Die Aufregung um das härtere Vorgehen gegen Unsportlichkeiten, Spielunterbrechungen wegen Schmähungen gegen einen Funktionär, die Dauerbrenner Handspiel und VAR, dazu die Corona-Zwangspause und die Geisterspiele – für die Schiedsrichter war die Saison äußerst kräftezehrend und nervenaufreibend. Sie verdienen viel mehr Lob, als ihnen in der Öffentlichkeit zuteilwird.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt

Als am Samstagnachmittag der letzte Bundesliga-Spieltag der Saison 2019/20 beendet war, werden nicht zuletzt die Unparteiischen tief durchgeschnauft haben. Denn eine schwierigere Spielzeit dürfte es für sie selten gegeben haben.

Dieses Urteil bezieht sich weniger auf ihre Entscheidungen auf dem Feld als vielmehr auf Vorfälle und Entwicklungen, die nur teilweise etwas mit dem fußballerischen Geschehen zu tun hatten.

Die Spielleiter mussten plötzlich verstärkt auf Schmähungen gegenüber Funktionären reagieren; außerdem sollten sie unsportliches Verhalten auf dem Platz strenger ahnden – was eine Reaktion auch auf die Gewalt gegen Schiedsrichter im Amateurbereich war.

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Darüber hinaus stellten die durch Corona bedingten Umstände und Veränderungen natürlich auch für die Referees eine besondere Herausforderung dar.

Starke Schiedsrichterleistungen in den wichtigsten Spielen

Am 34. Spieltag waren die Unparteiischen insgesamt ein Randthema, dabei hätten gerade diejenigen, die in den wichtigsten Partien eingesetzt waren, ein dickes Lob verdient.

Harm Osmers und Bastian Dankert leiteten die Abstiegsduelle in Bremen und Berlin souverän, Deniz Aytekin und Benjamin Cortus ließen in den Begegnungen um den letzten Champions-League-Platz in Mönchengladbach und Leverkusen nichts anbrennen.

Keine Entscheidung wurde anschließend ins Zentrum der Kritik gerückt, niemand warf ihnen vor, den Kampf gegen den Abstieg oder um den Einzug in die europäische Königsklasse beeinflusst zu haben.

Es gehört zum Los der Schiedsrichter, dass sie nur dann im Mittelpunkt stehen, wenn sie strittige oder falsche Entscheidungen treffen. Zu selten werden dagegen gute Leistungen auch öffentlich honoriert.

Strittige Entscheidungen ohne wirkliche Relevanz

Mats Hummels ist sich keiner Schuld bewusst. Strafstoß gab es am Samstag trotzdem.

Und so wurde wieder mehr darüber diskutiert, warum es für den leichten Rempler mit angelegtem Arm von Mats Hummels gegen Munas Dabbur im Spiel zwischen Borussia Dortmund und der TSG 1899 Hoffenheim (0:4) beim Stand von 0:3 einen Elfmeter für die Gäste gab und der Video-Assistent nicht eingriff.

Oder weshalb der VAR in der Partie VfL Wolfsburg - FC Bayern München (0:4) beim Stand von 0:2 kein Review empfahl, als der Wolfsburger Torhüter Koen Casteels den Ball außerhalb des Strafraums nicht nur mit der Brust, sondern auch ein wenig mit der Hand spielte und es Argumente dafür gab, dass er so eine offensichtliche Torchance für die Gäste zunichtemachte.

Oder wieso es in der Begegnung FC Augsburg – RB Leipzig (1:2) so lange dauerte, ehe die Rote Karte gegen Philipp Max zurückgenommen wurde, nachdem auf den Bildern recht schnell zu erkennen war, dass dieser keine Notbremse gezogen, sondern den Ball gespielt hatte.

Nichts davon hat das jeweilige Spiel entscheidend beeinflusst, doch die Video-Assistenten sind und bleiben auch drei Jahre nach ihrer Einführung ein Dauerbrenner in der Fußballdebatte.

Oft unangemessen aufgeregte Diskussionen

Damit geht es ihnen letztlich wie ihren Kollegen auf dem Rasen: Machen sie ihre Sache gut, ist das selten der Rede wert; lässt sich über ihr Handeln streiten oder ist es gar falsch, dann stehen sie im Mittelpunkt.

Dass die Referees dank der VAR eine Vielzahl klarer Fehler korrigieren konnten, wird kaum einmal thematisiert; wenn sie dagegen vielleicht einmal zu Unrecht nicht intervenieren oder unnötigerweise eingreifen – was die Ausnahme ist –, löst das oft unangemessen aufgeregte Diskussionen aus.

Hinzu kommt, dass "Ermessensspielräume nicht mehr akzeptiert werden", wie Schiedsrichter Patrick Ittrich am Sonntag in der Talksendung "Sky90" bedauerte.

Soll heißen: Die Bilder des Fernsehens werden stets für objektiv und eindeutig gehalten, obwohl sie es längst nicht immer sind. Denn verschiedene Kameraperspektiven können zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Die TV-Bilder sind oft keineswegs eindeutig und objektiv

Die Zeitlupe wiederum verzerrt so manchen Sachverhalt, wodurch sich oft ein anderes Urteil aufdrängt als beim Betrachten der gleichen Szene in der Realgeschwindigkeit.

Ein typisches Beispiel dafür ist das Handspiel von Jérôme Boateng im Spiel des FC Bayern München bei Borussia Dortmund: Dass der Unparteiische auf dem Platz es als nicht strafbar bewertete, fand mal nicht einmal beim BVB zweifelhaft. Die verlangsamte Wiederholung dagegen suggeriert ein bewusstes Handeln des Münchners, das in Echtzeit kaum gegeben gewesen sein kann.

