In Düsseldorf bekommt Hoffenheims Kapitän Hübner die Rote Karte, weil es seinem Gegenspieler gelingt, eine vermeintliche Tätlichkeit zu inszenieren. Selbst der Video-Assistent wird davon in die Irre geführt. Dennoch wird es wohl eine Sperre geben.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt

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Als im Februar 2011 nach dem WM-Qualifikationsspiel der U20-Teams von Ecuador und Chile das Video einer bizarren Spielszene viral geht, sind viele belustigt. Der Clip zeigt den Chilenen Bryan Carrasco und seinen Gegenspieler Edson Montano beim Zweikampf, während es einen Einwurf für Ecuador gibt.

Nachdem der Ball im Spiel ist, greift sich Carrasco urplötzlich den linken Arm seines Gegners, reißt ihn nach oben und schlägt sich damit selbst ins Gesicht. Anschließend sinkt er theatralisch darnieder.

Es ist offenkundig, dass Carrasco einen Platzverweis für Montano provozieren will. Den gibt es zwar nicht, aber immerhin erreicht Carrasco eine Art Teilerfolg: Der Schiedsrichter gibt einen Freistoß für die chilenische Mannschaft. Natürlich ist das unfair, aber der Spieler macht sich auch selbst lächerlich.

Für Ramy Bensebaini gilt das genauso: Als der Profi von Borussia Mönchengladbach im Sommer 2019 beim Afrika-Cup im Viertelfinale mit Algerien auf die Elfenbeinküste trifft, tut er kurz vor der Halbzeitpause das Gleiche wie Carrasco, ebenfalls nach einem Einwurf.

In diesem Fall lässt sich der Unparteiische allerdings nicht hinters Licht führen: Er rüffelt Bensebaini, der bereits verwarnt ist und froh sein kann, nicht mit Gelb-Rot den Platz verlassen zu müssen. Denn eigentlich handelt es sich um eine Unsportlichkeit, um eine Täuschung, ähnlich einer "Schwalbe".

Kaan Ayhan mit einer Tätlichkeit gegen sich selbst

Jetzt hat sich ein vergleichbarer Fall auch in der Bundesliga ereignet, und zwar in der neunten Minute der Begegnung zwischen Fortuna Düsseldorf und der TSG 1899 Hoffenheim (2:2).

Vor einem Eckstoß für die Gäste gibt es das übliche Gerangel und Gedrängel im Strafraum - doch plötzlich liegt der Düsseldorfer Kaan Ayhan am Boden. Als Grund dafür macht Schiedsrichter Sören Storks einen Schlag von Benjamin Hübner aus. Deshalb zeigt er dem Hoffenheimer Kapitän die Rote Karte.

Hübner beschwert sich mit Nachdruck beim Unparteiischen, doch Storks hält an seiner Entscheidung fest - zumal Video-Assistent Christian Dingert ihm kein On-Field-Review empfiehlt.

Später aber präsentiert das Fernsehen eine Zeitlupe, die zeigt, dass Ayhan sich die Tätlichkeit gewissermaßen selbst zugefügt hat: Er drückte den linken Arm von Hübner, der vor ihm stand, mit seinem rechten Arm nach oben, was zur Folge hatte, dass ihn die Hand seines Gegenspielers im Gesicht traf.

Auch der Video-Assistent wurde überrumpelt

Anschließend ließ sich der Düsseldorfer theatralisch fallen. Es ist dennoch verständlich, dass der Referee den Ablauf anders wahrnahm und Hübner für die Schlagbewegung verantwortlich machte, zumal die Situation recht unübersichtlich war.

Hinzu kommt, dass man als Schiedsrichter jederzeit mit vielem rechnet - aber nicht mit einem solch durchtriebenen Manöver. Auch dem Video-Assistenten kann man letztlich kaum etwas vorwerfen.

Denn erst die sonst nachrangige Torlinienkamera - die normalerweise nur in Anspruch genommen wird, um zu prüfen, ob der Ball die Torlinie überschritten hat - zeigt mit einer Ausschnittvergrößerung und in verlangsamter Geschwindigkeit das Unerwartete und Unerwartbare mit der notwendigen Eindeutigkeit.

Die anderen Kameraeinstellungen hingegen legen den tatsächlichen Sachverhalt allenfalls nahe, offensichtlich ist er jedenfalls nicht. Um Ayhan zu überführen, bedurfte es also schon einer gewissen detektivischen Akribie.

Doch Detektive sollen die Video-Assistenten nicht sein. Trotzdem muss man festhalten: Die Rote Karte für Hübner war schlicht und ergreifend unberechtigt.

Eine Sperre für Hübner wird es wohl trotzdem geben

Eine Sperre wird ihm gleichwohl voraussichtlich nicht erspart bleiben. Denn nach den Regularien der Fifa zieht jeder Feldverweis eine Zwangspause von mindestens einem Spiel nach sich.

Ausnahmen werden sehr selten gemacht und nur bei einem sogenannten offensichtlichen Irrtum des Unparteiischen. Ein solcher liegt zum Beispiel vor, wenn durch eine Verwechslung dem falschen Spieler die Rote Karte gezeigt wird - was es allerdings seit der Einführung des VAR in der Bundesliga nicht mehr gegeben hat.

Aber auch angesichts der Tatsache, dass selbst der Video-Assistent trotz mehrerer Wiederholungen Ayhan nicht auf die Schliche gekommen ist, darf man bezweifeln, dass der Irrtum als offensichtlich eingestuft wird.

Denkbar ist aber, dass es bei der Mindestsperre von einem Spiel für Hübner bleibt. Dazu müssten der Kontrollausschuss und das Sportgericht des DFB eine Tätlichkeit verneinen - denn für diese wären wenigstens zwei Spiele Sperre fällig - und auf "unsportliches Verhalten" erkennen.

Auch sonst hatte der Schiedsrichter viel Arbeit

Kaan Ayhan dagegen dürfte nicht weiter belangt werden. Hätte der Schiedsrichter dessen Täuschungsmanöver auf dem Feld wahrgenommen, dann wäre aber eine Gelbe Karte die richtige Entscheidung gewesen.

Benjamin Hübner war jedenfalls empört: "Er schlägt mit seinem Arm meinen Arm nach oben", sagte er nach dem Spiel. "Meine Hand fährt in sein Gesicht, nicht fest. Meine Hand soll einfach nur zum Körper gehen, weil ich Abstand halten will. Und was Kaan Ayhan daraus macht, ist für mich eine ganz große Frechheit und eine Schande."

Sören Storks hatte noch weitere knifflige Entscheidungen zu treffen: Nach 20 Minuten verweigerte er beim Stand von 1:1 im Anschluss an ein Review einem Treffer von Fortuna Düsseldorf die Anerkennung, weil er den vorangegangenen Armeinsatz von Kenan Karaman im Luftkampf mit Stefan Posch als regelwidrig bewertete.

Und in der 75. Minute entschied der Referee auf Strafstoß für die Hausherren, nachdem Havard Nordtveit im eigenen Strafraum Hand an den Rücken von Erik Thommy angelegt hatte.

Beide Entscheidungen sind als ziemlich streng zu bewerten und hätten auch anders ausfallen können. Sie passten allerdings zur eher kurzen Leine des Unparteiischen bei der Zweikampfbeurteilung. Und das ist wichtig, wenn es um den Graubereich geht.