit dem rechten Arm durch die Beine des Hamburgers befördert. Auf diese Weise versetzte er Beifus, nach drei weiteren Stationen stand es 1:1, dabei blieb es auch.

Der FC St. Pauli ist zu Recht unzufrieden

Nach Rücksprache mit VAR Sören Storks war es zwar zum On-Field-Review gekommen, doch dabei hatte Badstübner nur wenige Sekunden am Monitor verbracht, bevor er entschied: Das Tor ist gültig.

Der Schiedsrichter bewertete Agus Handspiel somit als nicht strafbar, vermutlich deshalb, weil er die Armhaltung des Bremers beim Handspiel als Teil einer natürlichen Bewegung zur Wahrung des Gleichgewichts ansah und für ihn keine Absicht im regeltechnischen Sinne vorlag.

Allerdings ging Agus abgespreizter Arm deutlich zum Ball, und das bei einer Gewichtsverlagerung aus eigenem Antrieb. VAR Storks hatte deshalb durchaus gute Gründe, Badstübner ein Review zu empfehlen.

Von denjenigen abgesehen, die zu Werder hielten, gab es auch eher wenige, die das Handspiel wie der Unparteiische nicht für ahndungswürdig hielten. Vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil der Vorteil, den Agu sich dadurch verschaffte, so offensichtlich war – doch das ist zumindest regeltechnisch kein Kriterium.

Ungeachtet dessen sprach hier aufgrund des Bewegungsablaufs und der Armhaltung, über die der in Ballbesitz befindliche Bremer entscheiden konnte, deutlich mehr für ein strafbares Handspiel. Badstübners Entscheidung sorgte für viele Diskussionen und einige Kritik. Doch dabei sollte nicht vergessen werden, dass es für die Unparteiischen ansonsten ein wirklich erfreuliches Wochenende war.

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