Der VAR stand hier vor einem echten Dilemma und entschied sich gegen einen Eingriff. Doch statt das Dilemma anzuerkennen, hieß es hinterher vielfach: Wie konnte er nur?

Intensive Debatte über Handspiel

Überhaupt das Thema Handspiel: Vor der Saison hatten die Regelhüter den Regeltext stark überarbeitet, statt der Absicht ist nun die Armhaltung das wichtigste Kriterium dafür, ob ein Handspiel strafbar ist oder nicht. Denn diese lässt sich einfacher feststellen.

Die Debatte über das Handspiel ist ermüdend

Außerdem gilt: Wird der Ball unmittelbar vor einem Tor vom Schützen oder einem Mitspieler mit der Hand gespielt, darf der Treffer auf keinen Fall zählen, selbst wenn das Handspiel noch so unbeabsichtigt und unvermeidbar war.

Die Neuformulierung der Regel hat den Graubereich bei der Bewertung von Handspielen nicht getilgt, aber kleiner werden lassen. Seitdem wird weniger darüber gestritten, ob ein Handspiel strafbar ist oder nicht – umso mehr jedoch darüber, ob die Regel jetzt fairer als vorher ist.

Besonders an der Festlegung, jedes Tor zu annullieren, bei dem zuvor eine Hand im Spiel war, entzündete sich zuletzt die Kritik. Dabei ist diese Regelung glasklar und reduziert den Ermessensspielraum auf null, was nun aber vielen auch wieder nicht recht ist.

Andere wiederum halten die Spielräume bei der Bewertung von Handspielen abseits von Toren immer noch für zu groß. Es ist eine zunehmend ermüdende Debatte – und nur eine von mehreren.

Bei Unsportlichkeiten waren die Referees nicht immer konsequent

Viele Diskussionen gab es auch über die Anweisung an die Referees in der Winterpause, Unsportlichkeiten wie Meckern, Ballwegschlagen und respektlose Gesten in der Rückrunde konsequenter zu ahnden als bislang.

Angesichts sich häufender Berichte über Angriffe auf Schiedsrichter im Amateurbereich sollten die Bundesliga-Referees nun durchgreifen und damit ein vorbildhaftes Zeichen bis in die unteren Ligen senden.

Tatsächlich bestraften sie die vielen Mätzchen und Unsitten nun häufiger als vorher mit Gelben Karten, wenngleich die letzte Konsequenz bisweilen fehlte.

Auf der anderen Seite standen strenge Gelb-Rote Karten gegen den Bremer Niklas Moisander und den Mönchengladbacher Alassane Pléa wegen unsportlichen Verhaltens, die zwar den verschärften Anweisungen entsprachen und damit vertretbar waren, bei den betreffenden Spielern und ihren Klubs aber Empörung auslösten.

Ob sich die neue Linie positiv auf den Amateurfußball auswirken und den dort pfeifenden Unparteiischen die Arbeit erleichtern wird, lässt sich noch nicht sagen – coronabedingt ruht dort seit Mitte März überall der Spielbetrieb.

Der "Dreistufenplan" ist auch eine Belastung für die Unparteiischen

Kurz bevor die Pandemie die Bundesliga vorübergehend zum Erliegen brachte, mussten die Schiedsrichter zudem häufiger als üblich den sogenannten Dreistufenplan zur Anwendung bringen.

Dieser sieht vor, dass bei Störungen von außen – etwa durch den Einsatz von Pyrotechnik, aber auch bei rassistischen Vorfällen – zunächst eine Unterbrechung und eine Stadiondurchsage erfolgt. Im Wiederholungsfall verlässt der Referee mit den Spielern das Feld, und in einem dritten Schritt bricht er das Spiel ab, wenn die Störungen nicht aufhören.

Ende Februar und Anfang März lernte die Bundesliga diesen schon länger existierenden Dreistufenplan kennen – weil die Unparteiischen angehalten waren, auch bei Schmähungen und Beleidigungen gegen den Mäzen der TSG 1899 Hoffenheim, Dietmar Hopp, einzugreifen.

So kam es am 24. Spieltag gleich in vier Bundesligaspielen zu Maßnahmen nach dem Dreistufenplan, der für die Schiedsrichter durchaus eine Belastung sein kann: Neben der Spielleitung auch noch auf Transparente, Spruchbänder und Gesänge achten und deren Inhalte bewerten zu müssen, ist eine schwierige zusätzliche Herausforderung.

Zumal die Unparteiischen damit zu denjenigen werden, die in einer kontrovers geführten gesellschaftlichen Debatte unmittelbar handeln und damit auch Position beziehen sollen.

Die Geisterspiele sind auch für die Schiedsrichter ungewohnt

Wenn man bedenkt, dass der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit eigentlich ein anderer ist, wird ihnen damit eine ziemliche Bürde auferlegt. Die Corona-Pause brachte diese Diskussion jedoch vorerst zum Erliegen.

Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs ohne Zuschauer war auch für die Schiedsrichter ungewohnt.

Gleiches gilt für weitere geänderte Rahmenbedingungen wie die regelmäßigen COVID-19-Tests vor den Einsätzen, die Anreise erst am Spieltag und die Tatsache, dass vieles von dem, was auf dem Platz gesprochen wird, nun im Fernsehen zu verstehen war.

Zwei Spieltage lang konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Spieler sich ohne Fans stärker gegenüber den Unparteiischen zurückhielten, dann aber waren wieder die gewohnten Muster zu beobachten. Diesen Teil der Normalität werden die Referees wohl kaum vermisst haben.

Insgesamt war es für sie eine ausgesprochen stressige sowie kräftezehrende und nervenaufreibende Saison. Wie gut unter diesen Umständen die weitaus meisten Leistungen waren, ist ihnen daher umso höher anzurechnen.

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